Viel Theaterblut im Spiel
Kriegenburg begeistert mit «Macbeth» am Residenztheater

Der Regisseur Andreas Kriegenburg bringt William Shakespeares «Macbeth» auf die Bühne des Münchner Residenztheaters - und erntet viel Beifall. Es ist ein blutiges Spektakel mit stillen Momenten.

Sonntag, 15.01.2017, 12:01 Uhr

München (dpa) - Wie viel Liter Theaterblut Andreas Kriegenburg wohl für diese ausverkaufte «Macbeth»-Premiere benötigt hat? Der Regisseur kehrte am Freitagabend an das Münchner Residenztheater zurück und inszenierte einen rotgetränkten, aber zugleich vielumjubelten Shakespeare in der Übersetzung von Thomas Brasch.

In dieser Männergesellschaft aber überzeugte vor allem eine Frau: Sophie von Kessel als Lady Macbeth.  

Knapp zehn Männer stehen auf der Bühne, kämpfen mit sich, ihrer Welt und ihren Hoffnungen. Kaum einer entpuppt sich als Edelmann, denn viel zu schnell kann sich in ihren Herzen die Gier nach grenzenloser Macht, Reichtum und Ruhm festsetzen. Es beginnt ein Reigen aus Intrigen, Verrat und Morden. Schnell und immer lauter lässt Kriegenburg das Kandidaten-Karussell um die Königskrone drehen - bis niemand mehr weiß, wer Lebender, Halb-Toter oder schon Geist ist.

Auf Worte allein kann man sich hier nicht mehr verlassen. Viel Theaterblut lässt Kriegenburg fließen, viel mit Licht und Schatten arbeiten. Doch was ist Sein und was bloßer Schein? Dazu wird die clevere quadratische Hebebühne in schwarz, weiß oder blutrot getaucht. Trotzdem verlangt Kriegenburg seinen Zuschauern einiges ab.

Angestachelt werden die schottischen Generäle Macbeth und Banquo (Thomas Lettow) von drei Hexen, bei Kriegenburg sind sie ohne Gesicht und ohne Geschlecht. Aber auch ohne jedwedes eigenes Interesse? Wohl kaum. Macbeth jedenfalls gefällt, was er da hört. Er verwandelt sich fortan vom einstigen Mustermann in ein dem Wahnsinn verfallenes Wesen, das blind getrieben vom Herrschaftsdenken über die Zeit und damit über das Königreich Schottland ist. Und so zählt fortan alleine nur noch das «Ich». Das «Wir» als Ehepaar gibt es nur so lange, wie einem der andere nützlich ist.

Nicht nur Lady Macbeth ist dieser Männerwelt ausgeliefert und wird weggeworfen, sobald sie ihre Schuldigkeit getan hat. Ebenso ergeht es der Frau von Macbeths Gegenspieler, Lady Macduff, die Kriegenburg von Beginn an als blutverschmierte Stichwortgeberin auf die Bühne schickt. Doch während sich Macduff (René Dumont) bei der Nachricht vom Tode seiner Frau noch übergeben muss, bleibt Thomas Loibl als Macbeth beim Selbstmord seiner Gattin ausdruckslos stehen.

Gerade diese stillen Momente wirken in dieser Aufführung, die von Geschrei, Gezeter und Wahnwitz nur so durchdrungen scheint. Loibl schafft es als Macbeth, diesen Spagat durchgängig zu halten. Auch Sophie von Kessel (Lady Macbeth) ist immer dann am eindrucksvollsten, wenn sie fast lautlos mit sich selbst hadert, flüstert und dabei ihre Muskeln anspannt. Als blutüberströmte Lady Macduff bevorzugt Hanna Scheibe dagegen meist das Laute oder Überpointierte.

Zum Protagonisten-Paar passen dann auch die Gegenspieler, König Duncan (Arnulf Schumacher) und Sohn Malcolm (Mathilde Bundschuh). In beiden lassen sich die königlichen Tugenden wiedererkennen. Doch während Schumacher Duncan stets als einen unerschütterlichen Idealisten präsentiert, kann Bundschuh auftrumpfen und beim Kampf um die Krone auch die anrüchige Seite des Thronanwärters zeigen. Als reinen Vertrauenstest versteht sich, denn ein gleißend-weißer Lichtkegel zeigt’s am Ende an: Weichzeichner sind fortan unnötig, dank König Malcolm ist die natürliche Ordnung wieder hergestellt.

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