Das Antlitz Amerikas
Bildband zeigt «National Geographic»-Hits

Es ist das wohl populärste Fotoreportage-Magazin überhaupt: «National Geographic» bestimmt seit Jahrzehnten mit, wie die USA in der Welt gesehen werden. Eine Auswahl der spektakulären Bilder zeigen zwei voluminöse Bildbände.

Mittwoch, 04.01.2017, 15:01 Uhr

Das Cover des Bildbandes «National Geographic. USA».
Das Cover des Bildbandes «National Geographic. USA». Foto: -

Köln (dpa) - Große Namen, große Budgets: Für seine imposanten Fotostrecken scheute das US-Magazin «National Geographic » selten Kosten und Mühen. Zwei großformatige Bildbände aus dem Taschen Verlag zeigen nun eine Auswahl der Aufnahmen, die ein farbenprächtiges Bild der USA des 20. Jahrhunderts zeichnen.

Deutlich wird bei «National Geographic. USA» immer wieder: Um eine möglichst wahrheitsgetreue Darstellung ging es die meiste Zeit lang nicht.

Die National Geographic Society, 1888 gegründet von Wissenschaftlern und Abenteurern, schickte Autoren und später auch Fotografen in alle Welt, um die Geografie und Kultur anderer Länder zu dokumentieren. Die von der Gesellschaft herausgegebene Monatszeitschrift «National Geographic» feierte vor allem die Heimat - mit opulenten Aufnahmen, die Vaterlandsliebe, Pioniergeist und Wohlstand zelebrierten.

«Es steckte eine gewisse Zielsetzung in der Art und Weise, wie «National Geographic» Amerika sah und darüber berichtete», wird Thomas Kennedy zitiert, der in den 1990er Jahren für die Bildauswahl der Zeitschrift zuständig war. Leitgedanke war demnach lange Zeit, die USA möglichst so zu zeigen, wie sie sich im Selbstverständnis der weißen Mittelschicht darstellten. «Die Fotos von National Geographic unterfütterten das idealisierte Bild der Geschichte und Kultur.»

Zu den thematischen Grundfesten zählte die Erhabenheit amerikanischer Naturlandschaften: Nationalparks waren Gegenstand Hunderter Artikel und Tausender Fotografien. Autos, oft und prominent platziert in Fotografien aus der Nachkriegszeit, symbolisierten den wachsenden Wohlstand der USA und unterstrichen das Ideal persönlicher Freiheit.

Oft strahlte das von den Fotografien vermittelte Bild über die US-Grenzen aus, und das bis heute: beim Mythos des «Wilden Westens» zum Beispiel. Cowboys und Indianer hätten die Fotografen von National Geographic unwiderstehlich gefunden, heißt es im Buch. «Die Fotos von Cowboys, die fast alle heroische Posen zeigen, demonstrieren deren schroffe Eigenwilligkeit und das amerikanische Männlichkeitsideal.»

Aber auch in anderen Bereichen hätten die aufwendig inszenierten Fotos oft wie Druckanzeigen oder Filmstandbilder gewirkt. «Die Aufnahme von Männern, die das Schaufenster eines Ladens für Bergbauzubehör in Colorado betrachten , könnte geradewegs aus einem Frank-Capra-Film stammen.» Ähnlich klischeebeladen sei Dean Congers gestelltes Foto von 1961, das einen Polizisten zeigt, der einem Autofahrer Hilfe leistet.

Ab den 60er Jahren seien die Aufnahmen zwar qualitativ immer hochwertiger und ihre Aussage subtiler geworden, Lobeshymnen auf Amerika habe es aber weiter gegeben. Erst von den 70er und 80er Jahren hätten auch Schattenseiten ins Blatt gefunden, in kleinen Dosen zumindest: Bilder von Umweltverschmutzung, Armut, dem Verfall der Städte und anderen sozialen Missständen.

Die in den Bänden präsentierten Aufnahmen sind den jeweiligen Bundesstaaten zugeordnet, zu denen es einleitende Texte gibt. Zu Alaska etwa ist zu lesen, dass es wohl wirklich die Grenze der zivilisierten Welt sei. Nicht so sehr, weil es am äußeren Ende des Kontinents liege, sondern aufgrund der Menschen, die dort leben. Ein Bild aus dem Jahr 1984 etwa zeigt Yupik-Mädchen, die der Tradition ihres Volkes folgend Jagdglück teilen - in diesem Fall von einem Stammesmitglied geschossene Kaisergänse. Weitere Aufnahmen zeigen eine Eishöhle, ein Gold-Prüfungsamt und einen Stapel aus Heilbutt.

Für Arizona stehen unter anderem ein Riesenkaktus, ein Kachina-Tänzer aus dem Volk der Hopi und ein Blick aus einem Motelzimmer an der Route 66. Zu Kalifornien heißt es: «Seit jenem denkwürdigen Tag im Januar 1848, als James W. Marshall in den Mühlgraben der Sutter’s Mill stieg und dort den ersten Goldnugget fand, ist Kalifornien Inbegriff des amerikanischen Traums, die Erfüllung der Manifest Destiny.» Die Fotos des Kapitels zeigen einen Amateurakrobaten am Strand, den berühmten «Zep Diner» in Los Angeles und das «Tomorrowland» in Disneyland.

Für Missouri zeigt eine Aufnahme von Lewis R. Freeman um 1900 das von tiefen Falten und Furchen durchzogene Gesicht des Chippewa-Häuptlings John Smith, dessen Volk die Region der Großen Seen und Ostkanadas bewohnte. «Missouris ehemals große indianische Bevölkerung wurde durch den Indian Removal Act von Andrew Jackson im 19. Jahrhundert dezimiert», heißt es dazu. «Zurzeit gibt es keine von den USA anerkannten Indianerstämme in Missouri.»

Eine Erdgasflamme in der Prärie wiederum, aufgenommen 2013, symbolisiert den Boom des Frackings in North Dakota, das der einst wenig dynamischen Wirtschaft des Staates zu neuem Aufschwung verhalf. Eine andere Boom-Zeit wurde 1917 in Oregon festgehalten: Flachwagen und Arbeiter an einer Güterstrecke sehen neben gefällten Baumgiganten aus, als gehörten sie zu einer Modelleisenbahn. Ein ähnlich verwirrend wirkender Blickfang ist das Pferdetrio, dass an einem Brontosaurier vorbei trabt - aufgenommen 1956 im «Dinosaur Park» bei Rapid City in South Dakota, wo man viele Dino-Fossilien ausgegraben hat.

Luftaufnahmen verdeutlichen, dass Geld bei den Aufträgen der Fotografen oft keine Rolle spielte. Tausende Aufnahmen wurden gemacht, um ja das geforderte perfekte Bild liefern zu können. Im Anhang geben kurze Biografien zu den Fotografen spannende Einblicke in das Leben dieser Elite.

«National Geographic. USA» ist eine vielfach nicht die Realität, sondern das Wunschbild der jeweiligen Generation widerspiegelnde Hommage an die USA, an ihre Menschen, ihre Geschichte und die Schönheit ihrer Natur. Ein fotografisches Gedächtnis der Superlative, in dem sich stundenlang stöbern lässt.

- Jeff Klein, Joe Yogerst, David Walker, Reuel Golden: National Geographic. USA, Taschen Verlag, Köln, 2 Bände im Schuber, 964 Seiten, 275,00 Euro, ISBN 978-3-8365-6397-0.

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