Musik
50 Jahre: Barenboim und die Berliner Philharmoniker

Berlin (dpa) - Er ist 21 Jahre alt und steht am Anfang seiner Karriere: Als Daniel Barenboim 1964 zum ersten Mal mit den Berliner Philharmonikern am Klavier auftritt, geht dem jungen Musiker der Ruf als Pianisten-Sensation voraus.

Montag, 16.06.2014, 12:06 Uhr

Das Orchester war im Oktober 1963 in die Philharmonie gezogen. Zum Ende der ersten Saison im neuen Haus hatte Intendant Wolfgang Stresemann Barenboim für ein Konzert mit Bela Bartoks erstem Klavierkonzert engagiert.

50 Jahre nach jenem Konzert am 12. Juni 1964 erinnern Barenboim und das Orchester an den Anfang einer «wunderbaren Freundschaft», wie Barenboim vor dem Jubiläumskonzert der Nachrichtenagentur dpa sagte. Das Jubiläum mit Chefdirigent Sir Simon Rattle wird an diesem Mittwoch (18. Juni, 20.00 Uhr) eine weltumspannende Feier: Barenboims Auftritt mit Johannes Brahms' Klavierkonzert Nr. 1 in d-Moll kommt live in 160 Kinos in Europa sowie per Internet-Streaming über die «Digital Concert Hall» der Philharmoniker. Die Philharmonie ist seit Monaten ausverkauft.

Mit 71 Jahren ist Barenboim so umtriebig wie lange nicht mehr. Der gebürtige Argentinier mit israelischem und palästinensischem Pass, einer der berühmtesten Klassikmusiker überhaupt, hat gerade ein eigenes Musiklabel gegründet. Seit 1992 ist er Künstlerischer Leiter und Generalmusikdirektor der Staatsoper Unter den Linden in Berlin . Im früheren Magazin der Lindenoper hat er vor kurzem ein Ausbildungszentrum für sein West-Eastern Divan Orchestra auf den Weg gebracht. Er dirigiert zudem an der Mailänder Scala und tourt als Pianist durch die Welt.

Die Begegnung mit den Philharmonikern hätte schon zehn Jahre früher stattfinden können. 1954 hatte der elfjährige Barenboim Wilhelm Furtwängler in Salzburg vorgespielt. Der damalige Chefdirigent der Philharmoniker war so beeindruckt, dass er den Jungen sofort nach Berlin einlud. Doch Barenboims Vater stellte sich quer.

«Mein Vater erklärte Furtwängler, dass für eine jüdische Familie aus Argentinien , die zwei Jahre zuvor nach Israel übersiedelte, ein Auftritt in Deutschland so kurz nach dem Holocaust zu früh war.» 1963 kam Barenboim dann erstmals nach Berlin - für einen Auftritt mit den RIAS-Orchester. «Kurz danach hat mich Wolfgang Stresemann eingeladen, in der ersten Spielzeit in der neuen Philharmonie zu spielen».

Als Dirigent stand beim Debüt der Komponist und Dirigent Pierre Boulez auf dem Podium. Es war ein Konzert mit zeitgenössischer Musik. Boulez dirigierte dabei auch sein Werk «Doubles», Igor Strawinskys «Vier Etüden» sowie die «Begleitmusik zu einer Lichtspielszene» von Arnold Schönberg. «Das Konzert war aus zwei Gründen für mich wichtig: Es begann meine Beziehung zu Boulez, nicht nur als Freund, sondern als musikalischer Partner. Und ich spielte mein erstes Konzert mit den Philharmonikern», sagte Barenboim.

Boulez habe ihn in die Zweite Wiener Schule eingeführt und dabei Komponisten wie Schönberg und Alban Berg näher gebracht. «Damals gab es noch einer Trennung in der Klavierwelt: Hier die klassischen Pianisten wie Edwin Fischer oder Artur Schnabel, die Bach, Haydn, Mozart und Brahms spielten. Und dann die Virtuosen wie Vladimir Horowitz, die mit Chopin, Liszt und Rachmaninow brillierten. Mein Vater wollte, dass ich in der ersten Gruppe spiele.»

Doch Enrique Barenboim, der auch der Lehrer des jungen Daniel war, wusste auch, dass ein Pianist die Moderne im Repertoire haben sollte. Dazu gehörte eben Bartoks Klavierkonzert, das Barenboim dann erstmals mit den Philharmonikern spielte.

«Von Anfang an war mir klar, es mit einem großen Musiker zu tun haben», erinnert sich Ottomar Borwitzky, der fast 40 Jahre Solo-Cellist der Philharmoniker war, an seinen ersten Eindruck von Barenboim. «Ein Genie», schwärmt heute noch der langjährige Konzertmeister Leon Spierer, der wie Barenboim in Argentinien groß wurde und ihn schon als Kind kennenlernte.

Borwitzky hat Dutzende Konzerte mit Barenboim gespielt und blickt heute fast wehmütig zurück. «Er pflegt diesen großen, voluminösen, runden Klang, wie wir ihn mit Herbert von Karajan gespielt haben», sagt der Cellist. Barenboim habe auch eine gute Chance gehabt, nach dem Tod Karajans dessen Nachfolger zu werden, viele Philharmoniker hätten damals für ihn votiert. Doch am Ende setzen sich die Befürworter von Claudio Abbado im Orchester durch.

Fünf Jahre nach seinem Klavierdebüt trat Barenboim dann auch als Dirigent mit den Philharmonikern auf. Dabei hatte ihn Intendant Stresemann vor einer Doppelkarriere gewarnt. «Das werden Sie nicht schaffen, Pianist zu bleiben und dabei Dirigent zu sein. Sie müssen sich entscheiden», habe Stresemann gesagt. «Ich habe ihm geantwortet, ich könne mich nicht entscheiden, ich wolle beides versuchen.»

Stresemanns Prophezeiung erfüllte sich nicht. Mit dem Jubiläums-Konzert werden es 260 gemeinsame Auftritte mit den Philharmonikern sein, dabei trat Barenboim etliche Male gleichzeitig als Dirigent und Pianist auf.

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