Musik
Pianist Buchbinder über seine Beziehung zu Beethoven

Redefin/Wien (dpa) - Die Festspiele Mecklenburg-Vorpommern bringen Musiker von Weltgeltung in den Nordosten. So waren zum Auftakt der diesjährigen Festspielzeit erstmals die Berliner Philharmoniker zu Gast.

Donnerstag, 03.07.2014, 12:17 Uhr

In der Reithalle des Landgestüts Redefin gastiert an diesem Samstag der österreichische Pianist Rudolf Buchbinder . Er gilt als einer der weltweit renommiertesten Beethoven-Interpreten.

Im Interview gibt der 67-Jährige der Nachrichtenagentur dpa Auskunft über seine besondere Beziehung zu Beethoven und zur Nervosität eines Künstlers.

Frage: Das Werk Beethovens nimmt in Ihrem reichen künstlerischen Schaffen einen besonders großen Raum ein. Woher rührt diese Vorliebe?

Antwort: Mein Repertoire reicht von Bach bis zu zeitgenössischer Musik. Aber, das ist richtig, Beethoven ist schon ein zentraler Punkt, nicht nur in meinem Schaffen, auch in meinem Leben. Vielleicht rührt das ja von meiner ersten, frühen Begegnung her. Bei uns zu Hause hing eine Totenmaske Beethovens, von der für mich als Kind eine Faszination ausging, die sich dann auch auf seine Musik übertragen hat. In einem Buch, das in Kürze erscheinen wird, habe ich meine Erfahrungen niedergeschrieben. Es ist kein reines Fachbuch. Davon gibt es schon genug. Es ist mir wichtig, Beethoven auch jenen Menschen näher zu bringen, die nicht so viel mit Musik zu tun haben.

Frage: In fast 50 Städten weltweit haben Sie in Zyklen alle 32 Klaviersonaten Beethovens gespielt. In Kürze gastieren sie damit bei den Salzburger Festspielen . Wenn man auf den großen Bühnen der Welt zu Hause ist, welchen Stellenwert hat dann eine Reithalle?

Antwort: Die besonderen Spielstätten der Festspiele in Mecklenburg-Vorpommern machen ja den Reiz dieses Festivals aus. Aber es ist auch nicht die Größe des Festivals, der Bühne oder der Stadt, die den Wert bestimmen. Das einzige, was zählt, ist die Qualität. Es ist fantastisch, was da in Mecklenburg-Vorpommern aufgebaut wurde. Große Orchester kommen und erstklassige Solisten. Das Festival ist enorm wichtig für das ganze Kulturleben in der Region. Und weil die Konzerte an so vielen verschiedenen Orten stattfinden, die nicht zu den üblichen Spielstätten zählen, gewinnt man auch neues Publikum.

Frage: Unter den Zuhörern sind aber auch in Mecklenburg-Vorpommern eher wenig junge Menschen.

Antwort: Wir haben in Europa ein großartiges Kulturgut, um das uns die ganze Welt beneidet. Wir aber sind uns dessen zu wenig bewusst. Wir verabsäumen die Aufbauarbeit und bringen junge Menschen zu wenig zur klassischen Musik. Die mediale Entwicklung in den letzten Jahren war gewaltig, das Musikangebot in allen Richtungen ist enorm und jederzeit im Internet abrufbar. Das Live-Erlebnis ist aber unvergleichlich und kann auch den Zugang zur Klassik öffnen. Es ist für mich keine Frage, dass Schulklassen meine Proben besuchen können. Das ist für mich selbstverständlich. Und wenn sie auch ein paar Witze machen, das stört mich nicht. Wenn am Ende nur bei ein paar wenigen Schülern Interesse geweckt ist, hat es sich schon gelohnt.

Frage: Sie haben mehr als 100 Tonträger eingespielt, viele Aufnahmen sind hoch dekoriert. Zuletzt waren es in der Regel Live-Mitschnitte.

Antwort: Ich gehe seit vielen Jahren nicht mehr ins Studio. Aus drei Gründen: Es gibt dort keine Spontaneität. Es gibt keine Emotionen. Und vor allem, es gibt keine Nervosität. Das sind drei wichtige Komponenten, die nur auf der Bühne stattfinden. Im Studio kann ich das Stück zehnmal spielen, irgendwann wird es schon funktionieren. Und das ist vollkommen falsch.

Frage: Bei all Ihrem Können und Ihrer Erfahrung, Sie sind noch nervös?

Antwort: Ich werde nervöser, je älter ich werde. Man legt die Latte für sich immer höher. Die eigenen Erwartungen zu erfüllen, das ist das Allerschwerste für mich.

ZUR PERSON: Rudolf Buchbinder wurde kurz nach Kriegsende in Litomerice in der damaligen Tschechoslowakei geboren und kam dann nach Wien. Dort fiel das besondere musikalische Talent des Jungen auf, der damals Fünfjährige wurde an der Hochschule für Musik in Wien aufgenommen. Mit neun stand Buchbinder erstmals auf der Bühne, der Beginn einer Weltkarriere. Einen Namen machte er sich vor allem als Beethoven-Interpret. 2007 hob Buchbinder das Musik-Festival Grafenegg in Niederösterreich mit aus der Taufe, dessen Künstlerischer Leiter er seither ist.

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