Deutscher Buchpreis 2019 für Saša Stanišić
Dankesrede wird zur Anklage

Münster/Frankfurt -

Saša Stanišić erhielt am Montag den Deutschen Buchpreis für seinen Roman "Herkunft". Der aus Bosnien stammende Autor nutzte die Preisverleihung zur Kritik an der Nobelpreisvergabe für Peter Handke.  

Montag, 14.10.2019, 19:44 Uhr aktualisiert: 14.10.2019, 20:06 Uhr
Saša Stanišić kritisierte in seiner Dankesrede für den Deutschen Buchpreis den Nobelpreisträger Peter Handke.
Saša Stanišić kritisierte in seiner Dankesrede für den Deutschen Buchpreis den Nobelpreisträger Peter Handke. Foto: dpa

Es herrschte beklommenes Schweigen im Frankfurter Römer, als der Autor Saša Stanišić sich für die Verleihung des Deutschen Buchpreises bedankte. Denn nachdem er seiner Freude Ausdruck verliehen hatte, ging er mit den Worten „Es gab einen anderen Preis, der meine Konzentration gestört hat“ auf den Literaturnobelpreis für Peter Handke ein.

„Dass ich hier heute stehen darf, habe ich einer Wirklichkeit zu verdanken, die ihn nicht erreicht hat“, sagte der aus Bosnien stammende, schon mit mehreren Preisen ausgezeichnete Autor über den Österreicher, der nicht nur „Gerechtigkeit für Serbien“ eingefordert, sondern auch am Grab des Slobodan Milošević gesprochen hatte. „Mich erschüttert, dass sowas prämiert wird“, formulierte Stanišić über Handke und sein Schreiben, „ich feiere auch eine Literatur, die Zeit beschreibt. Aber die Zeit ist so, wie Handke sie beschreibt, nie gewesen.“

Zuvor war Saša Stanišić als einer von sechs Autoren auf der Shortlist mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet worden. Unter den anderen fünf Schriftstellern befanden sich die drei Debütanten Raphaela Edelbauer, Miku Sophie Kühmel (sie erhielt am Tag zuvor den Aspekte-Literaturpreis zugesprochen) und Tonio Schachinger sowie Norbert Scheuer und Jackie Thomae.

„Mit viel Witz“, so hieß es in der Begründung der Jury, „setzt er den Narrativen der Geschichtsklitterer seine eigenen Geschichten entgegen“. Die siebenköpfige Jury hatte sich insgesamt „überrascht von so vielen tollen Debüts“ gezeigt, am Ende aber den anerkanntesten Autor ausgezeichnet.

In seinem Roman „Herkunft“ erkundet der 1978 im bosnischen Visegrad geborene und 1992 nach Deutschland geflüchtete Stanišić das Familienalbum, erinnert sich an die Kindheit in Bosnien, an seine Schulzeit, den Zerfall Jugoslawiens, an die Flucht und die schwierige Ankunft in Deutschland zu einer Zeit, als Asylbewerberheime brannten. Der erkrankte, nach eigener Aussage mit reichlich Medikamenten angereiste Autor erhielt sowohl für seinen Preis als auch für seine entschlossene Dankesrede anhaltenden Beifall.

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