100 Jahre „Jedermann“: Mysterienspiel läutet am Samstag verkürzte Salzburger Festspiele ein
Wenn der Tod den Prasser ruft

Münster/Salzburg -

In Salzburg steigt die Spannung. Die abgespeckten Festspiele beginnen am Samstag, 1. August, mit dem „Jedermann“. Das Mysterienspiel stand 1920 am Beginn einer 100-jährigen Festspielgeschichte, die nach Corona hoffentlich bald wieder in die normale Spur zurückfindet.

Donnerstag, 30.07.2020, 15:30 Uhr
Klaus Maria Brandauer als „Jedermann“ und Elisabeth Trissenaar als „Buhlschaft“ bei einer Aufführung des „Jedermann“ bei den Salzburger Festspielen 1987. Rechts Hugo von Hofmannsthal, der mit dem „Jedermann“ zugleich die Festspiele begründete.
Klaus Maria Brandauer als „Jedermann“ und Elisabeth Trissenaar als „Buhlschaft“ bei einer Aufführung des „Jedermann“ bei den Salzburger Festspielen 1987. Rechts Hugo von Hofmannsthal, der mit dem „Jedermann“ zugleich die Festspiele begründete. Foto: Idpa

Hier und da bimmelt eine der Salzburger Glocken. Dazwischen mischen sich, auch wenn die Sommersonne fröhlich über dem Domplatz lacht, schaurige Rufe von den Türmen der Stadt oder aus Richtung der Festung Hohensalzburg: „Jeeedeeermaaann“. Die Stimmen, die den Prasser und gottvergessenen Lebemann aus der Fest- und Feierlaune jäh herausreißen und ihn ans nahe Ende gemahnen, gehörten früher zum festen Bestand der Salzburger Festspiele . Genau genommen gäbe es das größte Musik- und Theaterfestival der Welt gar nicht ohne den seit 1920, also seit genau 100 Jahren, gespielten Dauerbrenner aus der Feder von Festspielmitgründer Hugo von Hofmannsthal .

Mit mehr als 28 000 Aufführungen ist zwar Agatha Christies „The Mousetrap“ („Die Mausefalle“) seit 1952 uneinholbar das am meisten laufende Theaterstück der Welt. Da kann der Salzburger „Jedermann“ mit bislang „nur“ 715 Aufführungen nicht mithalten. Dafür haben die alljährlichen Festspielaufführungen von Hofmannsthals Mysterienspiel vom „Sterben des reichen Mannes“ die längere Tradition.

Bei der Festspiel-Premiere zwei Jahre nach Ende des Ersten Weltkriegs setzte der Regisseur Max Reinhardt das Stück erstmals auf dem Domplatz in Szene. Seither wurde es mit Ausnahme der Jahre 1922 bis 1926 sowie der Zeit von 1937 bis 1945, als Hofmannsthals Werke unter den Nazis nicht gespielt werden durften, jeden Sommer aufgeführt und zum Markenzeichen des Festivals. Die stets ausverkauften Vorstellungen sind finanziell eine sichere Bank, was manchen Überlegungen, das Stück abzusetzen oder auszutauschen, bislang zuverlässig den Boden entzogen hat.

Uraufgeführt wurde der „Jedermann“ 1911 in Berlin. Hofmannsthal hatte sein Erfolgsstück, das in zahlreichen (mundartlichen) Bearbeitungen seither auch an vielen anderen Festspielorten präsentiert wird, nach Art eines altenglischen Mysterienspiels in historisch anmutenden Knittelversen verfasst. Die Wiederbelebung dieser archaischen, mit allegorischen Figuren wie dem „Mammon“ oder dem „Glauben“ ausgestatteten dramatischen Form wollte der Dichter als Erneuerung des Theaters aus dem Geist der Vergangenheit verstanden wissen.

Bis 2002 wurde der „Jedermann“ in Salzburg durchweg streng nach den Vorgaben Reinhardts inszeniert, in altertümlichen Kostümen und deklamatorischer Sprache. Der Leiter der Oberammergauer Passionsspiele, Christian Stückl, brach erstmals mit der ehernen Tradition und setzte deutliche moderne Akzente. Die auch in diesem Jahr gespielte Inszenierung von Michael Sturminger aus dem Jahre 2017 gilt die bislang radikalste. Tobias Moretti spielt darin den Jedermann als routinierten und modernen Manager mit Geldkoffer, den eher Melancholie und Migräne plagen. Fast möchte man Mitleid mit ihm haben. Nur ganz sporadisch, etwa als er sich den Dom schon als neuen Lust-Palast ausmalt, blitzt kurz etwas Zynisches und Faustisches in ihm auf. Doch das vergeht ihm schnell, wenn es ihm in der Brust eng wird und der Kopf hämmert. Die Inszenierung zeigt mithin einen heutigen „Jedermann“ in Alltagskleidung, den nicht göttliches Schicksal, sondern mutmaßlich ein Hirntumor ereilt. Dass er auf einer modernen Krankenstation zu liegen kommt, darf als unfreiwillige Parallele zur Corona-Pandemie gewertet werden.

Auch das Bild der „Buhlschaft“ hat sich im Laufe der Zeit gewandelt. Legte man früher vor allem Wert auf dralle Weiblichkeit, geben sich die jeweiligen Geliebten des „Jedermann“ unterdessen als emanzipierte Frauen. In diesem Jahr schlüpft Caroline Peters in die renommierte, wenn auch dramaturgisch eher marginale Rolle. Die Kleiderfrage ist seit Donnerstag öffentlich geklärt. Zunächst wird Peters ein hautfarbenes Seidenkleid tragen, beim zweiten Auftritt dann feuriges Rot. Also kein Gelb, wie seinerzeit häufig als Kommissarin Sophie Haas im fiktiven Eifelkaff „Hengasch“.

Natürlich hat der in Salzburg gepflegte „Jedermann“-Kult Kritiker auf den Plan gerufen. Sie störten sich zum Beispiel daran, dass ein in ihren Augen privilegiertes Festspielpublikum die finale Bekehrung und Läuterung des „reichen Mannes“ auf der Bühne heuchlerisch beklatsche, um danach wieder Party zu machen.

In Corona-Zeiten rücken Lebensrisiko, Krankheit und Vergänglichkeit den Gästen dichter auf die Pelle. Caroline Peters, deutete es im Interview an: „Im Augenblick kann man nicht einfach alles verdrängen. Die Menschen sehen die Masken in den Straßen und denken: Ich schütze mich und andere davor, dass wir hier schnell sterben. Dieser Kontext wird die Jedermann-Aufführung aufregender machen.

https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/7514910?categorypath=%2F2%2F84%2F61%2F197%2F201%2F1819672%2F
Nachrichten-Ticker