Gottloses Gemetzel
Der antike Rachemythos im «Haus der Namen»

Der Palast in Mykene gleicht einer Schlachterei: Colm Tóibín nimmt sich in seinem neuen Roman des alten Mythos um das Herrscherhaus des Agamemnon an. Ein frischer Anstrich für die weltbekannte Geschichte?

Dienstag, 05.05.2020, 13:23 Uhr aktualisiert: 05.05.2020, 13:26 Uhr
Der irische Autor Colm Toibin nimmt sich in seinem Roman «Haus der Namen» des alten Mythos um das Herrscherhaus des Agamemnon an.
Der irische Autor Colm Toibin nimmt sich in seinem Roman «Haus der Namen» des alten Mythos um das Herrscherhaus des Agamemnon an. Foto: J.P.Gandul

Berlin (dpa) - Das Unheil nimmt kein Ende. Den gesamten Stammbaum des Troja-Helden Agamemnon haben die Götter verflucht.

Zwar kennt die Antike viele Sagen über Geschwisterzwist und Vatermord, über Rachsucht und Blutbade. Doch die Erzählung um den griechischen König, seine Frau Klytaimnestra sowie die Kinder Iphigenie, Elektra und Orestes prägt die abendländische Kultur wie kaum eine zweite.

Es ist eine entmenschte Geschichte, so alt wie die europäische Literatur selbst. Schon in Homers «Odyssee» heißt es prophetisch: «Denn von Orestes wird einst das Blut Agamemnons gerochen.» Und jener todbringende Duft, der dem Mythos um das Herrscherhaus eigen ist, zieht sich nun auch durch den neuen Roman des Iren Colm Tóibín. Sein «Haus der Namen» ist jüngst auf Deutsch erschienen.

In klassisch-antiker Tradition kehrt auch hier der siegreiche Feldherr Agamemnon nach dem Trojanischen Krieg heim in sein Königreich Mykene. Dort wartet Klytaimnestra mit gewetzter Klinge. «Ich packte ihn bei den Haaren und riss seinen Kopf zurück», berichtet die trügerische Gattin. «Ich zeigte ihm das Messer, richtete es erst gegen seine Augen, bis er zurückzuckte, und dann stach ich ihm in den Hals, gleich unter dem Ohr.» Was in «Haus der Namen» nun folgt, ist eine regelrechte Schlachtung.

Bluttriefende Szenen wie diese gibt es in Tóibíns Roman so einige. «Diese Story verfolgt uns aufgrund der Art und Weise, wie Gewalt weitere Gewalt hervorruft», hat der 64-Jährige seine Entscheidung für den antiken Stoff einmal beschrieben. Seine eigene Jugend war geprägt vom Nordirland-Konflikt. «Jede Gräueltat schien eine Vergeltung für etwas zu sein, das in der Woche zuvor geschehen war», so Tóibín.

Für das Königshaus von Mykene fußt die unabwendbare Spirale aus Schlag und Gegenschlag auf die großen griechischen Tragödien. Seit zweieinhalb Jahrtausenden geben Aischylos , Sophokles und Euripides die mehr oder minder kanonische Variante des Mythos vor.

Zuerst lockt Agamemnon seine Tochter Iphigenie mit einer List in den Hafen von Aulis, um sie der Jagdgöttin Artemis zu opfern. Günstige Winde erbittet er für die Fahrt der Flotte Richtung Troja. Klytaimnestra zahlt ihrem Mann die Hinrichtung nach dem Krieg mit dem Messer heim. Ihre gemeinsamen Kinder Orestes und Elektra wiederum rächen den Vater mit dem Mord an der Mutter.

Zwar hält sich Tóibín grundlegend an die zeitlos-klassische Vorlage. Doch schlägt der Ire auch andere Erzählwege ein und füllt Lücken, die ihm die Antike lässt. Sprachlich verheddert sich der Autor zuweilen zwischen antiker Erhabenheit und moderner Banalität. Zudem rutschen ihm in einigen Details Ungenauigkeiten durch, die Altertumskenner aufstoßen lassen dürften. So wird im Roman etwa aus Gläsern getrunken, auf Schiefertafeln geschrieben oder an Fenster geklopft. Arkadien, wo die Handlung um Mykene angesiedelt ist, kommt realitätsfremd als naturbracher Landstrich daher.

Die Olympischen Gottheiten spielen bei Tóibín keine Rolle. «Wir leben in einer seltsamen Zeit», lässt er seine Elektra einmal sagen. «Einer Zeit, in der die Götter verblassen.» Im «Haus der Namen» gibt es keine Unausweichlichkeit mehr, kein Schicksal. An die Stelle von Zeus, Apollo oder Athene treten Charaktere, die ihr eigenes Handeln bestimmen. Für eine Handlung, deren Impuls von einem Gottesopfer ausgeht, ist das ein gewagtes Unterfangen.

Dem jungen Orestes hingegen gewährt Tóibín endlich eine Jugend, die ihm der antike Mythos vorenthält. Nach der Opferung seiner Schwester wird er verschleppt und mit anderen Jungen aus Mykene als Geiseln gehalten. Orestes flieht mit zwei Freunden in eine beinah idyllische Jugend bei einer alten Frau an der Küste. Dieses Coming-of-Age-Abenteuer setzt Tóibín als wirklich feinen Kontrapunkt zur klassischen Sage.

Die Figuren in «Haus der Namen» bleiben allesamt zum Scheitern verurteilt. In ihrer Zwiespältigkeit erinnern sie an die antiken Dramen. Bei Aischylos wird Orestes nach dem Mord an seiner Mutter von den Rachegöttinnen in den Wahnsinn getrieben. Bei Tóibín hingegen schließt die Geschichte mit einem Hoffnungsschimmer. Im «Haus der Namen» nimmt das Unheil ein Ende. Und der Mythos lebt dennoch weiter.

- Colm Tóibín : «Haus der Namen», Hanser Verlag, 304 S., 24,00 Euro, ISBN 978-3-446-26181-5.

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