Jahreswechsel
Sonntagskrimis als TV-Lagerfeuer

Berlin (dpa) - Während vielen TV-Formaten der verbindende Charakter verloren geht, funktionierte der ARD-Sonntagskrimi in diesem Jahr als Fernsehphänomen so massentauglich wie lange nicht.

Freitag, 27.12.2013, 13:12 Uhr

Sonntagskrimi statt Samstagabendshow: Wohl spätestens in diesem Jahr haben die ARD-Krimireihen « Tatort » und « Polizeiruf 110 » die ZDF-Show «Wetten, dass..?» - die vielen seit Markus Lanz nur noch als Lästervorlage dient - als «Lagerfeuer der Nation» am Wochenende abgelöst. Die Krimis im «Ersten» sind inzwischen die einzigen Unterhaltungsformate, die regelmäßig acht bis zwölf Millionen Zuschauer vor den Bildschirm bannen. Sie laufen auch im Internet bestens - mit steigenden Online-Abrufen oder als Top-Thema in sozialen Netzwerken. Ein Überblick zum Jahr 2013:

FÜNF NEUE TATORT-TEAMS: Beim «Tatort» gingen gleich fünf Teams an den Start - und zwar in Saarbrücken mit Devid Striesow (27.1.), in Hamburg mit Til Schweiger (10.3.), in Hamburg/Norddeutschland mit Wotan Wilke Möhring (28.4.), in Erfurt mit Friedrich Mücke/Benjamin Kramme/Alina Levshin (3.11.) sowie in Weimar mit Nora Tschirner und Christian Ulmen (26.12.). Laut «tatort-fundus.de» gab es übrigens in allen 36 «Tatort»-Erstausstrahlungen des Jahres zusammen 73 Tote. Im Vorjahr waren in 35 Filmen sogar 88 Leichen gezählt worden.

KRITIK AN NEUEN TATORTEN: Bei Kritikern und Fans war die Begeisterung über die Neuzugänge durchwachsen - Ermittler Stellbrink im Saarland und das junge Team in Erfurt wirkten auf viele eher altbacken. Gerade bei Erfurt fragte sich mancher, ob die offene Ausschreibung des MDR nicht etwas Innovativeres hätte hervorbringen sollen; die Medienfrauen von ARD , ZDF und ORF verliehen dem ersten Erfurter «Tatort: Kalter Engel» sogar den Negativpreis «Saure Gurke», weil er frauenfeindlich gewesen sei. Weniger betulich, aber zu gewollt actionreich, fanden manche die NDR-Neuzugänge Schweiger (als Tschiller) und Möhring (als Falke). Quotenmäßig liefen die neuen «Tatorte» gut (fast alle hatten mehr als zehn Millionen Zuschauer).

EIN NEUES POLIZEIRUF-110-TEAM: Beim «Polizeiruf 110» startete nach dem Aus des Duos Jaecki Schwarz/Wolfgang Winkler in Halle an der Saale ein neues Team in Magdeburg: die Schauspieler Claudia Michelsen und Sylvester Groth debütierten als Gespann Brasch/Drexler (13.10.). Dessen sehr gespanntes Verhältnis hat Kult-Potenzial.

TOP-QUOTEN: Beste Zuschauerzahlen fuhren wieder die «Tatort»-Krimis aus Münster ein. Die WDR-Produktion «Summ, summ, summ» (24.3.) holte rund 12,8 Millionen Zuschauer - so viele wie kein «Tatort» seit September 1993. Die Münster-Stars Axel Prahl und Jan Josef Liefers hatten prominente Unterstützung von Roland Kaiser, der einen Schlagerstar namens Roman König mimte. Der zweite Münster-«Tatort» des Jahres («Die chinesische Prinzessin», 20.10.) hatte 12,4 Millionen Zuschauer. Dazwischen lag der erste «Tatort» mit Til Schweiger («Willkommen in Hamburg», 10.3.) mit gut 12,6 Millionen.

BESTER KRIMI: Als gelungenster Fall 2013 galt vielen Fans der Berliner «Tatort: Gegen den Kopf» (8.9.) mit den Ermittlern Ritter (Dominic Raacke) und Stark (Boris Aljinovic). Er handelte von einem gewissenlosen U-Bahn-Schläger. Beim Fan-Forum «tatort-fundus.de» schaffte es der RBB-Film zeitweise auf Platz eins der Gesamtrangliste von inzwischen fast 900 «Tatorten» seit 1970.

SCHLECHTESTER KRIMI: Der saarländische «Tatort» mit dem Titel «Eine Handvoll Paradies» (7.4.) rund um eine Rocker-Gang gehört in der Rangliste von «tatort-fundus.de» zu den am meisten kommentierten Folgen. Der zweite Fall der Figur Jens Stellbrink (Devid Striesow) kam dort nur auf einen der letzten Plätze von fast 900 seit 1970.

BESONDERS KÜNSTLERISCH: Als besonders anspruchsvoll empfanden viele die beiden Münchner «Polizeiruf 110»-Krimis mit Matthias Brandt als Kriminalhauptkommissar Hanns von Meuffels - zum einen «Der Tod macht Engel aus uns allen» mit Lars Eidinger als Transsexuelle Almandine Winter (14.7.) und zum anderen der Fall «Kinderparadies» von Regisseur Leander Haußmann (29.9.). Auch der ambitionierte Münchner «Tatort: Aus der Tiefe der Zeit» von Dominik Graf (27.10.) sorgte für Gesprächsstoff. In dem Film mit den Ermittlern Batic (Miroslav Nemec) und Leitmayr (Udo Wachtveitl) ging es um die Familie einer wirren Zirkusartistin und den Immobilien-Wahn im teuren München. Nach zwei Jahren Pause war auch Ulrich Tukur als Ermittler Felix Murot wieder im Programm: mit dem Zirkus-Fall «Schwindelfrei» (8.12.).

NEUES TEAM IN FRANKFURT: In Frankfurt steht ein Wechsel an (der letzte war erst 2011) - Margarita Broich und Wolfram Koch nehmen als neues «Tatort»-Team die Arbeit auf, nachdem dort im April 2013 zunächst Nina Kunzendorf als Conny Mey aufgehört hat und in einem letzten Solo-Fall (wohl im Frühjahr 2014 zu sehen) der verbliebene Joachim Król als Frank Steier den Dienst quittiert. Broich ist vor allem als Theaterschauspielerin bekannt und privat die Lebensgefährtin von Leipzig-«Tatort»-Star Martin Wuttke.

NEUER FRANKEN-TATORT: Einen Neustart gibt es beim Bayerischen Rundfunk mit dem Franken-«Tatort». Sitz der «Mordkommission Franken» ist Nürnberg, die Fälle sollen jedoch in ganz Franken spielen. Als Team sind die Schauspieler Dagmar Manzel und Fabian Hinrichs gesetzt An ihrer Seite sind Frank-Markus Barwasser (auch bekannt als Erwin Pelzig) als Leiter der Spurensicherung zu sehen sowie Eli Wasserscheid. Hinrichs hatte Ende 2012 in einem Münchner «Tatort» in der Rolle eines nervigen, rasch getöteten Assistenten namens Gisbert viele Fans gefunden, hat aber jetzt den Rollennamen Konrad Wagner.

JUBILÄUM 2014: Die Schauspielerin Ulrike Folkerts ist 2014 bereits seit 25 Jahren als Lena Odenthal in Ludwigshafen im Einsatz. Die dienstälteste «Tatort»-Ermittlerin wird auch ihren 60. Fall lösen.

AUSBLICK 2014: Anfang 2014 läuft ein besonders bedrohlicher Kölner «Tatort» aus Jugendschutzgründen erst nach 22 Uhr in der ARD. Abschied nehmen heißt es vom Berliner «Tatort»-Team Dominic Raacke (seit 1999 Till Ritter) und Boris Aljinovic (seit 2001 in der Rolle des Felix Stark). Der nächste Fall der beiden soll Mitte Februar laufen, der letzte dann im Laufe des Jahres. 2015 geht dann in Berlin ein neues Team an den Start. Außerdem ist 2014 - nachdem es 2013 eine Pause gab - wieder ein Einsatz von Maria Furtwängler (alias Charlotte Lindholm in Hannover) geplant. Ulrich Tukur soll zudem in seinem vierten Fall zu sehen sein, der laut HR wohl besonders leichenreich wird - mit 47 Toten am Ende der Handlung. Außerdem tauchte wohl erst für 2015 die Idee eines einmaligen «Tatort»-Specials mit Heike Makatsch in Freiburg auf. Til Schweiger kommt 2014 mit seinem zweiten Fall im Frühjahr ins Erste. Beim Bambi Mitte November hatte der Kinostar in einer Laudatio für Schlagerstar Helene Fischer gesagt: «Vielleicht hat sie ja mal Lust, mit mir einen "Tatort" zu drehen. Zusammen könnten wir sogar die Quote von Münster schlagen.»

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