Literatur
Carolin Emcke: Europa mit Leidenschaft verteidigen

Auch beim Friedenspreis des Deutschen Buchhandels sind Frauen eine rare Spezies. Carolin Emcke gehört jetzt zu den Ausnahmen. Allerdings hätte sie sich einen anderen Tag für die Auszeichnung gewünscht.

Freitag, 24.06.2016, 12:06 Uhr

Carolin Emcke ist erst die neunte Frau, die den seit 1950 vergebenen Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhält.
Carolin Emcke ist erst die neunte Frau, die den seit 1950 vergebenen Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhält. Foto: Arno Burgi

Berlin (dpa) - Die Journalistin und Publizistin Carolin Emcke bekommt den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels für ihr Engagement um Frieden und Dialog.

Am Tag eins des Brexit erklärt die 48-jährige Wahlberlinerin im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur , warum sie gerade nach dem Nein der Briten den Einsatz für Europa so wichtig findet.

Frage: Es gibt ja nicht so viele Frauen in der Liste der Preisträger. Eine Überraschung?

Antwort: Ich bin so erstaunt wie beglückt. Und ich finde es eine ungeheure Ehre, in eine Reihe mit denen gestellt zu werden, die den Preis vor mir bekommen haben. Da sind natürlich auch Autorinnen und Autoren, Denkerinnen und Denker dabei, die mein Leben und Schreiben geprägt haben, und insofern ist das auch ein sehr berührender Moment. Martin Buber , Jürgen Habermas, David Grossman, Susan Sontag - das sind Figuren, die mich heute eher demütig fühlen lassen. Aber natürlich hätte ich mir gewünscht, dass diese Nachricht nicht auf einen Tag fällt, der so traurig für Europa ist.

Frage: Sind die Brücken zu Großbritannien jetzt abgerissen?

Antwort: Mein ganzes Leben lang war ich dankbar dafür, dass ich Europäerin sein darf. Und ich fürchte, vielleicht haben wir das auch ein bisschen zu selbstverständlich genommen. Ich gehöre ja zu einer Generation, die Europa nicht erringen musste, sondern der es geschenkt worden ist. Ich habe mir dieses Privileg, in Europa leben zu dürfen, durch nichts verdient. Nun ist es an der Zeit, Europa auch zu verteidigen gegen diejenigen, die es mit ihrem Nationalismus und ihren Ressentiments unterwandern.

Frage: Sie bekommen den Preis auch für Ihr Engagement, den Dialog da fortzusetzen, wo er nicht mehr möglich erscheint ...

Antwort: Natürlich braucht es Dialog! Nicht erst seit heute. Wir werden alle Argumente und alle Leidenschaft auffahren müssen gegen den Fetisch des Reinen, den alle Fanatiker kultivieren. Es gibt keine homogenen Kulturen oder Nationen - das ist eine Fiktion. Wir brauchen ein aufgeklärtes Plädoyer für offene, säkulare, inklusive Demokratien, die die Freiheit derer schützen, die abweichen von irgendeiner Norm. Gleichwohl gilt es natürlich die Entscheidung zu akzeptieren - es ist eine demokratische Entscheidung. Aber wir müssen weiter darum ringen, was Europa sein kann und welche Versprechen noch unerfüllt geblieben sind.

Frage: Welche wären das für Sie?

Antwort: Es geht immer noch um Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Das ist leider für viele Ausgeschlossene immer noch bloß ein Versprechen. Europa kann nur überzeugen, wenn es die eigenen demokratischen Defizite selbstkritisch betrachtet, wenn es sich um mehr Inklusion, nicht weniger bemüht, wenn es mehr Religionsfreiheit verwirklicht, nicht weniger, wenn es unter dem Eindruck des Terrors den Rechtsstaat verteidigt, nicht aushöhlt, wenn es der Einladung zu Ressentiment und Gewalt widersteht mit allen politischen, künstlerischen, sozialen Mitteln.

ZUR PERSON: Carolin Emcke, 1967 in Mülheim an der Ruhr geboren, gilt als eine der profiliertesten deutschen Journalistinnen und Publizistinnen. Viele Jahren berichtete sie aus Kriegs- und Krisengebieten, vor allem für den «Spiegel» und «Die Zeit». Sie lebt als freie Autorin in Berlin.

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