Opulenter Band
Orhan Pamuks Hommage an Istanbul

Gebündelte Emotionen in Wort und Bild - das ist das Buch «Istanbul - Erinnerungen und Bilder aus einer Stadt» von Orhan Pamuk. Der türkische Literaturnobelpreisträger setzt damit seiner Heimatstadt ein besonderes Denkmal.

Dienstag, 18.12.2018, 13:52 Uhr aktualisiert: 18.12.2018, 13:54 Uhr
Orhan Pamuk bei der Eröffnung der Fotoausstellung "Balkon" im Günter Grass Archiv in Göttingen 2018.
Orhan Pamuk bei der Eröffnung der Fotoausstellung "Balkon" im Günter Grass Archiv in Göttingen 2018. Foto: Peter Steffen

München (dpa) - Istanbul sei die Stadt, die ihm die Welt bedeute, sagt Orhan Pamuk . Wer die Werke des türkischen Literaturnobelpreisträgers (66) kennt, weiß das längst, denn in vielen spielt die Stadt am Bosporus eine nicht unerhebliche Rolle. Die enge Bindung des Autors zu «seiner» Stadt, in der er geboren wurde und in der er bis auf kurze Ausnahmen heute wieder lebt, ist ganz offensichtlich.

Schon einmal hat ihr Pamuk seine besondere Referenz erwiesen, als er Anfang der 2000er den Band «Istanbul» mit 200 Fotos veröffentlichte, der 2006 in Deutschland unter dem Titel «Istanbul - Erinnerungen an eine Stadt» erschien. Nun hat er das Buch um 230 Bilder, einem neuen Vorwort und somit um eine «emotionale Dimension» erweitert, denn der jetzt herausgegebene Band «Istanbul - Erinnerungen und Bilder aus einer Stadt» soll vor allem durch seine visuellen Belege wirken, wünscht sich der Schriftsteller. Und das ist mehr als gelungen.

Das Buch enthält wundervolle Schwarz-Weiß-Aufnahmen. Sie stammen teilweise von Pamuk selbst, aber auch von namhaften Fotografen, allen voran Ara Güler (1928-2018), dem wohl bedeutendsten türkischen Vertreter seiner Zunft, von Henri Cartier-Bresson (1908-2004) und anderen, auch namenlosen Künstlern. Sie alle vermitteln einen nachhaltigen Eindruck von der Schönheit einer Stadt, ihres Zer- und Verfalls, von ihren Menschen und der sie umgebenden Natur bis hin zu Vorboten eines architektonischen Wildwuchses und der Zerrissenheit einer Gesellschaft. Sie zeigen Händler, Sommerausflügler, Szenen auf der Straße, am Meer, im Grünen. Und ganz private Ein- und Ansichten seiner Familie. Somit sind sie von einer besonderen Melancholie, die durch Pamuks Worte durchaus verstärkt wird.

Denn es geht dem Mann um Gefühle, die das Betrachten der Bilder bei ihm freigesetzt haben - ein Effekt, den er sich auch beim Leser erhofft. Nicht nur, weil es sich um alte Abbilder (von 1950 bis 1975) einer nicht mehr vorhandenen Wirklichkeit handelt, sondern weil das Buch als Gesamtwerk viel mit einer Autobiografie gemein hat, kann «Istanbul» nicht als Reiseführer herhalten. Zum Kennlernen des Schriftstellers Pamuk und seines Verständnisses von, ja seiner Sehnsucht nach einem verschwundenen Zauber, der von der Stadt ausging und unwiderruflich verloren scheint, eignet es sich phantastisch.

Er versetzt sich und den Leser zurück in eine Kindheit, die im «Pamuk Apartmanı» (in dem er heute wieder lebt) beginnt, beschreibt sein mitunter ambivalentes Verhältnis zu den Eltern - seinem Vater hat er dieses Buch gewidmet -, seine frühe, aber auch aktuelle Sicht auf Land und Leute, inklusive natürlich Istanbul und Istanbuler. Und so findet man sich beispielsweise auf den Spuren von Mevlut aus «Diese Fremdheit in mir» (2016), von Kemal und Sibel aus dem «Museum der Unschuld» (2008) oder im Haus von «Cevdet und seine Söhne» (2011) wieder.

Pamuk kratzt die Patina vom sogenannten Goldenen Zeitalter dieser kosmopolitischen Stadt ab, ohne allerdings zu verhehlen, dass der Glanz schon damals nicht ohne dunkle Stellen war. Er schafft das fast Unmögliche, nämlich seiner alles durchdringenden Melancholie und der Trauer um vergangene (nicht verlorene!) Jahre eine große, fast alles verzeihende Liebe entgegenzusetzen, die sich bis heute in einer Stadt, die so gar nicht mehr dem Bild früherer Tage entspricht, noch immer anhält und ihn vielleicht dazu befähigt, der politischen Veränderung, die nicht nur das Land, sondern insbesondere Istanbul betrifft, relativ gelassen entgegenzusehen.

Man darf da ruhig mal spekulieren, dass dieser mehrfach preisgekrönte Autor, der bekannt ist für seine säkulare Haltung, für seine Sympathiebekundungen für Kurden und Armenier, für seine kritische Sicht auf die aktuelle Politik, dass dieser Mann sich sicher ist: Istanbul wird alles überstehen.

Wie gut, dass Pamuk nicht dem elterlichen Wunsch seiner Eltern entsprochen hat und Architekt geworden ist. Als Alternative kam für ihn zeitweise der Beruf des Malers infrage, denn anscheinend verfügt er über ein künstlerisches Gen, das ihm schon als Zehnjährigen bei seinen ersten eigenen Fotos mehr oder weniger den richtigen Fokus zuwies. Konkurrierend damit sein Hang zur Schriftstellerei, der sich beim damals 22-Jährigen bekanntlich durchsetzte und dafür sorgte, dass seine Werke mittlerweile in 35 Sprachen übersetzt und in mehr als 100 Ländern veröffentlicht wurden. Für die vorliegende Lektüre wirbt der Autor beim Leser auf seine ganz besondere Art: «(...) was es damit auf sich hat, sei deinem Ermessen anheimgestellt. Ich will dir gegenüber Ehrlichkeit an den Tag legen, erweise du mir Wohlwollen.»

Orhan Pamuk: Istanbul – Erinnerungen und Bilder aus einer Stadt, Carl Hanser Verlag München, 640 Seiten, 38,00 Euro, ISBN 978-3-4462-6005-4

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