Theater
NSA-Theaterprojekt in Karlsruhe

Karlsruhe (dpa) - Die fast totale Überwachung aller im Internet durch die NSA - wie soll man sich das eigentlich vorstellen?

Sonntag, 12.10.2014, 12:10 Uhr

Ganz einfach: Im Theaterprojekt «Ich bereue nichts» am Badischen Staatstheater in Karlsruhe symbolisiert eine Keksschachtel das Internet. Rund 75 Prozent dessen, was im Netz passiert, kann die NSA  nämlich abfangen. Das sind fast alle Kekse. Und der Rest, die Mandelblättchen und die Schokoherzen, die werden ans Publikum verteilt.

So bodenständig, so verzweifelt banal und fast schon lächerlich profan brachten Dramaturg Konstantin Küspert und Regisseur Jan-Christoph Gockel am Samstagabend die Dimension der weltweiten Spähattacke durch westliche Geheimdienste auf die Bühne. Und stellten damit gleich am Anfang der Vorpremiere für die Uraufführung am Sonntag ziemlich unterhaltsam die Frage: Wie kann man diesen unerhörten Angriff auf unsere Freiheit bildlich fassen?

In eineinhalb Stunden sensationellen Monologs verkörpert Thomas Halle den als Held gefeierten und gleichzeitig als Vaterlandsverräter von den USA verfolgten Whistleblower Edward Snowden . Auf der Suche nach geeigneten Bildern für die folgenreichen NSA-Machenschaften entwirft Halle alias Snowden Skizzen - um sie gleich darauf wieder auszuradieren. Passt nicht, nein, nochmal von vorne anfangen.

Denn das Bild schlechthin, das ikonographische Symbol für diesen unerhörten Vorgang gibt es nicht. Während sich etwa das Foto des schreienden nackten vietnamesischen Mädchens auf der Flucht aus einer Napalmwolke oder das der fallenden Türme des World Trade Center ins kollektive Gedächtnis eingebrannt haben, haben wir für die weitreichenden Erschütterungen durch Snowdens Enthüllungen seltsam unaufgeregt - nichts.

Einen blassen, bebrillten jungen Mann, sein inzwischen berühmtes Konterfei an den Spiegel des Schminktisches ganz links auf der Bühne gepinnt. Ansonsten nur schwarze Wand. Als Antwort auf die Aushöhlung der Demokratie durch Snowdens Enthüllungen «nur einen parlamentarischen Untersuchungsausschuss». Als Waffe gegen die Überwachung nur prosaische Verschlüsselung, die keineswegs stolzes Instrument, sondern entwürdigende Kapitulation angesichts des Unerhörten ist.

Sechs Monate haben Küspert, Gockel und seine Mitstreiter recherchiert, in Snowdens Heimat USA, in Deutschland mit Hackern, Weggefährten, Politikern wie dem Grünen-Bundestagsabgeordneten Hans-Christian Ströbele gesprochen. Dann brachten sie «Ich bereue nichts» nach kurzer Probenphase auf die Bühne - als bundesweit wohl erste Theaterbearbeitung des NSA-Skandals, sagt eine Sprecherin des Staatstheaters.

Intelligent und klug stellen Dramaturg und Regisseur den großartig spielenden Halle auf Bühne: Nackt und als entblößten Menschen, der sich nur noch mit dem Laptop vor dem Geschlecht notdürftig bedecken kann, während er gleichzeitig auf dem Bildschirm seiner Privatheit beraubt wird. Als den USB-Stick anbetenden Affen. Als in Hongkong verlassene Freundin Snowdens im rosa Tütü. Als in eiserner Rüstung gegen allgegenwärtige Überwachung gewappneten Ritter, der das Publikum zu umarmen versucht. Einsam jetzt - denn wer sich so schützen muss, kann nichts mehr spüren.

Was jetzt? Die Bilder passen nicht, sie sind zu groß, zu klein, zu - vielleicht gibt es sie gar nicht. «Tauch' ab Ed, Du hast es Dir verdient», sagt Halle und steigt in einen schwer behelmten Taucheranzug. Da steht er dann wie ein trauriges Teletubbie. Isoliert, vergessen. Und in seiner Hand schleift die amerikanische Flagge achtlos auf dem Boden.

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