Genial oder überfrachtet?
«Quichotte» - Salman Rushdie zeigt ein irres Amerika

Trash-TV, Drogenkrise, Rassismus, Cyberwar, Familienclash: In Salman Rushdies neuem Roman geht es um alles - vielleicht um zu viel. «Quichotte» ist ein opulentes Werk rund um einen Roadtrip durch ein krisengeschütteltes Amerika. Ist das genial oder anstrengend?

Dienstag, 03.12.2019, 13:39 Uhr aktualisiert: 03.12.2019, 13:42 Uhr
Salman Rushdie bei einer Lesung in Köln 2017.
Salman Rushdie bei einer Lesung in Köln 2017. Foto: Henning Kaiser

Berlin (dpa) - Don Quichotte? Im 17. Jahrhundert war das der Titelheld des spanischen Schriftstellers Miguel de Cervantes. Dessen Protagonist beschließt Abenteuer als Ritter zu erleben, nachdem er zu viele Ritterromane gelesen hat. Der indisch-britische Autor Salman Rushdie (72) hat dieses Motiv nun adaptiert: In seinem Roman «Quichotte» schaut der Protagonist Ismail Smile, ein Pharmavertreter, zu viel Reality-TV und will das Herz eines TV-Sternchens erobern.

Smile, also Quichotte, ist aber eine Erfindung des Schriftstellers Sam , auch Bruder genannt. Der hat eine komplizierte Familiengeschichte und eine Schwester. Namens Schwester. Alles klar?

«Es war das Zeitalter von Alles-ist-möglich, rief er sich in Erinnerung. (...) Es gab keine Regeln mehr. (...) Eine Frau könnte sich in ein Ferkel verlieben und ein Mann mit einer Eule zusammenleben.» Und: «Männer mit schlechten Haaren können Präsidenten werden.»

Der Ton von Rushdies «Quichotte» ist von Anfang an klar: Amerika ist irgendwie am Ende, aber jetzt wird locker geplaudert. Ein heiterer Erzähler erzählt uns die Geschichte mit süffisanter Ironie - und holt dafür soweit aus, wie er kann.

Die Sätze gehen gerne über zehn Zeilen, bis sie mal einen Punkt finden, die 21 Kapitel haben zweizeilige Überschriften, die zum Beispiel so lauten: «Quichotte, ein alter Mann, verliebt sich, begibt sich auf die Quest & wird Vater». Oder so: «Quichotte & Sancho betreten das erste Tal der Quest & Sancho begegnet einem italienischem Insekt».

Das erste Problem an Rushdies Buch: Es will unbedingt amüsant sein. Das zweite: Es passiert sehr, sehr viel.

Rushdie erzählt die Geschichte über mehrere Stränge. Da ist der Held Quichotte, Ismail Smile, der sich auf die Suche nach TV-Star Salma R. macht. Da ist Salma R. selbst. Da ist Ismail Smiles Cousin und Chef Dr. Smile (Achtung Ironie: Die Ehefrau heißt Happy). Da ist Schwester. Und da ist Bruder - Sam DuChamp, der Erfinder von Quichotte. Die Perspektiven wechseln von Kapitel zu Kapitel. Es entstehen Geschichten in Geschichten in Geschichten.

Das ist natürlich kunstfertig. Man kann das aber auch anstrengend finden. In einem Interview mit dem Magazin «New Yorker» sagte Rushdie, dass er mehrere Figuren und Stränge im Kopf hatte, über Liebeswirren schreiben wollte, aber auch über die Opioidkrise und schließlich beschloss, einfach alles in ein Werk zu gießen.

In der «New York Times Book Review» folgte ein Verriss - «He is a writer in free fall.» («Er ist ein Autor im freien Fall.») Andere Kritiken waren positiv. Und: Rushdie war mit seinem opulenten «Quichotte» für den renommierten Man Booker Prize nominiert.

Fast 20 Bücher hat Rushdie geschrieben - zu den bekanntesten Publikationen zählen «Mitternachtskinder» und «Die Satanischen Verse». Weil radikale Muslime diesen Roman gotteslästerlich fanden, wurde Rushdie im Februar 1989 vom iranischen Revolutionsführer Ajatollah Khomeini zum Tode verurteilt. Diese «Fatwa» genannte Todesdrohung ist bis heute nicht aufgehoben.

Über «Quichotte» sagte Rushdie in einem Interview der «Zeit»: «Ich habe ein Buch über das Ende jener Welt geschrieben, in er ich mein ganzes Leben lang gelebt habe; der Welt, die mit dem Endes des Zweiten Weltkriegs begann. Diese Welt war sieben Jahrzehnte lang stabil. Jetzt ist unser Bild dieser Welt zu Scherben zerschlagen, und wir wissen nicht, was kommt.»

Den Namen Trump meidet er. Auf die Frage, ob das derzeitige Amerika hypnotisiert sei oder hysterisch, antwortete er: «Beides. Aber ich lese das alles nur, sehe nicht mehr fern, ich kann sein Gesicht und seine Stimme physisch nicht ertragen.»

Für sein Werk wurde Rushdie im November mit dem «Welt»-Literaturpreis ausgezeichnet. Der Autor sei «ein unerschrockener Kämpfer für die Freiheit des Wortes», sein Werk helfe den Ungewissheiten der Gegenwart mit Haltung und Humor zu begegnen, hieß es in einer Mitteilung des Medienhauses Axel Springer.

Humor hat auch «Quichotte». Ob er einem zusagt, bleibt am Ende Geschmacksfrage.

Salman Rushdie, «Quichotte», ISBN: 978-3-570-10399-9, Bertelsmann Verlag, 464 Seiten, 25 Euro

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