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Der Mann, der die Welt rettete

Unser Planet am Abgrund: 1983 war Stanislaw Petrow Befehlshaber über das sowjetische Atombomben-Arsenal. Dann kam ein Fehlalarm. Petrow allein verhinderte den Dritten Weltkrieg. Und musste schweigen.

Dienstag, 04.08.2015, 00:08 Uhr

Stanislaw Petrow (re.) ist ein Held in Amerika. Gewürdigt für seine Heldentat wird er hier von Robert de Niro (li.) und Matt Damon (Mi.).
Stanislaw Petrow (re.) ist ein Held in Amerika. Gewürdigt für seine Heldentat wird er hier von Robert de Niro (li.) und Matt Damon (Mi.). Foto: dpa

Berlin (dpa) - Stanislaw Petrow ist ein eigenartiger Held. Der weißhaarige Herr im Holzfällerhemd, der in einer verdreckten Hochhauswohnung in Russland lebt, ist immer schlecht gelaunt.

Er wird umso miesepetriger, wenn man ihn als den Helden anspricht, der vor 32 Jahren die Welt vor dem Atomkrieg rettete. Als er gegen Geld eine Einladung in die USA annimmt und erfährt, dass er vor den Vereinten Nationen reden soll, flippt der Russe auf der Rückbank eines New Yorker Taxis völlig aus: «Ich bin nicht so ein schleimiger Politiker, der vor sich hinreden kann. Ich bin ein normaler Mensch.»

Der Dokumentarfilm «Der Mann, der die Welt rettete» von Regisseur Peter Anthony setzt Petrow ein Denkmal. Arte zeigt ihn am Dienstag (4.8.) um 22.50 Uhr.

Die Welt stand in der Nacht des 26. September 1983 am Rande eines Nuklearkriegs. Ein Computerfehler fiel in eine Zeit der höchsten Konfrontation. US-Präsident Ronald Reagan hatte die Sowjetunion als «Reich des Bösen» gebrandmarkt, der Abschuss einer südkoreanischen Passagiermaschine hatte die Lage angeheizt.

«Wir waren im Krieg gegen Kapitalismus auf der ganzen Welt: in Afghanistan, Südamerika, im Nahen Osten. Im Geheimen waren wir bereits im Krieg», erinnert sich Ex-Oberst Petrow. «Unsere Welt stand noch niemals zuvor vor einer derartigen Katastrophe wie 1983. Sogar der kleinste Funke hätte die Zerstörung unserer Zivilisation bedeuten können.»

Der Dokumentarfilm streut erschreckend authentische Spielszenen ein, welche Panik in der nuklearen Kommandozentrale der Sowjetunion herrscht, über die Petrow in der Nacht das Kommando führt. Plötzlich macht das Infrarotwarnsystem eine US-Rakete am Himmel aus, dann eine zweite, dann eine dritte. Die sowjetische Luftraumüberwachung kann nichts ausmachen: Über den USA liegt gerade die Dämmerung, in einem Teil ist es Nacht, in einem anderen scheint die Sonne. Nichts ist erkennbar. Mehr und mehr wächst der Druck auf den Oberst.

«Wenn ich den Befehl für den Angriff gebe, werden sehr viele Menschen sterben», erinnert sich Petrow. «Alle unsere Streitkräfte hätten in Kampfbereitschaft versetzt werden müssen. Unsere Raketen hätten in Abschussposition gebracht werden müssen.»

Die Bomben von Hiroshima und Nagasaki hätten wie Spielzeuge gewirkt im Vergleich zu den 11 000 nuklearen Sprengköpfen Anfang der 80er Jahre. «Totale Auslöschung allen Lebens! Im Hauptquartier hätten sie nur ein paar Knöpfe drücken müssen. Es war mir vollkommen klar, dass mein Befehl für den Abschuss von niemandem mehr hätte korrigiert werden können. Niemand hätte es gewagt, meine Befehl infrage zu stellen.» Sein einziger Vorgesetzter war betrunken. «Wir werden nicht mehr reagieren können», sagt sein Kollege in der Spielszene. «Sie müssen eine Entscheidung treffen!»

«Eines wollte ich absolut nicht: Der Auslöser für den Dritten Weltkrieg sein», sagt Petrow. Dies hätte bedeutet, die Menschheit durch den Fleischwolf zu drehen. «Die Zahl der Toten wäre so hoch, dass sich das kein Mensch vorstellen kann.» Petrow behält die Nerven. Nach unendlichen Minuten die Erkenntnis: kein Einschlag. Der Computer hatte einen Aussetzer. Der Oberst bricht in Tränen aus. «Wir haben verzweifelt nach dem Grund für den Fehlalarm gesucht, aber nie gefunden. Vielleicht hat uns das Universum einen Streich gespielt.»

«Ich bin peinlich berührt, wenn das, was ich getan habe, als heldenhaft bezeichnet wird», erinnerte sich der Ex-Militär 2006 vor den UN. «Das Schlimmste während meines Dienstes in jener Nacht war die Tatsache, dass mich große Zweifel überkamen, ob meine Entscheidung richtig war. Letzten Endes hatte ich recht. Ich bin kein Held. Ich war nur zur richtigen Zeit am richtigen Ort.» Er erhielt vor neun Jahren bei den Vereinten Nationen eine Trophäe mit der Inschrift: «The Man Who Saved the World» (Der Mann, der die Welt rettete).

Petrow verließ kurz nach dem Beinahe-Krieg die Armee. «Meine Frau war tief betroffen, dass ich ihr den Vorfall vom atomaren Fehlalarm zehn Jahre lang nicht erzählt habe, weil ich es nicht durfte.» Seine Ehefrau, die Liebe seines Lebens, starb schließlich. Er vereinsamte.

«Viele glauben, dass ein Atomkrieg nur ein Schreckgespenst der Vergangenheit ist. Aber ich glaube, dass diese Meinung sich noch grundlegend ändern wird.» Petrow sieht keine Entwarnung. «Es ist nur eine Frage der Zeit, dass eine Stadt wie diese mit atomaren Waffen angegriffen wird», sagt er traurig beim Blick über New York. Er ist fest überzeugt, dass Atombomben eines Tages noch zum Einsatz kommen werden. «Wir haben nichts aus der Vergangenheit gelernt.»

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