Auf der Suche
Die Poesie der Bohrinsel: Anja Kampmanns erster Roman

Die Lyrikerin Anja Kampmann hat ihren ersten Roman geschrieben: Die Geschichte von Wenzel, der sich nach harten Arbeitsjahren auf einer Bohrinsel auf die Reise zu seiner inneren Heimat macht. Die Jury für den Preis der Leipziger Buchmesse war begeistert.

Mittwoch, 28.02.2018, 11:02 Uhr

«Die Stürme dort draußen sind nicht für Menschen gemacht» von Anja Kampmann.
«Die Stürme dort draußen sind nicht für Menschen gemacht» von Anja Kampmann. Foto: -

Berlin (dpa) - «Die Stürme dort draußen sind nicht für Menschen gemacht.» Es gibt Wellenberge, die Regen und Blitze schlucken und selbst das Schreien des Sturms.

Auf eine Bohrinsel vor der nordafrikanischen Küste hat es Wenzel - oder Waclaw - verschlagen. Als sein bester Freund dort, der Ungar Matyas, in einem solchen Sturm stirbt und vom Meer verschluckt wird, macht Wenzel sich auf den Weg in dessen Heimat. Er möchte der Familie die wenigen Hinterlassenschaften bringen. Doch der Schmerz über den Verlust treibt Wenzel immer weiter über durch Europa - auf der Suche nach sich selbst und nach einem inneren Ort, an dem er ankommen und vielleicht bleiben kann.

In ihrem ersten Roman «Wie hoch die Wasser steigen», für den sie für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert ist, greift die Hamburgerin Anja Kampmann damit ein Thema auf, das ihr ähnlich als Kurzgeschichte 2013 bereits den MDR-Literaturpreis einbrachte. Und sie tut es in einer Sprache der Lyrik - der Literaturform, für die sie in den vergangenen Jahren ebenfalls schon mehrfach Auszeichnungen erhielt.

Stille, ebenso poetische wie glasklare Beobachtungen reihen sich, nur durch Kommas getrennt, ganze Absätze lang aneinander. Die den Naturgewalten ausgelieferte Bohrinsel, die sonnendurchglühte Hafenstadt Tanger, die staubige ungarische Puszta, das verrußte Ruhrgebiet von Wenzels Kindheit oder das ländliche Polen - sie ziehen in vielen Details vorbei. Das liest sich schwebend und schön, oft wie ein langes Gedicht.

Und dennoch bleibt Wenzel dabei wie hinter einer Wand versteckt. Verborgen für sich selbst. Aber für lange Zeit, und das ist mehr als die Hälfte des Buches, durchaus auch für den Leser. Was vom inneren Aufbau des Romans her nachvollziehbar ist, fordert beim Lesen also einige Geduld. Erst als Wenzel, nach Zwischenstopps und distanzierten amourösen Kurzaffären in Ungarn und auf Malta, schließlich in den Bergen bei Genua einen alten Freund seines Vaters wiederfindet, rückt er einem etwas näher.

Dieser Freund Alois ist nicht nur Taubenzüchter, sondern als ehemaliger italienischer Gastarbeiter im Ruhrpott auch ein wichtiges inneres Verbindungsglied zu Wenzels Vater, dem gleichfalls zugereisten Polen. Der ging als Bergmann schließlich erbärmlich an seinen Lungen voller Ruß zugrunde - und wohl auch an seinen nicht erfüllten Träumen. Alois hingegen schaffte es zurück nach Italien. Und die weit in den Himmel fliegenden Tauben, die er schon im Ruhrgebiet züchtete, hat Wenzel in all den Jahren nicht vergessen.

Eine dieser Tauben wird Wenzel in einem altersschwachen Fiat Fiorino mit über die Alpen nach Norden nehmen, wo er weiter forscht. Nach seinen Wurzeln, nach den Wünschen, die ihn einst forttrieben, und auch nach seiner ersten, tief vergrabenen Liebe, Milena. Die Taube lässt er schließlich frei. Findet sie den Weg zurück nach Italien? Wird ihr Magnetsinn für sie zum «Heimfindevermögen», wie Kampmann es nennt? 

Für Wenzel muss man die Frage am Ende verneinen. Der Romantitel schlägt den Bogen: vom gefährlichen, durch Wassereinbrüche und Einstürze bedrohten Untertage-Leben des Vaters bis zum Sohn, der Freiheit und ein neues Leben auf einer von Wellen umtosten Bohrinsel sucht. Und der auch nach langer Reise, am Meer stehend, keine Perspektive mehr findet. Die Wasser steigen zu hoch.

- Anja Kampmann: Wie hoch die Wasser steigen, Carl Hanser Verlag, 352 Seiten, 23 Euro, ISBN 978-3-446-25815-0.

Anzeige
http://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/5557140?categorypath=%2F2%2F84%2F61%2F197%2F201%2F1819566%2F
Schiedsrichter bittet um Polizeischutz
Hoch her ging es am Ende der Partie Westfalia Leer gegen Eintracht Rodde. Schiedsrichter Christian Kadell bat um Polizeischutz.
Nachrichten-Ticker