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«Wetten, dass..?» - Was kommt nach dem Lagerfeuer?

Berlin (dpa) - «Retro-Fernsehen», «Sowas von 80er!», «Die Show hat sich überlebt» - das ist ein breiter Tenor zum Thema «Wetten, dass..?» Aber war das wirklich das Problem dieser Sendung? Wer am Wochenende zur Fernbedienung greift und länger durch die öffentlich-rechtlichen Programme zappt, glaubt sich manchmal in den Zeiten des späten Schwarz-Weiß-Fernsehens.

Montag, 07.04.2014, 17:04 Uhr

Bei der Doku-Reihe «Eisenbahn-Romantik» ( SWR ) fahren Männer mittleren Alters mit Dampfzügen Strecken entlang, bei denen ein Signalmast schon willkommene Abwechslung ist. Bei der Rateshow «Ich trage einen großen Namen» (SWR) setzen sich seit 1977 freundliche Leute in ein schmuckloses Studio. In Robert-Lembke-Manier kitzelt man irgendwann aus dem Besucher heraus, dass der Ur-Ahn Kaiser Barbarossa war oder irgendein Großdichter. Bei «The Joy of Painting» (BR-alpha) erklärt Künstler Bob Ross - Kennzeichen: Afrofrisur und Vollbart - zärtlich, wie man gruselige Bilder malt. Ross ist seit 1995 tot. Seine Sendung lebt weiter. Im NDR wird jeden Sonntag «Bingo!» gespielt. Niemand im Netz meckert über all diese schönen TV-Formate. Warum dann über Lanz?

Das Problem an «Wetten, dass..?» war vermutlich nie ein Zuviel an Retro. Gerade die Momente mit rohen Eiern zwischen Lokpuffern oder unfassbaren Gedächtnisleistungen waren die tollsten. Das Problem war der Anspruch, ein Massenpublikum von mehr als acht Millionen vor der Glotze zu versammeln. Das sogenannte Lagerfeuer lodert im deutschen Fernsehen nur noch zu sehr seltenen Anlässen hoch. Fußball, «Tatort», Dschungelcamp, vielleicht auch mal ein «Brennpunkt». «Wetten, dass..?» ließ das Lagerfeuer nur noch gelegentlich mal knistern.

Der TV-Kritiker Oliver Kalkofe begleitet das Fernsehen seit 20 Jahren mit seiner Sendung «Kalkofes Mattscheibe». «Die Ära, in der sich Eltern, Großeltern, Enkel und Nachbarn gemeinsam vor der Flimmerkiste versammelten, ist definitiv vorbei», sagt er der Nachrichtenagentur dpa. «Die Riesenquote, die sich aus allen Schichten zusammensetzt, wird es nicht mehr geben - man muss sich für einen bestimmten Teil des Publikums entscheiden und diesen konsequent und ehrlich bedienen. Denn wenn man versucht, ein Mosaik für alle zu basteln, ist immer ein Großteil gleichzeitig gelangweilt - und heutzutage gibt es genug Alternativen, da schaltet man einfach weg und sucht was anderes.»

1981, als «Wetten, dass..?» startete, hatten Zuschauer drei Sender zur Wahl - heute Dutzende. Und trotzdem schauen viele lieber ihre US-Serien auf DVD oder im Netz.

Das Ende von «Wetten, dass..?» könnte nach Kalkofes Worten den Weg für etwas Neues freimachen. «Vielleicht denkt man klugerweise mal nicht über einen Nachfolger nach, sondern lieber einen bunten Strauß unterschiedlicher und neuer frischer Ideen, die jeweils einen anderen Teil des Publikums ansprechen.» Große Hoffnungen, dass etwas wirklich Innovatives zum Zuge kommen wird, macht er sich allerdings nicht.

Es ist ja nicht so, dass die Öffentlich-Rechtlichen keine neuen Ideen hätten. In den digitalen Spartensendern wird hervorragendes Fernsehen gemacht. Dort regieren auch mal Anarchisten wie Jan Böhmermann, der es jüngst sogar schaffte, Stefan Raab einen Aprilscherz zu spielen.

Sich etwas trauen. Das ist auch in den Augen von Medienforscher Lutz Hachmeister das Gebot der Stunde. «Ich denke, dass man schon noch große Shows machen kann, die vielleicht sogar etwas politischer, etwas aktueller sind, etwas brisanter sind», sagte er «Deutschlandradio Kultur» am Montag. «Ich denke damals an Adriano Celentano in Italien, als er mal aufgefordert hat, nicht wählen zu gehen gegen Berlusconi. Große Show - und die Mehrheit der Italiener hat da zugeschaut.»

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