Auf Wanderschaft durch Europa
Die Odyssee der einsamen Wölfe

Der Wolf ist nach wie vor ebenso umstritten wie selten in Deutschland. Eine aufwendige TV-Reportage geht jetzt den Wanderungen dreier Vertreter quer durch Europa nach.

Dienstag, 20.12.2016, 00:12 Uhr

Ein Wolf im Wildgehege Moritzburg.
Ein Wolf im Wildgehege Moritzburg. Foto: Arno Burgi

Berlin (dpa) - Warum wird der Wolf so verfolgt? Warum haben die Menschen schon seit Urzeiten so viel Angst vor ihm?

Wie man damit umgehen und für ein friedliches Miteinander von Mensch und Raubtier eintreten kann, das zeigt eine ausführliche Reportage mit dem Titel «Die Odyssee der einsamen Wölfe» an diesem Dienstag (20.15 Uhr) auf Arte.

Mit dem Titel sind drei Wölfe gemeint, um die es in diesem Film, der auf einer Forschungsstudie basiert, hauptsächlich geht. Da ist Slavko, der von Slowenien aus über 1000 Kilometer bis in einen Nationalpark bei Verona wandert - 1500 Wölfe leben dem Bericht zufolge heute wieder in Italien. Ein Einzelgänger wie er hat oft keine Chance gegen einen Hirsch oder gar ein Wildschwein, wohingegen aber ein ganzes Rudel sogar ein Bisonkalb erlegen kann.

Der Rüde Alan gelangt nach 1500 Kilometern - auch durch dicht besiedelte Gebiete - von der ostdeutschen Lausitz bis zur weißrussischen Grenze. 30 bis 40 Wolfsfamilien leben laut Arte-Film heute wieder in Deutschland . Schließlich ist da noch ein Wolf namens Ligabue auf seinem 1000 km langen Weg von Parma bis in die französischen Seealpen. Er wird - kurz vor der Paarung mit einer jungen Wölfin - ausgerechnet von Artgenossen aus einem anderen Rudel getötet und gefressen. Alle drei Tierwanderungen werden jeweils von Wolfsbiologen begleitet.

Die wohltuende Stimme des Erzählers Dietmar Wunder (die deutsche Stimme von Daniel Craig ) nimmt den Zuschauer mit auf diese einzigartigen Reisen europäischer Wanderwölfe. Da sie sehr scheue Tiere sind, stellt der ungarische Wolfstrainer Zoltan Horkai die Wanderungen mit dressierten Tieren und mit GPS-Halsbändern nach: «Das Wichtigste ist sein Vertrauen. Wenn man das hat, dann kann man mit ihm arbeiten», sagt er im Film.

Trotzdem bleibt der Wolf ein Raubtier, und wohl auch deshalb wird er mit allen Mitteln seit dem Mittelalter verfolgt und dämonisiert, gejagt und erlegt. 1904 ging in Deutschland der letzte Wolf in die ewigen Jagdgründe ein; etwa 100 Jahre später wird er verstärkt hierzulande gesichtet - 2007 tauchte das erste Tier in Niedersachsen auf. Wölfe haben Respekt vor Menschen, doch wenn die wiederum auf Wölfe treffen, kommt sofort die alte tiefsitzende Angst hoch - dabei soll man leise bleiben und nicht wegrennen. Ein Wolf kann schon mal nahe herankommen, weil er neugierig ist, aber er greift Menschen nicht an und verfolgt sie auch nicht - so wird es jedenfalls auch im Film behauptet.

Der Autor Volker Schmidt-Sondermann hat anhand dieses europäischen Forschungsprojektes nicht nur einen wissenschaftlich fundierten Beitrag, sondern auch eine absolut sehenswerte und faszinierende Reportage gedreht. Er geht darin ebenso dem Mythos vom Werwolf auf den Grund - samt schauerlicher Filmszenen - wie dem Bild des «Bösen Wolfes» in so manchem Märchen («Rotkäppchen»), und er beleuchtet «Isegrim» in der Götterwelt und die römische Sage der ausgesetzten Zwillinge Remulus und Romulus - alles anhand von Animationsszenen. Das Wolfsgeheul wird treffend nachgemacht - die Tiere hören solch ein Geheul bis über vier Kilometer hinweg; die Feindschaft wird erzählt zwischen Bär und Wolf, die sich um dieselbe Beute streiten.

Über die Grenzen hinweg faszinieren die Fähigkeiten der Raubtiere die Forscher. Luigi Boitani, Biologe an der Universität La Sapienza in Rom, erklärt im Film: «Die Gründe für die Rückkehr des Wolfes sind klar: Er ist sehr anpassungsfähig und kann in den verschiedensten Lebensräumen überleben.» Er will nicht jeden einzelnen Wolf beschützen, sondern ist für einen Abschuss, wenn ein Tier zuviel Ärger anrichtet. Sein Erfolgsrezept lautet Koexistenz und Kompromiss: «Beide Seiten müssen lernen, etwas aufzugeben. Die Menschen müssen lernen, ein paar Schäden in Kauf zu nehmen, und die Wölfe müssen tolerieren, dass ab und zu einige von ihnen geschossen werden.»

Er glaubt, dass das hinzubekommen ist. Die einzelnen weit verzweigten Wolfspopulationen in Europa werden sich verbinden und für Nachwuchs sorgen. Der Wolf erobert sich einen Lebensraum zurück, der ihm genauso gehört wie dem Menschen.

Anzeige
http://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/4511479?categorypath=%2F2%2F84%2F61%2F197%2F201%2F1819674%2F4840802%2F4840803%2F
Nachrichten-Ticker