«Das flüssige Land»
Fein und mysteriös: Raphaela Edelbauers Debüt

Die Physikerin Ruth sucht lange einen Weg nach Groß-Einland, um dort ihre Eltern bestatten zu lassen. Nachdem sie die geheimnisvolle Stadt gefunden hat, wird sie Teil einer skurrilen Gemeinschaft.

Dienstag, 24.09.2019, 13:06 Uhr aktualisiert: 24.09.2019, 13:08 Uhr
Buchcover von Raphaela Edelbauers Debüt Roman «Das flüssige Land».
Buchcover von Raphaela Edelbauers Debüt Roman «Das flüssige Land». Foto: Verlag Klett-Cotta

Stuttgart (dpa) - In dem Moment, als Ruth Schwarz vom Unfalltod ihrer Eltern erfährt, scheinen für sie Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zusammenzufließen - analog zu ihrer Blockuniversumstheorie, an der die junge Physikerin gerade für ihre Habilitation arbeitet.

Verstärkt durch den inflationären Gebrauch von Medikamenten verbringt sie die Folgezeit wie in Trance, zunächst noch zu Hause in Wien, dann unterwegs auf der Suche nach Groß-Einland, dem Geburtsort der Eltern, an dem sie nach eigener Verfügung gern bestattet werden wollen, und den Ruth schließlich nach langer, unwirklich anmutender Reise endlich findet.

Nach der etwas nebulösen Ouvertüre zu ihrem Debütroman «Das flüssige Land» erzählt die Österreicherin Raphaela Edelbauer (Jahrgang 1990) von Ruths Bestreben, sich selbst wieder zu finden, ausgerechnet hier, an diesem seltsamen Ort, der anscheinend nicht entdeckt werden will, Ruth aber willkommen heißt. Schon bald verdrängt die mühelose Integration den eigentlichen Grund ihres Aufenthalts hier, die Beerdigung ihrer Eltern. Ruth bezieht ein Haus, das genau auf sie zugeschnitten zu sein scheint. Wie sie nun erfährt, ist es das Haus der Eltern, die hier als Adoptiv-Geschwister aufgewachsen sind.

Doch etwas bereitet Ruth Kopfzerbrechen: Die Erde reißt allmählich unter der hübschen, altmodischen Stadt auf. Hohlräume, durch jahrhundertelang betriebenen Bergbau entstanden und auch durch teilweise verflüssigte Erdmassen mehr als instabil, werden auf die Schnelle gefüllt, Risse an Gebäuden und Straßen zugekleistert. Mehr oder weniger provisorisch - und wohl auch vergeblich. Die Gräfin - eine merkwürdige Figur in diesem mysteriösen Roman, die als vorgebliche Eigentümerin des Ortes quasi als Alleinherrscherin fungiert - bietet Ruth einen Job an. Sie soll als Physikerin ein Einspritzmittel für «das Loch» entwickeln, das die Probleme von Groß-Einland ein für alle Mal behebt.

Ruth nimmt das Angebot an, doch betreibt sie vor allem heimlich Nachforschungen, was es mit dem Untergrund sowie der eigenen und der Geschichte der Stadt auf sich hat - und stößt auf etliche Ungereimtheiten. Zum Beispiel: In der Nähe befand sich eine Außenstelle des Konzentrationslagers Mauthausen. Tausende Häftlingen arbeiteten hier unter Tage. Viele starben, wurden ermordet. Doch das Schicksal von ein paar Hundert blieb ungeklärt. Niemand in Groß-Einland - so scheint es - hat Interesse an der Aufklärung. Und: Niemand nimmt das Loch wirklich ernst - trotz etlicher Unfälle und zunehmender Ausweitung.

Mit dem Loch und einer vierten Dimension, der Zeit, entwickelt Edelbauer eine Art Raum-Zeit-Kontinuum. Verstärkt durch (kursiv geschriebene) Einschübe aus Ruths physikalischer Forschung zum Wesen der Zeit, die zum Leitgedanken der Handlung reift, wird der Roman immer mehr zu einem metaphorischen multiplexen Rätsel. Glaubt Ruth - und glaubt man als Leser - , einer Lösung nahe gekommen zu sein, tun sich andere Fragen auf. Dabei geht es in großem Maße um Schuld, Verdrängung, Recht und Unrecht. Zur Warnung: Die Antworten, die Ruth zu finden glaubt, sind nicht unbedingt zuverlässig, da sie subjektiv, möglicherweise von Opiaten beeinflusst und ebenso fragil wie das Konstrukt Groß-Einland sind.

Was die junge, in Wien gebürtige Autorin mit der Figur Ruth geschaffen hat, ist schon erstaunlich. Die Wahrnehmung von Geschichte, Gesellschaft, nicht zuletzt aktueller Politik und Moral durch die oftmals verunsicherte Ich-Erzählerin Ruth kann und muss jeder für sich interpretieren. Ihre Gefühle reflektieren sich in ihrem Verhältnis zur Natur - wunderbar beschrieben und körperlich spürbar. Edelbauer, die an der Universität Sprachkunst studierte, offenbart sich darin nicht nur als Meisterin des Wortes, sondern auch der allegorischen Mystik. Nachdem sie bereits für frühere Arbeiten mit diversen Preisen ausgezeichnet wurde, steht sie nun für ihren Debütroman auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises, der am 14. Oktober verliehen wird. Schon die Nominierung gilt als ein weiterer Erfolg.

Raphaela Edelbauer: Das flüssige Land, Klett-Cotta Verlag, Stuttgart, 350 Seiten, 22,00 Euro, ISBN 978-3-6089-6436-3

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