Theater
Chefin des 53. Theatertreffens: «ein politischer Jahrgang»

Es ist eines der wichtigsten Festivals für deutschsprachige Bühnen. Beim Berliner Theatertreffen ist dieses Jahr die Flüchtlingskrise ein wichtiges Thema - aber nicht nur.

Donnerstag, 05.05.2016, 14:05 Uhr

Die Leiterin des 53. Berliner Theatertreffens, Yvonne Büdenhölzer.
Die Leiterin des 53. Berliner Theatertreffens, Yvonne Büdenhölzer. Foto: Soeren Stache

Berlin (dpa) - Beim 53. Berliner Theatertreffen werden von Freitag an die zehn besten deutschsprachigen Inszenierungen der Saison gezeigt. Die Dramaturgin  Yvonne Büdenhölzer , die das renommierte Festival seit fünf Jahren leitet, beschreibt im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur die Schwerpunkte.

Frage: Ist das Theatertreffen dieses Jahr besonders politisch?

Antwort: Wir eröffnen das Festival mit Karin Beiers  «Schiff der Träume», in dem ganz konkret die Frage nach dem Umgang mit Geflüchteten gestellt wird. Und Yael Ronens Arbeit «The Situation» setzt sich mit dem Nahost-Konflikt auseinander. Aber auch in «Mittelreich» von Josef Bierbichler wird in einem Erzählstrang von einer Flut Geflüchteter nach dem Zweiten Weltkrieg erzählt. Also, es ist auf jeden Fall ein politischer Jahrgang. 

Frage: Zugleich scheint die Lust am Spiel groß zu sein ...

Antwort: Das stimmt. Ein Abend wie «der die mann» von Herbert Fritsch lebt von den Spielern, die mit großer Freude das zelebrieren, was er ihnen an Textmaterial hinwirft. Und auch wenn es auf den ersten Blick nicht politisch erscheint, ist es eine sehr intelligente Auseinandersetzung mit Gesellschaft. Oder «Effi Briest» von Clemens Sienknecht und Barbara Bürk. Da kommt der komplette Fontane-Stoff vor, der in einer unglaublich tollen, musikalisch artifiziellen Weise umgesetzt wird. Das lebt wirklich von den Schauspielern. 

Frage: Fehlen auch Stücke?

Antwort: Tatsächlich war in diesem Jahr die Flüchtlingsfrage beherrschend - nicht nur in den Arbeiten, sondern auch in dem, was die Jury tagtäglich auf den Reisen erlebt hat. Da konnte man plötzlich in Österreich nicht mehr über die Grenze oder traf Geflüchtete, die einfach nicht mehr weiterkamen. In der Jury wurde das intensiv diskutiert: Müssen wir darauf reagieren, müssen wir noch mehr Arbeiten einladen, die das thematisch aufgreifen? Oder gibt es auch andere Kriterien, die genauso wichtig sind?

Zwei Arbeiten haben es dann letztlich nicht in die Auswahl geschafft: «Graf Öderland» von Volker Lösch zum Phänomen Pegida und «Die Schutzbefohlenen» von Enrico Lübbe am Schauspiel Dresden. Eine aktuelle, die politische Situation darstellende Inszenierung ist noch kein alleiniges Kriterium für eine Nominierung.

Frage: Sie haben ja schon im letzten Jahr die Flüchtlingsdebatte aufgegriffen ...

Antwort: Da haben wir uns sehr intensiv mit der Perspektive der Geflüchteten auseinandergesetzt. Wir wollen daran anknüpfen, aber doch weitergehen. In einem Themenschwerpunkt «Arrival City - Willkommensland Deutschland» soll es um die Frage gehen, was wir selbst beitragen können. Im letzten Jahr haben wir überall ein tolles zivilgesellschaftliches Engagement der Bühnen erlebt, die vom Deutschunterricht bis zu Notunterkünften alles organisiert haben. Aber das ist ja eigentlich nicht die Aufgabe von Theater.

Frage: Die Hälfte der geladenen Regisseure sind Newcomer. Gibt es einen Generationenwechsel an den Theater?

Antwort: Ich denke ja, aber das ist zweischneidig. Einerseits gibt es nach wie vor diesen Hype, junge Regisseure und Regisseurinnen, aber auch junge Spieler sehr schnell nach oben zu pushen, dann aber auch wieder fallen zu lassen - das ist die Kehrseite der Medaille. Aber es gibt eben zunehmend auch Häuser und Intendanten, die sich längerfristig für junge Theaterkünstler engagieren, sie regelrecht begleiten. Da geht es dann nicht nur um eine Arbeit, und wenn die nichts geworden ist, kommt der nächste Jungstar dran.

Beispiel beim Festival ist etwa Daniela Löffner. Was sie mit «Väter und Söhne» gemacht hat, ist einfach eine absolut schnörkellose, ernsthafte Auseinandersetzung mit dem Stoff, die man selten so erlebt hat. Auch Ersan Mondtag mit «Tyrannis» ist ein einzigartiger Künstler mit einer besonderen Handschrift. Bei solchen Menschen wünscht man, dass sie dabei bleiben und sich nicht zu schnell verbrennen. 

Frage: Und die Frauen?

Antwort: Fünf von elf geladenen Theatermachern sind Frauen, vier der zehn vertretenen Häuser sind von Frauen geführt. Das gab es noch nie. Und ich hoffe, dass es die Regel wird. Aber natürlich gibt es im Theater trotzdem nach wie vor diese gläserne Decke, wo viele Regisseurinnen an den Punkt kommen: Entscheide ich mich für die Familie oder für die Regiekarriere oder schaffe ich doch beides?

Frage: Was ist mit Ihnen selbst? Sie sind im achten Monat schwanger...  

Antwort: Nächstes Jahr bin ich wieder da, auch wenn es zwischendurch eine Pause gibt. So ist jedenfalls der Plan.

ZUR PERSON: Yvonne Büdenhölzer, 1977 bei Köln geboren, arbeitete nach einem Germanistik- und Pädagogikstudium in Bonn als Dramaturgin und Kuratorin an verschiedenen Theatern und in der Freien Szene. Von 2005 bis 2011 war sie Künstlerische Leiterin des Stückemarktes beim Theatertreffen, bis sie 2012 die Gesamtleitung übernahm. Seit 2005 hat sie einen Lehrauftrag an der FU Berlin. Sie ist Mitglied im Rat für die Künste.

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