Festival am der Ruhr
In der Wiederholungsschleife: Marthaler eröffnet Triennale

Die Ruhrtriennale begann in diesem Jahr mal nicht in einer stillgelegten Industrieanlage, sondern im Audimax der Uni Bochum. Christoph Marthaler zeigte die Kreation «Nach den letzten Tagen. Ein Spätabend».

Donnerstag, 22.08.2019, 13:23 Uhr
Ruhrtriennale-Intendantin Stefanie Carp und der «Artiste associé» Christoph Marthaler (Archiv).
Ruhrtriennale-Intendantin Stefanie Carp und der «Artiste associé» Christoph Marthaler (Archiv). Foto: Marcel Kusch

Bochum (dpa) - Der Beifall ist freundlich, aber gedämpft: Nach mehr als zweieinhalb langen Stunden wirkt das Publikum im Bochumer Audimax nach Christoph Marthalers Ruhrtriennale-Kreation «Nach den letzten Tagen. Ein Spätabend» vor allem erleichtert.

Denn die Kombination von rechtspopulistischen bis offen rassistischen Texten mit Musik von verfemten Komponisten der Nazizeit ermüdet auf Dauer: Sie kommt weder in ihrer Kritik noch in ihrer oft auch sehr zweifelhaften Komik weiter.

In der zweiten Spielzeit von Stefanie Carps Intendanz stehen Aspekte europäischer Selbstkritik und die Krise der Demokratie im Zentrum der Programmdramaturgie. Dies nimmt die Intendantin zum Anlass, einen Abend, den sie als Dramaturgin in ähnlicher Form mit Christoph Marthaler bereits 2013 in Wien realisierte, für die Ruhrtriennale unter den verschärften Bedingungen des sich weltweit zuspitzenden politischen Klimas zu aktualisieren.

Erneut setzt Carp damit keine originäre Ruhrtriennale-Produktion zur Eröffnung aufs Programm. Im vergangenen Jahr startete das Festival mit «The Head and the Load» von William Kentridge, eine Produktion, die vorher bereits in der Londoner Tate Modern zu sehen gewesen war. Einst war die Ruhrtriennale dagegen von ganz eigenen, nicht für den internationalen Festival-Reisezirkus bestimmten Produktionen geprägt.

Auch der Ort der Veranstaltung, an dem «Artiste associé» Christoph Marthaler seinen «Spätabend» nun inszeniert, bricht mit den Grundprinzipien der Ruhrtriennale, die üblicherweise die strukturgewandelten Industriehallen bespielt. Das Audimax der Ruhruniversität Bochum bietet tatsächlich einen sehr spröden Charme für den Abend, der sehr leise mit einem gesummten Dreiklang beginnt und noch viel leiser, mit verklingenden Echos aus Felix Mendelssohn-Bartholdys Chor «Wer bis ans Ende beharrt» aus seinem Oratorium «Elias», endet. Das Publikum sitzt auf der kleineren Hälfte des gewaltigen Amphitheater-Ovals des Hörsaals, Marthalers Darsteller bespielen die größere Hälfte des ansonsten gähnend leeren Saals, ein Kammermusikensemble sitzt links oben auf halber Höhe.

Das bewusst stockend erzählte, in typischer Marthaler’scher Weise verlangsamte Geschehen spielt in der Zukunft in der Mitte des 22. Jahrhunderts in einem fiktiven Parlament, in der eine «Exzellenz, der Kaiser von Hohenzollern Europa», begrüßt wird und ansonsten nur noch Ehrungen und Gedenkveranstaltungen stattfinden. Fünf Putzfrauen werden zu Beginn unterwiesen, das Parlament, in dem «nichts mehr stattfindet», zu entstauben, denn es steht eine Gedenkveranstaltung an. Gefeiert werden soll die Befreiung des KZ Mauthausen vor 200 Jahren, was zunächst nach guter demokratischer Tradition klingt.

Dann aber folgt eine Textcollage von Stefanie Carp, die politische Reden aus der Vergangenheit des späten 19. Jahrhunderts und der Zwischenkriegszeit mit aktuellen Reden und Äußerungen von Populisten wie Viktor Orbán oder Boris Johnson kurzschließt. Uli Fussenegger hat dazu die Musiken arrangiert. Sie kombinieren in höchst feinsinniger Weise Musik von in der Nazizeit verfemten Komponisten wie Ernest Bloch, Pavel Haas, Viktor Ullmann und Erwin Schulhoff mit Fragmenten ikonischer Werke des klassischen Repertoires wie etwa Beethovens «Neunter», Wagners «Siegfried-Idyll» und «Tannhäuser». Dazu stellt er Zitate aus Pop und Schlager und Luigi Nonos «Ricorda cosa ti hanno fatto in Auschwitz».

Die musikalische Seite des Abends ist sehr suggestiv, perfekt ausgeführt und geht unmittelbar unter die Haut. Wenn etwa zu Nonos Auschwitz-Chören vom Band die Darsteller verteilt im Raum sitzen und mit weit geöffneten, stummen Mündern an Edvard Munchs «Schrei» erinnern. Problematisch dagegen sind die Texte, die überwiegend populistische bis hart antisemitische Äußerungen eins zu eins wiedergeben und einzig durch das ironische Spiel der Darsteller konterkarieren. Die Kritik ist zwar eindeutig, aber wirkt auf Dauer sehr eindimensional und teils banal.

So tritt der Abend auf der Stelle und die Texte quälen mehr, als dass sie erhellen oder zu tiefer gehender Ursachenforschung anregen. Marthalers politischer Scharfsinn entzündet sich sonst stets am Uneindeutigen, sozusagen als Abfallprodukt seiner Alltagsanalysen. Hier will er eindeutiger sein und bleibt in einer Sackgasse stecken.

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