Theater
NSU-Terror im Theater - «Das schweigende Mädchen»

München (dpa) - Sie heißen «Der weiße Wolf», «Rechtsmaterial», «Urteile», «Unter drei» oder «Die Lücke»: Überall in Deutschland haben Theater Stücke über den Terror des Nationalsozialistischen Untergrundes (NSU) auf die Bühne gebracht.

Freitag, 26.09.2014, 16:52 Uhr

«Es ist ein Phänomen, das die Öffentlichkeit und auch die Theater schockiert und ermahnt, die eigene Wahrnehmung zu überprüfen», erklärt der Vorsitzende der Intendantengruppe im Deutschen Bühnenverein , Ulrich Khuon , die Faszination für den Bühnenstoff NSU . «Dann gibt es diese Dreier-Bande, von denen zwei tot sind, und das Schweigen von Beate Zschäpe . Das alles bietet eine große Projektionsfläche und viel Raum für Interpretationen.»

Die Geschichte des NSU wirke so, «als hätten die drei die RAF nachgespielt und sich in einem selbst geschriebenen Filmsetting bewegt», sagt Khuon, Chef des Deutschen Theaters in Berlin.

Die Ansätze sind dabei durchaus unterschiedlich. Im Gegensatz zu «Der weiße Wolf» am Schauspiel Frankfurt und « Rechtsmaterial » am Staatstheater Karlsruhe, die zeigen, wie es in der Terrorzelle ausgesehen haben könnte, erzählt «Urteile» von Regisseurin Christine Umpfenbach am «Resi» ausschließlich aus der Perspektive der beiden Münchner NSU-Opfer und ihrer Angehörigen. Zentrales Thema sind die Verdächtigungen der deutschen Gesellschaft. Stich- und Unwort: «Dönermorde». Zitat aus dem Stück: «Meine Enkelin fragte: Omi, was heißt denn DNA? Glauben die, dass ich meinen Papa umgebracht habe?»

Einen ähnlichen Ansatz verfolgt der türkischstämmige Autor, Regisseur und Filmemacher Nuran David Calis in «Die Lücke». Zum zehnten Jahrestag des Nagelbombenanschlags in der Kölner Keupstraße brachte er das Stück «Die Lücke» im Juni im Schauspiel Köln auf die Bühne, das Bewohnern eine Stimme geben sollte, die damals verdächtigt wurden und weggezogen sind.

Im Staatstheater Braunschweig war ein Wegschauen unmöglich. Zur Gemeinschaftsproduktion der Braunschweiger mit dem Berliner Ballhaus Ost und dem Theater Rampe Stuttgart «Unter drei» wurden die Zuschauer per Handschlag von den Schauspielern begrüßt, die die Rechtsextremen spielen.

Der Berliner Theaterwissenschaftler Benjamin Wihstutz sieht in der Verbreitung des NSU-Stoffes auch die Wiederentdeckung eines Trends aus den 1960er Jahren: Das Dokumentartheater über Gerichtsprozesse. «Die Verbindung von Tribunal und Theater ist ein gewisser Trend, die Hinwendung zu realen Prozessen», sagt er. Das Theater habe den Zuschauer als urteilende Instanz wiederentdeckt. «Das Urteilen steht wieder im Mittelpunkt des politischen Theaters.»

An diesem Samstag geht die Geschichte der NSU-Stücke mit einer Literatur-Nobelpreisträgerin weiter: Elfriede Jelinek hat für die Münchner Kammerspiele «Das schweigende Mädchen» geschrieben - ein Stück über den NSU-Prozess vor dem Münchner Oberlandesgericht, in dem die Hauptangeklagte Beate Zschäpe seit rund anderthalb Jahren schweigt.

Intendant Johan Simons inszeniert Jelineks Stück, das im Gerichtssaal spielen soll. «Zwischen Prozessprotokollen, Medienberichten und literarischen Referenzen wagt sie einen tiefen Blick ins Unbewusste der deutschen Seele», heißt es in der Ankündigung im Spielzeitheft. Im Gegensatz beispielsweise zur Karlsruher «Rechtsmaterial»-Inszenierung wird Zschäpe an den Kammerspielen nicht konkret von einer Schauspielerin dargestellt, sagte eine Theatersprecherin. Wie bei Jelinek üblich sind einzelne Rollen nicht trennscharf zu unterscheiden.

«Eine Werwolf-Mordserie ist einem nie als das Mögliche erschienen», sagte die Autorin Jelinek, die sich ansonsten nicht zu ihren Arbeiten äußert, im Spielzeitheft in einem Interview mit Simons. «Man hatte sich eigentlich schon in Sicherheit gewiegt und die Neonazis fast als Folklore betrachtet.» Auch sie habe «den Medien und ihren Fantasien von einer türkischen Mafia geglaubt», sagte Jelinek weiter. «Wenn diese unglaublichen Lügen, die da verbreitet wurden (...), für wahr verkauft werden konnten, auch mir, die ich mir bis dahin immer eingebildet habe, ein kritischer Mensch zu sein, dann ist alles wahr und gleichzeitig alles gelogen.»

Die Beschäftigung mit dem NSU sei aber kein isoliertes Phänomen, meint Intendant Khuon. Auch «religiös aufgerüstete Politik», ein Erstarken von Nationalismus und Antisemitismus, Globalisierung, globalisierte Überwachung, die Flüchtlingsproblematik und nicht zuletzt auch das Erstarken der eurokritischen AfD seien Themen, mit denen die deutschen Bühnen sich verstärkt auseinandersetzen und auch auseinandersetzen müssen. «Der Geschichtsoptimismus ist uns ausgetrieben worden.»

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