TV-Klassiker
40 Jahre Tabubuch: NDR feiert «Reifezeugnis»-Geburtstag

Für viele ein Tabubruch, für viele wohltuend: Der «Tatort» taugte bereits in den siebziger Jahren zum Sozialdrama und stellte oft die Befindlichkeiten der Nation auf den Prüfstand. Das beste Beispiel: der Film «Reifezeugnis». Das war vor genau 40 Jahren.

Mittwoch, 22.03.2017, 13:03 Uhr

Michael (Marcus Boysen) liebt Sina (Nastassja Kinski).
Michael (Marcus Boysen) liebt Sina (Nastassja Kinski). Foto: dpa

Berlin (dpa) - Eine 17-jährige Schülerin, die ein Verhältnis mit einem Lehrer hat, wäre heute als Filmstoff eine Geschichte wie viele andere - nichts Ungewöhnliches, das Millionen Menschen vom Sockel haut.

An jenem 23. März 1977 aber, als das Erste Deutsche Fernsehen in seinem Abendprogramm um 20.15 Uhr den Kieler « Tatort » mit dem Titel « Reifezeugnis » ausstrahlte, hatten Deutschlands Familien, Betriebe, Kantinen und natürlich auch Schulen Tage lang nur ein Gesprächsthema: den «Tatort». Damals wurde nur geredet, und die Zeitungen druckten Kritiken. Soziale Netzwerke? Fehlanzeige.

Das NDR Fernsehen wiederholt an diesem Donnerstag (23.30 Uhr) den «Tatort»-Krimi, der bereits etliche Mal im TV zu sehen war - allein elf Mal im Ersten und sieben Mal im NDR - und seit 2010 auch als DVD erhältlich ist. Wie viele Menschen den Klassiker mit dem Kieler Kommissar Finke, gespielt von Klaus Schwarzkopf, insgesamt schon sahen, ist kaum zu bestimmen. Die Zahl liegt im zweistelligen Millionenbereich. Eine Sehbeteiligung von 67 Prozent bei der Erstausstrahlung ist überliefert. Damals wurde allerdings noch nach anderen Kriterien und vor allem nur in Westdeutschland gemessen.

Aber warum wurde der «Tatort» zum Gesprächsthema? Deutschland funktionierte eben halt anders. Die Republik beherrschten noch weitgehend die konservativen Wertebewahrer aus der Nachkriegszeit. Der Schub neuer Ideen mit der Studentenrevolte der späten sechziger Jahre brachte erst langsam Änderungen mit sich - auch im TV. Nackte Menschen wie die 17-jährige Sina, die verbotenerweise ihren Lehrer liebte, lösten beim Pantoffelkino-Publikum zwischen Käseigel und Amselfelder großenteils Empörung oder rote Köpfe aus - gleichgültig blieb kaum jemand.

Für mindestens drei Personen hatte dieser Krimi biografische Konsequenzen. Regisseur Wolfgang Petersen machte international Karriere - unter anderem drehte der heute 76-Jährige bald «Das Boot» und «Die unendliche Geschichte». Sina-Darstellerin Nastassja Kinski , Tochter von Film-Exzentriker Klaus Kinski, heute 56 Jahre alt, zog es in die USA. Sie war danach noch in einigen Filmen zu sehen. Das kollektive Gedächtnis aber bewahrt hierzulande die Szenen, in denen Kinski leichtbekleidet zu sehen war. Schließlich der Lehrer Fichte: Christian Quadflieg (71), damals schon bekannt, mimte später im ZDF viele Jahre den populären «Landarzt».

Regisseur Petersen erzählte der «Bild»-Zeitung vor rund zwei Jahren, wie es sich damals zutrug und was für ein Verhältnis er zu Nastassja Kinski entwickelte: «Als ich sie zum ersten Mal sah, sie war erst 15, dachte ich: Die musst du nehmen. Sie hat eine Magie zwischen Frau und Kind. Das Gesicht ist so toll, da bleibt einem die Luft weg, wenn ich die angucke. Wir wussten alle: Das wird ein Star.» Und dann habe sie ja auch ganz Hollywood verzaubert. Plötzlich, in noch jungem Alter, habe sie die Nase voll gehabt und Mutter werden wollen.

Auch für Quadflieg ist die Erinnerung an damals mit einem gewissen Erstaunen verbunden: «Die Szene, die so viele damals empörend fanden, war aus heutiger Sicht eher lächerlich: Da huschte Nastassja Kinski für Sekunden oben ohne durchs Bild», erzählte der Schauspieler kurz vor seinem 70. Geburtstag der Deutschen Presse-Agentur. Vielleicht aber haben sich damals nicht nur einige Zuschauer für die halbnackte Kinski interessiert, sondern auch für die Handlung, denn «Petersens Film lebt nicht von einer sonderlich ausgeklügelten Geschichte, sondern von den bemerkenswerten Psychogrammen der beteiligten Figuren», fasste es «Prisma TV» treffend zusammen.

In dem Krimi erschlägt Sina einen Mitschüler, der damit droht, ihre Affäre mit dem Lehrer ans Licht zu bringen und sie vergewaltigen will. Der Zuschauer wird schnell darüber ins Bild gesetzt und verfolgt die Story mit den Augen der Täterin - für den «Tatort» ungewöhnlich. Als Kommissar Finke die verzweifelte Sina zum Schluss beim Selbstmordversuch rettet, endet der Film. Fast wäre aus dem «Reifezeugnis» ein «Reifezeugnis 2» geworden.

Vor rund zehn Jahren entstand die Idee der Fortsetzung: Sina ist nach Verbüßung einer Jugendstrafe nach New York ausgewandert und trifft nach ihrer Rückkehr wieder auf Lehrer Fichte und seinen Sohn - damit nimmt das Unheil seinen Fortgang. Doch es blieb bei der Idee. Vielleicht setzte sich die Erkenntnis durch, dass es besser wäre, den Ruf des Klassikers unangetastet zu lassen. Eine Fortsetzung sei jedenfalls auch derzeit nicht geplant, teilte der NDR auf Anfrage mit.

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