125 Jahre St. Josef-Stift in Sendenhorst
Mit einem Wohltäter fing alles an

Die Geschichte Josef Spithövers, des Stifters des St. Josef-Stifts, mutet wie ein modernes Märchen an. Vom Halbwaisen zum Wandergesellen und Wahl-Römer und schließlich zum Wohltäter – für Spithövers Heimatstadt Sendenhorst war es in jedem Fall ein Glücksfall, als am 16. September 1889 das St. Josef-Stift eröffnet wurde: Neben der Aufgabe als Krankenhaus hatte das St. Josef-Stift auch die Funktion als Kindergarten, Heim für zwölf Waisenkinder, Nähschule und Badeeinrichtung zur Hebung der hygienischen Verhältnisse. Heute ist das St. Josef-Stift Sendenhorst eine Fachklinik für Orthopädie und Rheumatologie mit bundesweitem Einzugsgebiet. Die Anfänge indes waren bescheiden …

Mittwoch, 05.11.2014, 19:11 Uhr

 
  Foto: Ernst Feix

Sendenhorst im 19. Jahrhundert: Das kleine Ackerbürgerstädtchen zählt nicht einmal 2000 Einwohner. Wohl denjenigen, die sich mit Kuh und Kleinvieh selbst versorgen konnten. Große Not herrschte indes in den Familien der zahlreichen Leineweber, die mit dem Aufstieg der Textilindustrie in der ersten Hälfte des Jahrhunderts ihr Auskommen verloren. Vor diesem Hintergrund entstanden in vielen Orten des Münsterlandes kleine Krankenhausstiftungen für die Krankenpflege und medizinische Versorgung der armen Bevölkerung.

In diese Zeit wurde Josef Spithöver am 2. Oktober 1813 als Sohn eines Zimmermanns hineingeboren. Sein Vater starb, als er vier Monate alt war. Der Sendenhorster Bürgermeister Langen nahm das Kind in Pflege, ermöglichte ihm eine solide Schulausbildung und schließlich in Coesfeld eine Lehre zum Buchbinder. Es folgten Jahre der Wanderschaft, die Spithöver bis nach Skandinavien, Berlin, Prag und schließlich 1842 in die Stadt seiner Träume, nach Rom, führte.

Josef Spithöver vereinte in seiner Person eine aufrichtige Glaubenshaltung mit einer glücklichen Hand für Geschäfte. So gründete und führte er in Rom am Spanischen Platz äußerst erfolgreich die erste deutsche Buchhandlung, der er bald einen Verlag anschloss. Ferner handelte er auch mit Kunstwerken. Zu Wohlstand gekommen, erwarb er 1862 ein großes Grundstück für den Bau einer Villa. Im Boden dieses Grundstücks wurden antike Kunstwerke gefunden, die er geschickt vermarktete. Spithöver war in Rom aber auch ein geschätzter Bürger, der als Camerlengo mit der Finanzverwaltung des Campo Santo Teutonico betraut wurde und dessen Haus in Rom ein Anlaufpunkt für deutsche Rom-Reisende, Pilger und Künstler war.

Zeit seines Lebens war Josef Spithöver Junggesellle. Seine Glaubenshaltung bewog ihn, Not zu lindern, unter anderem durch verschiedene Stiftungen. Die bedeutendste ließ er seiner Heimatstadt zukommen. Sendenhorst war in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts so arm, dass die Stadt nicht einmal das Armenhaus erhalten konnte. Auch fehlte es an einem Krankenhaus, ein Missstand, dem Josef Spithöver – allerdings erst nach langem Zögern – abhalf. 1887 bis 1889 ließ er für 362 000 Goldmark das – gemessen an der Größe Sendenhorsts – imposante Krankenhaus errichten und sicherte es mit einem Stiftungsvermögen von weiteren 300 000 Goldmark ab. Das Gebäude entwarf der Architekt Wilhelm Rincklake im Stil eines barocken Schlossgebäudes mit neugotischen Zutaten und einem mächtigen neugotischen Kirchturm in der Mitte. Das Krankenhaus war für die damalige Zeit so üppig und großzügig dimensioniert, dass sich der damalige Bürgermeister schon sorgte, wie es allein mit Sendenhorster Patienten gefüllt und wirtschaftlich betrieben werden konnte. Spithöver hatte verfügt, dass Sendenhorster Bürger bei Bedürftigkeit kostenlos behandelt und gepflegt werden sollten.

Die Geschicke des Krankenhauses legte Spithöver in die Hände eines Kuratoriums, das sich aus ehrenwerten Sendenhorster Bürgern zusammensetzen sollte. Den Pflegedienst übernahmen nach dem Willen des Stifters Schwestern der Mauritzer Franziskanerinnen. Die Schutzpatrone des Krankenhauses sind der heilige Josef und die heilige Elisabeth.

Bis etwa 1920 erfüllte das St. Josef-Stift als sozialer Stützpunkt für Sendenhorst mehr oder weniger die Aufgaben, die Spithöver bei seinen Überlegungen von 1884 vorgegeben hatte. Schon während des Ersten Weltkrieges kam es zu einem deutlichen Geldwertverfall; nach dem Krieg stiegen die Preise so stark, dass es unmöglich wurde, die Pflege der Kranken und Armen zu finanzieren.

Nach der großen Inflation 1922/23 blieben von dem einstmals stattlichen Stiftungsvermögen gerade einmal 19 925 Goldmark übrig. Nach dem Ersten Weltkrieg nahm das St. Josef-Stift, damals unter Leitung von Dr. Dr. Eduard Goossens , unterernährte und kranke Kinder aus dem Ruhrgebiet auf. Auf Drängen der Provinzverwaltung gelang es, in Zusammenarbeit mit dem Landeskrüppelarzt Dr. Josef Lintel-Höping und der Hüfferstiftung in Münster, dem bestehenden Belegkrankenhaus ab 1922 eine Heilstätte für Knochen-, Gelenk- und Drüsentuberkulose anzugliedern.

Wirtschaftlich gesehen bedeutete das die Rettung, weil für diese Patienten die öffentliche Hand bezahlte und sie teilweise über Jahre zur Behandlung bleiben mussten. Gegen die Tuberkulose gab es damals keine wirksamen Medikamente, vielmehr wurden die Patienten mit Luft- und Liegekuren behandelt sowie mit guter Ernährung aufgepäppelt, die ab 1927 vom stiftseigenen Gut Röper sichergestellt wurde. Für die vielen Kinder gründete Goossens 1925 eine Krankenhausschule.

In den mageren Jahren während und nach dem Zweiten Weltkrieg fanden viele ausgebombte und obdachlos gewordene Menschen aus Münster Zuflucht im St. Josef-Stift, darunter der Konvent der Schwestern vom Guten Hirten aus Münster und als berühmtester Gast der Bischof von Münster Clemens August Graf von Galen, der von Oktober 1944 bis Dezember 1945 von Sendenhorst aus das Bistum lenkte. Insgesamt bedeuteten diese Jahre weitgehenden Stillstand der Entwicklung im St. Josef-Stift.

In den 1950er Jahren machte der medizinische Fortschritt die Heilstätte mit ihren 256 Betten überflüssig. Es setzte sich nämlich die Erkenntnis durch, dass Milch von Tbc-befallenen Kühen Hauptinfektionsweg für die Knochen- und Drüsentuberkulose ist. Zudem gab es inzwischen wirksame Medikamente, so dass keine jahrelangen Liegekuren mehr nötig waren.

Das St. Josef-Stift musste neue Betätigungsfelder finden. Den Wandel zu einer orthopädischen Klinik packte schließlich Dr. Heinrich Book an, der am 1. April 1957 ins St. Josef-Stift kam und im Oktober 1960 zum Chefarzt ernannt wurde. Obwohl die Finanzlage nicht gerade rosig war, wurde 1957 mit dem Bau eines Bewegungsbades begonnen, das damals großes Aufsehen erregte. Die Liegehallen im Park wurden abgerissen und ab 1960 entstanden ein großes Behandlungshaus mit Operationssälen, zahlreiche Pavillonbauten im Park sowie bis 1971 ein großes Bettenhaus.

Die 1970er Jahre waren eine Dekade des rasanten Wissenszuwachses in der Medizin. Diagnostik und Behandlungsmöglichkeiten wurden komplexer; mit der einsetzenden Spezialisierung vertrauten sich die Menschen immer mehr den neu entstehenden Fachzentren an mit entsprechenden Folgen für die alles abdeckenden allgemeinmedizinischen Abteilungen kleiner Krankenhäuser – so auch für das St. Josef-Stift. Der 50 Betten umfassende Belegteil sollte im Rahmen des Krankenhausplans bis zum 31. Dezember 1978 geschlossen werden. Mit Protestnoten konnte die Schließung des Belegteils noch einmal um ein Jahr hinausgezögert werden, tatsächlich vollzogen wurde sie zum 31. August 1980.

Da die Proteste wirkungslos blieben, begann Ende der 1970er Jahre eine fieberhafte Suche nach neuen Nutzungsmöglichkeiten für den Allgemeinen Teil des St. Josef-Stifts. Mit Erfolg: Der Schwerpunkt Rheumatologie, bis dahin einzigartig im Münsterland, bildete ab 1980 eine perfekte Ergänzung zur bestehenden Fachklinik für Orthopädie. Beide Fachgebiete deckten die vollumfängliche Behandlung von Erkrankungen des menschlichen Bewegungssystems ab und bildeten die Keimzelle für das Orthopädische Kompetenzzentrum und das Rheumatologische Kompetenzzentrum Nordwestdeutschland. Aus beiden Schwerpunkten gingen weitere spezialisierte Fachabteilungen hervor: 1982 die Rheumaorthopädie sowie die Anästhesie und Intensivmedizin, 1989 die Kinder- und Jugendrheumatologie, 1992 die Wirbelsäulenchirurgie und 2001 die Klinik für Ambulante Operationen und Sporttraumatologie. Medial bundesweites Aufsehen erregte 1984 die Eröffnung der europaweit ersten Kältekammer zur Schmerzlinderung der entzündeten Gelenke der Rheumapatienten.

Der konsequente Weg der Spezialisierung und Qualitätsorientierung war begleitet von zahlreichen großen Bauprojekten, mit denen das St. Josef-Stift alle Abläufe und Prozesse um den Patienten herum organisierte und entsprechend baulich abbildete. Mittlerweile werden im St. Josef-Stift jährlich mehr als 31 000 Patienten aus dem gesamten Bundesgebiet ambulant und stationär behandelt, darunter auch zahlreiche Spitzensportler. Als Alleinstellungsmerkmal im weiten Umkreis nahm 2012 das Reha-Zentrum am St. Josef-Stift seinen Betrieb auf, so dass Patienten nach künstlichem Gelenkersatz oder Wirbelsäulenoperationen nun am gleichen Standort auch die Rehabilitationsbehandlung angeboten wird.

Mit Gründung der St. Elisabeth-Stift gGmbH erweiterte sich 1997 das Tätigkeitsfeld der Stiftung um die Altenpflege mit niedrigschwelligen ambulanten Angeboten bis hin zur Rund-um-Betreuung in Altenpflegeheimen in Sendenhorst, Albersloh, Everswinkel und Ennigerloh. Ergänzt wird das Pflege- und Betreuungsnetzwerk durch die Seniorenberatung und den Palliativstützpunkt der Heinrich und Rita Laumann-Stiftung.

Zum Thema

Zu seinem 125-jährigen Bestehen lädt das St. Josef-Stift in Sendenhorst am Sonntag, dem 14. September, zu einem Tag der offenen Tür in der Zeit von 11 bis 16 Uhr ein. 

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