Komplexer Fall
Jan Seghers' neuer Kriminalroman «Der Solist»

In Berlin wird ein jüdischer Aktivist ermordet. Wenige Monate nach dem Anschlag auf den Weihnachtsmarkt liegt die Vermutung nahe: Islamistischer Terror. Ein gerade in die Hauptstadt versetzter Sonderermittler hat in «Der Solist» einen komplexen Fall vor sich.

Dienstag, 02.02.2021, 12:13 Uhr aktualisiert: 02.02.2021, 12:16 Uhr
Buchcover des Romans «Der Solist» von Jan Seghers.
Buchcover des Romans «Der Solist» von Jan Seghers. Foto: -

Berlin (dpa) - Der Anschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt auf dem Breitscheidplatz im Dezember 2016 war bislang der schwerste Terroranschlag in der Bundesrepublik. Nur wenige Monate später, im September 2017, hat Jan Seghers seinen neuen Roman «Der Solist» angesiedelt.

Detailliert schildert der Roman, wie ein junger Mann sich von einem Terrorplaner des Islamischen Staates anwerben lässt, um das Werk seines Bekannten Anis Amri fortzusetzen. Schon bald bekommt er einen konkreten Auftrag: Ein Aktivist der jüdischen Gemeinde soll sterben. Als der Ermittler Neuhaus, der gerade zu einer Sondereinheit zur Terrorbekämpfung nach Berlin versetzt worden ist, von dem Mord erfährt, steht sein erster Auftrag schon fest.

Der Roman begleitet Neuhaus bei seinen Ermittlungen, die noch komplizierter werden, als zwei weitere Morde geschehen. Alle Taten werden mit derselben Waffe ausgeführt, und bei allen Opfern liegt ein Bekennerschreiben eines bisher unbekannten «Kommandos Anis Amri».

Neuhaus muss viele Rätsel lösen, und das in einer ihm fremden Umgebung. So muss er sich nicht nur mit den Hintergründen des Anschlags vom Breitscheidplatz vertraut machen, sondern auch mit den Eigenarten Berlins. Auch wenn ihn eine Kollegin hilft und zunehmend wichtig für seine Recherchen wird, bleibt Neuhaus doch durchgehend «Der Solist».

Der Leiter der Sondereinheit erklärt seinem Team, welche Rolle Neuhaus einnimmt: «Er ist niemandem untergeben, auch mir nicht, sondern nur dem BKA-Präsidenten. Er ist unser Spielbein. Nicht wir setzen ihn ein, sondern er selbst entscheidet, was er macht. Er ist unser Joker.»

Aber nicht nur von seiner Dienststellung her ist Neuhaus ein Solist, auch seine Persönlichkeit macht ihn zum Einzelgänger. Ohne Eltern aufgewachsen, vertraut er nur auf seine eigenen Ressourcen und lässt keine persönlichen Annäherungen zu. Neuhaus ist aber auch ein hervorragender Polizist, dessen Fähigkeiten ihn zu Ergebnissen kommen lassen, die anderen Polizisten nicht zuzutrauen sind.

Drei Morde sind dem Täter eindeutig zuzuschreiben. Möglicherweise ist er auch für einen Bombenanschlag verantwortlich, bei dem eine Frau ums Leben kommt. Die Ermittler stehen vor einem Rätsel: «Kann es irgendein gemeinsames Motiv geben, drei so unterschiedliche Menschen zu töten und dann so zu tun, als würde dadurch Anis Amri gerächt oder geehrt?»

Neuhaus schafft es tatsächlich, dem Geheimnis hinter den Morden auf die Spur zu kommen. Allerdings nur, indem er sich nur auf sich selbst verlässt. Lediglich eine Kollegin und ein befreundeter Hacker stehen ihm zur Seite. Seghers nutzt die Handlung auch, um die Arbeit der Behörden massiv zu kritisieren. Neuhaus macht Schlamperei, Bequemlichkeit und mangelhafte Zusammenarbeit der Behörden dafür verantwortlich, dass Fahnder häufig mit leeren Händen dastehen.

«Der Solist» unterscheidet sich erheblich von den eher leisen, psychologisch bestimmten Krimis um den Frankfurter Kommissar Marthaler, die der Schriftsteller Matthias Altenburg unter seinem Pseudonym Jan Seghers veröffentlicht hat. Im raueren Berlin scheint eher Action angesagt, und auch politische Verschwörungen fehlen nicht. Leider passt bei «Der Solist» nicht immer alles so gut zusammen wie bei den Marthaler-Romanen, aber die Figur des Neuhaus birgt Potenzial für weitere Geschichten.

Jan Seghers: Der Solist. Rowohlt Verlag, Hamburg, 230 Seiten, 20,00 Euro, ISBN 978-3-498-05848-7

© dpa-infocom, dpa:210202-99-265416/3

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