Literatur
Bespitzelter Lyriker - Reiner Kunze wird 80

Obernzell (dpa) - In der DDR wurde er jahrelang bespitzelt - selbst als der regimekritische Schriftsteller Reiner Kunze 1977 in die Bundesrepublik übersiedelte, behielt die Stasi den Lyriker im Visier. Reiner Kunze verkörpert die deutsch-deutsche Geschichte wie nur wenige Künstler.

Donnerstag, 15.08.2013, 10:08 Uhr

Heute sieht sich Kunze eher als Weltbürger und Europäer. «Ich habe nie so etwas wie Nationalstolz gehabt», sagt der Autor, der diesen Freitag (16. August) 80 Jahre alt wird und dessen Bücher millionenfach verkauft und in mehr als 30 Sprachen übersetzt wurden.

Stillstand oder Rückzug aufs Altenteil gibt es für den vielfach ausgezeichneten Autor nicht. «Gerade erst ist ein 370-seitiger Gedichtband in den USA erschienen», sagt Kunze. Zudem sei er dort für sein Lebenswerk ausgezeichnet worden.

Kunze wurde in Oelsnitz im Erzgebirge als Sohn eines Bergarbeiters geboren. Seine akademische Laufbahn an der Leipziger Universität musste er in den 1950er Jahren aus politischen Gründen aufgeben. Als Hilfsschlosser hielt er sich über Wasser, ehe er freiberuflicher Autor wurde. Im Jahr 1976 erschien dann der Prosa-Band «Die wunderbaren Jahre», in dem er kritisch den Alltag von Jugendlichen in der DDR beschrieb.

Das Buch führte zum Ausschluss aus dem DDR-Schriftstellerverband und wurde für das Ehepaar Kunze 1977 zum Fahrschein in den Westen. Innerhalb weniger Tage genehmigten die DDR-Machthaber den Ausreiseantrag. Noch im selben Jahr erhielt Kunze die bedeutendste Literaturauszeichnung der Bundesrepublik, den Georg-Büchner-Preis . Das Ehepaar lebt seitdem in Obernzell bei Passau - in einem Haus mit einem großen Gelände, das sie heute noch auf Trab hält.

«Ich gehe immer noch in den Steilhang hinter meinem Haus und schneide das Gestrüpp und den Wildwuchs», betont der Feingeist. Außerdem halte ihn die ausgewogene Küche seiner Frau, die Medizinerin ist, fit. Fernsehen ist bei den Kunzes Tabu. «Wir hören lieber Rundfunk», betont der Autor.

Zudem kümmere er sich mit seiner Frau um die Reiner und Elisabeth Kunze-Stiftung. Nach dem Tod der Eheleute soll ihr Wohnhaus ein Dokumentations- und Ausstellungszentrum werden - eine «Stätte der historischen Wahrheit» mit zeitgeschichtlichen Briefen, Stasi-Dokumenten, Fotos, Filmen und Tonaufnahmen.

Kunze ist aber auch weiter als Lyriker aktiv. «Ich brauche nur immer sehr lange für meine Bücher. Deshalb habe ich nicht so viele veröffentlicht», sagt der Autor. Besonders stolz, weil kompliziert zu schreiben, ist er auf sein 2011 erschienenes Gedichtbuch für Kinder «Was macht die Biene auf dem Meer?». Das sei das Schönste, aber auch Schwierigste, das er gemacht habe. «Kinder auf die Tragik des Lebens vorzubereiten, ohne sie traurig zu machen.»

Groß feiern will der Lyriker seinen runden Geburtstag nicht. Es werde genug Arbeit auch an diesem Tag geben. «Ich hoffe aber, dass ich einen ruhigen Augenblick mit meiner Frau haben kann», sagt Kunze.

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