Free-TV-Premiere von „Babylon Berlin“
„Das Gefühl der Zeit perfekt eingefangen“

"Babylon Berlin“ gilt als das bislang größte Serienprojekt im deutschen Fernsehen. Am Sonntag beginnt auf dem „Tatort“-Sendeplatz im Ersten die aufwendige historische Krimiserie aus dem Berlin der 20er Jahre. WN-Redakteurin Anne Koslowski sprach mit Autor Volker Kutscher, auf dessen Büchern der Serienhit basiert.

Samstag, 29.09.2018, 16:25 Uhr aktualisiert: 29.09.2018, 16:28 Uhr
Kriminalkommissar Gereon Rath (Volker Bruch) tröstet die Stenotypistin Charlotte Ritter (Liv Lisa Fries) im Polizeipräsidium.
Kriminalkommissar Gereon Rath (Volker Bruch) tröstet die Stenotypistin Charlotte Ritter (Liv Lisa Fries) im Polizeipräsidium. Foto: ARD

Ab Sonntagabend wird die erste Staffel von „Babylon Berlin“ erstmals im Free-TV zu sehen sein. Die ARD spricht vom Fernseh-Ereignis des Jahres. Ist der Champagner schon kalt gestellt?

Nein, den Champagner gab es vor fünf Jahren, als ich erfahren habe, dass Tom Tykwer meinen Roman adaptieren will. Ich schätze seine Arbeit sehr und auch die der anderen beiden Regisseure, Henk Handloegten und Achim von Borries. Dass aus meinem Roman von 500 Seiten eine solch riesiges Projekt wird, hätte ich allerdings niemals gedacht.

Wie war das für Sie, als die Regisseure 2013 auf Sie zukamen?

Interesse an einer Verfilmung meines Romans "Der nasse Fisch" hatte es davor schon gegeben. Allerdings wussten die Produzenten offensichtlich nicht, was sie mit meinem Stoff anfangen sollten. Das war bei Tom Tykwer ganz anders. Da ging es schon beim ersten Treffen um kreative Fragen, um Inhaltliches. Was mich sehr gefreut hat: Dass er von Anfang an ein Serienprojekt in der Tradition der „Sopranos“ (Anm. v. d. R.: US-amerikanische Mafia-Serie) plante. Die „Sopranos“ haben mein Erzählen stark geprägt, ich bin großer Fan.

Volker Kutscher ist gebürtiger Rheinländer, als zweite Heimat bezeichnet er aber Berlin, das ihn schon seit seiner Kindheit fasziniert.

Volker Kutscher ist gebürtiger Rheinländer, als zweite Heimat bezeichnet er aber Berlin, das ihn schon seit seiner Kindheit fasziniert. Foto: Monika Sandel

2007 haben Sie den ersten Teil der Krimi-Reihe um Kommissar Gereon Rath , „Der nasse Fisch“, veröffentlicht. Anfang November kommt der siebte Fall von Gereo Rath heraus. Wie sehr hat dieser Roman Ihr Leben verändert?

Ich hatte mein Leben vorher schon verändert, weil ich meine Redakteursstelle bei der Zeitung gekündigt habe, um dieses Projekt überhaupt realisieren zu können. Mir war klar, so eine Romanreihe kann ich nicht nebenher als Hobby schreiben. Die schönste Änderung ist die, dass ich inzwischen vom Romanschreiben leben kann. Das hatte ich so nicht erwartet.

Die Hauptfigur Ihrer Romane und der Verfilmung ist der Kölner Kommissar Gereon Rath, der 1929 nach Berlin versetzt wird. Sie selbst kommen aus Wipperfürth im Rheinland und sind ein großer Berlin-Fan. Was macht für Sie die Faszination dieser Stadt aus?

Diese Faszination hatte ich schon als Kind, ausgelöst durch die Kinderbücher von Erich Kästner. Als ich älter wurde, habe ich dann auch seinen "Fabian" gelesen, Alfred Döblin, Hans Fallada, Irmgard Kein und andere Autoren der "Neuen Sachlichkeit". Das war die Welt, in der ich literarisch unterwegs war, bevor ich Anfang der 80er überhaupt das erste Mal nach Berlin kam. Damals hatte gab es noch zwei Städte zum Preis von einer, und die waren beide hochinteressant. Wenn ich meine Freunde in Kreuzberg besucht habe, bin ich auch immer mal wieder in den Osten gefahren und war auf den Spuren von Franz Biberkopf und Jakob Fabian unterwegs. Die Stadt atmet Geschichte, ich entdecke immer wieder neue Aspekte und finde Anregungen für meine Romane. Berlin ist so lebendig und ähnlich wie das Ruhrgebiet und Köln proletarisch geprägt. Das mag ich.

Ihre Bücher spielen zehn Jahre nach dem Ende des Ersten Weltkrieges in der Weimarer Republik, der ersten Demokratie Deutschlands. Hätten Sie gerne in dieser Zeit gelebt?

Mit einer Zeitmaschine mal hineingucken für ein paar Tage und dann wieder zurück, das gerne. Aber gelebt hätte ich nicht gerne in dieser Zeit. Die Generation, die damals gelebt hat, ist eine betrogene Generation. Auf sie kamen die Nazi-Diktatur, ein Krieg und der Holocaust zu. Und darum geht es mir auch in meinen Romanen: Wie konnte es passieren, dass diese Demokratie, die vielleicht eine Chance gehabt hätte, wenn nicht 1929 die wirtschaftlichen Umstände sich wieder dramatisch verschlechtert hätten, gescheitert ist? Es war ja nicht ausgemacht, dass es in Richtung Nationalsozialismus geht, das wussten die Zeitgenossen ganz einfach nicht. Sie haben aber miterlebt, wie ihre Demokratie den Bach runterging. Das sind Dinge, die man historisch erklären kann, aber so richtig begreifen kann ich das nicht. Deswegen versuche ich mich über das fiktive Schreiben in die Zeitgenossen hineinzuversetzen, um dem Gefühl ein näherzukommen, wie es ist, wenn sich alles ändert um einen herum. Die Gleichgültigkeit der vielen war ein Problem damals, und das ist es oft auch heute noch. Politik ist eine Sache, die immer wichtig ist, ob wir wollen oder nicht. Sie geht uns etwas an, sie ist die Art und Weise, wie wir unser Zusammenleben organisieren. Wenn ich unpolitisch sein will und nicht zur Wahl geht, ist auch das ein politisches Statement.

Babylon Berlin - Folge 1

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  • Charlotte Ritter (Liv Lisa Fries) mit ihrer Schwester Toni (Irene Böhm)

    Foto: ARD Degeto/X-Filme/Beta Film/Sky Deutschland/Frédéric Batier
  • Charlotte Ritter (Liv Lisa Fries) kommt am frühen Morgen nach Hause.

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  • Wolter (Peter Kurth, re.) verhört König (Marc Hosemann).

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  • Wolter (Peter Kurth, re.) nimmt König (MARC HOSEMANN) während des Verhörs hart ran.

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  • Wolter (Peter Kurth, re.) verhört König (Marc Hosemann).

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  • Gereon Rath (Volker Bruch, re.) ist verwundert, dass Wolter (Peter Kurth, Mitte) König (Marc Hosemann, 2. v. li.) ohne ihn verhört hat.

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  • Wolter (Peter Kurth) begutachtet die Festgenommenen nach der Razzia.

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  • Swetlana Sorokina (Severija Janusauškaité) spielt ein gefährliches Spiel.

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  • Gereon Rath (Volker Bruch) auf dem Weg in seine Pension

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  • Gereon Rath (Volker Bruch) auf einem seiner nächtlichen Streifzüge.

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  • General Major Seegers (Ernst Stötzner, re.) erwartet den Güterzug mit der geheimen Ware

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  • Toni (Irene Böhm) wartet auf ihre Schwester.

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  • Jänicke (Anton von Lucke) in der Sonderkommission

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  • Gereon Rath (Volker Bruch) verfolgt einen Verdächtigen über den Dächern Berlins

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  • Überfall auf einen Güterzug.

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  • König (Marc Hosemann, 2. v. li.)bei einem seiner zwielichtigen Filmdrehs.

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  • Ilja Tretschkow (Tim Fischer) im Holländer

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Die Weimarer Republik wurde gefährdet durch konservative Kräfte, die die Monarchie zurückwollten, die Völkischen wollten den Faschismus und die Kommunisten griffen ebenfalls nach der Macht. Welche Parallelen finden sich zwischen heute und damals - vor allem mit dem Blick auf die jüngsten Vorkommnisse in Chemnitz, Köthen und Kandel?

Geschichte wiederholt sich nicht, solche Parallelen gibt es nicht eins zu eins, so simpel ist das nicht. Wir leben heute nicht in Weimar, wirtschaftlich geht es uns viel, viel besser; das damalige Elend der Arbeitslosen ist heute kaum vorstellbar. Was wir heute aber erfahren, ist, dass unsere jetzige Demokratie, die wir für so viel stabiler gehalten haben als die der Weimarer Republik, nicht in Stein gemeißelt und selbstverständlich ist. Bei allen Fehlern, die bei uns in der Politik auch gemacht werden, bei allen Unzulänglichkeiten – unsere Staatsform sollte man nicht in Frage stellen und als "System" verunglimpfen wie die Nazis damals Weimar. Die liberale Demokratie, die wir haben, ist eine große Errungenschaft. Es hat lange gebraucht, um dahin zu kommen, dafür haben Menschen gekämpft, dafür sind Menschen gestorben. Das sollte einem nicht gleichgültig sein, schon gar nicht, wenn es bedroht wird. Und das wird unsere Demokratie nicht nur durch Rechtsextreme und Neo-Nazis. Auch Islamisten und Salafisten innerhalt und außerhalb unseres Landes bekämpfen die Demokratie. Oder Autokraten wie Erdogan, Putin, Orban oder Trump, die glauben über dem Gesetz zu stehen, die gegen den Rechtsstaat und die freie Presse arbeiten – ohne die Demokratie nicht funktioniert. Wir leben mit unseren Freiheiten und Rechten, sei es sexuelle Selbstbestimmung oder die Gleichberechtigung der Frau, auf einer Insel der Glückseligen, in den meisten Teilen der Welt gibt es diese Freiheiten nicht. Geschichtsvergessenheit ist eine große Gefahr, denn man sieht unser freiheitliches Zusammenleben als gegeben an und nicht, wie es entstanden ist, dass es fragil ist und alles andere als selbstverständlich.

Welchen Beitrag gegen Geschichtsvergessenheit können da "Babylon Berlin" oder Ihre Krimireihe leisten?

Meine Romane sind keine Geschichtsbücher. Wenn ich mit ihnen aber historisches Interesse wecken kann, dann freut mich das. Ich finde, die Jahre vor und nach 1933 sind entscheidender als Krieg und Nachkriegszeit, da wurden die Weichen gestellt. Wenn man sieht, was damals an vielen Stellen schiefgelaufen ist, dann macht man dieselben Fehler vielleicht nicht noch einmal.

So sieht „Babylon Berlin“ aus

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  • Die Verfilmung des Bestsellers „Babylon Berlin“ startet am 13. Oktober auf Sky.

    Foto: Frédéric Batier/X Filme 2017
  • Kommissar Gereon Rath (Volker Bruch) ermittelt...

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  • ...im Berlin des Jahres 1929.

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  • Dabei geht es auch um die Exzesse im Nachtleben.

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  • Auch ein Thema: Die blutig endenden Demonstrationen der Arbeiterbewegung am 1. Mai 1929.

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  • Der Aufwand bei „Babylon Berlin“ war gewaltig.

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  • Hunderte Statisten wurden gesucht.

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  • Mit 38 Millionen Euro ist „Babylon Berlin“ rekordverdächtig teuer.

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  • Eine wichtige Rolle: Liv Lisa Fries als aufstrebende Sekretärin Charlotte Ritter

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  • Auf der Suche nach Arbeit ist die junge Greta (l., Leonie Benesch) in Berlin gestrandet. Dort bittet sie ihre Freundin Charlotte um Hilfe.

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  • Bruno Wolter (Peter Kurth) ist Oberkommissar bei der Sittenpolizei und hält sich nicht immer an die Vorschriften.

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  • Auch Benno Fürmann gehört zum Cast.

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  • Für die Produktion haben sich Sky und das Erste erstmals zusammengeschlossen.

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  • Am 13. Oktober starten zwei Staffeln im Bezahlfernsehen, immer zwei Folgen im Doppelpack.

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  • Ein Jahr später läuft „Babylon Berlin“ in der ARD.

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  • Ins Ausland verkauft sich der Stoff recht gut.

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  • 60 Länder hätten die 16-Stunden-Serie bereits erworben, teilte die Vertriebsfirma Beta Film, die auch an der Produktion beteiligt ist, am Donnerstag in München mit.

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  • Darunter befänden sich unter anderem die USA, Australien, Spanien, Italien, Frankreich, Russland, alle skandinavischen Länder, die Niederlande, Belgien, Kasachstan, Aserbaidschan und die Ukraine.

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  • Sky möchte den Serienboom nutzen: Von Juli bis September hat der Pay-TV-Sender nach eigenen Angaben 90.000 Kunden im deutschsprachigen Raum hinzugewonnen.

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  • Der Konzern baut dabei das Angebot an Eigenproduktionen wie „Babylon Berlin“ weiter aus.

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  • Im Schnitt seien vier Neustarts pro Quartal in diesem Jahr geplant.

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  • Grundlage für die ersten beiden Staffeln ist das 500 Seiten starke Buch „Der nasse Fisch“.

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  • Hauptdarsteller Volker Kutscher findet die Serie „wunderbar“. Man habe das Gefühl, im alten Berlin auf der Straße zu sein, den Verkehr zu hören und die Atmosphäre zu spüren.

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  • Das Team drehte die Serie „Babylon Berlin“ in 180 Tagen an 300 verschiedenen Locations.

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  • Im Potsdamer Studio Babelsberg entstand die „Neue Berliner Straße“, eine beeindruckende Außenkulisse, die viele Impressionen der Stadt zu jener Zeit wiedergibt. Szenenbildner Uli Hanisch (“Das Parfum“, „Ein Hologramm für den König“) entwarf für das Studio einen kompletten Straßenzug.

    Foto: Frédéric Batier/X Filme 2017

Sie haben Geschichte studiert und recherchieren für Ihre Bücher sehr genau, um den Alltag von damals authentisch darstellen zu können. Man kriegt also eine ordentliche Portion Zeitgeschichte mit.

Ja, aber es wird nicht erklärt, was da passiert, es wird einfach erzählt, als sei es ganz normal. Wer mehr wissen will, muss sich schon selbst informieren. Wer aber nur die Krimihandlung lesen will, hat auch seinen Spaß. Trotzdem freue ich mich, wenn ich Gedanken anstoße, die darüber hinausgehen.

Für die Serie wurde Ihr Roman adaptiert. Wie nah dran an den historischen Fakten ist sie noch?

Ich bin bei den Details genauer, zum Beispiel bei der Beschreibung der Stadt; die Serie versucht vor allen Dingen, das Gefühl der Zeit einzufangen. Ein Beispiel: Der Alexanderplatz taucht sehr häufig auf, in Serie und Buch. Das Alexander und das Berolinahaus, die im Film gezeigt werden, standen 1929 noch nicht. Damals war der Alex eine einzige riesige Baustelle, so hat Döblin ihn geschildert, und so habe ich ihn auch in "Der nasse Fisch" geschildert. Das haben die Produzenten der Serie nicht gemacht, die wollten den Alex als Drehort nutzen, und die beiden Häuser sind die einzigen am Alex, die den Krieg überlebt haben. Das passt aber trotzdem, denn natürlich ist es Architektur, die auch schon 1929 so gebaut wurde. Das "Moka Efti" ist ein anderes Beispiel. Das historische war biederer als in der Fernsehserie dargestellt, kein Art-deco, sondern Gründerzeit, das einzig Moderne war die Rolltreppe, die zu den Tanzräumen hochführte. In der Serie ist das "Moka Efti" ein zentraler Schauplatz und so etwas wie ein Berghain der 20er. Aber solche verruchten Läden gab es in Berlin damals schon, von daher passt das. Es ist ja auch nicht Aufgabe des Films, das Berlin der 20er architektonisch eins zu eins zu rekonstruieren; das Gefühl für die Zeit ist wichtiger, zu zeigen, wie modern die Stadt damals schon war. Und das gelingt "Babylon Berlin" perfekt. Man wird hineingezogen in diese Welt - wenn man zum Beispiel mit Charlotte Ritter (Anm. v.d. Red.: eine der Hauptrollen gespielt von Liv Lisa Fries) in der Straßenbahn sitzt. Oder die Autofahrten: Man denkt wirklich, man fährt durch das Berlin des Jahres 1929. Das ist eine große Leistung.

Woher haben Sie diese alten Bilder vom Polizeipräsidium zum Beispiel?

Im heutigen Polizeipräsidium gibt es die polizeihistorische Sammlung Berlin. Da war ich schon des Öfteren und habe mich eingedeckt mit Fotos und alten Grundrissen. Da habe ich auch alte Dienstwaffen fotografiert und was sonst noch in den Vitrinen liegt. Ich nutze alle Quellen, die man sich vorstellen kann: alte Postkarten oder Reiseführer aus Antiquariaten, aktuelle Fotobände, das Internet, und, und, und. Ich bin immer wieder froh, wenn ich neue Bilder bekomme. Mich interessiert nicht so sehr das Spree-Athen „Unter den Linden“, sondern eher die dreckigen Arbeiterbezirke, also das Spree-Chicago. Maler der Neuen Sachlichkeit wie Gustav Wunderwald haben Mietskasernen und Eisenbahnbrücken gemalt, da bekommt man auch einen Eindruck für die Farbigkeit. Die Recherche mache ich nicht nur zweckgebunden für die Romane, sondern weil mich die Zeit auch so interessiert, daher taucht nur ein Bruchteil später in den Büchern auf.

Die Produzenten haben eine Fortsetzung des größten deutschen Serienprojektes „Babylon Berlin“ zusagt. Ab Herbst wird in Berlin, Brandenburg und Nordrhein-Westfalen auf Grundlage Ihres zweiten Buches „Der stumme Tod“ die dritte Staffel gedreht. Worum geht es da?

Im Mittelpunkt steht der Wechsel vom Stumm- zum Tonfilm. Es ist der unpolitischste Rath-Roman, der zeigen soll, dass sich auch damals nicht nur alles um Politik drehte. Dass die Leute auch an andere Dinge dachten, gerade jemand wie Gereon Rath. Ich denke mal, dass Metier müsste den drei Regisseuren gefallen, ich bin sehr gespannt, was sie daraus machen. „Babylon Berlin“ ist ein Projekt, das ich letzten Endes als Konsument sehe. Ich bin zwar einbezogen, aber nicht produktiv tätig, mein Denken gilt meinen Romanen. Da bin ich im Jahr 1935 angelangt, wenn ich demnächst auf Lesereise gehe, bin ich also ganz weit weg von der Welt, in der sich die TV-Serie gerade bewegt. Meine Arbeit ist gerade in '35, '36 und nicht in '29, '30. Ich kann die beiden Welten sehr gut auseinanderhalten.

Am 2. November erscheint Ihr siebter Roman über Kommissar Gereon Rath. Neun sind geplant.

Vielleicht auch zehn. Das weiß ich noch nicht. Ich möchte auf jeden Fall im Jahr 1938 mit den Novemberpogromen enden. In diesem Jahr wird auch dem letzten klar, wohin die Reise mit den Nazis geht. Dass es nicht nur um die Stigmatisierung und Ausgrenzung der Juden geht, sondern um ihre Ermordung. Dass der Krieg kommen wird. Ich arbeite so, dass ich meine Figuren so in den nächsten Roman reinschicke, wie sie aus dem letzten rausgekommen sind und gucke dann während des Schreibens, was mit ihnen passiert. Ich habe nicht das Ende meiner Reihe schon irgendwo im Tresor eingeschlossen wie Joanne K. Rowling das angeblich bei Harry Potter gemacht hatte. Ich weiß, wie die Historie weitergeht, aber nicht wie die Lebensgeschichten meiner Figuren weitergehen. Das offenbart sich erst während des Schreibens.

Sendetermine

Die ersten drei Folgen von „Babylon Berlin“ sind am Sonntag ab 20.15 Uhr im Ersten zu sehen. Danach läuft die Serie immer donnerstags um 20.15 Uhr.

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Lesetermine

Bevor Volker Kutscher seinen neuen Roman "Marlow", den siebten Fall von Kriminalkommissar Gereon Rath, offiziell am 6. November in Berlin präsentiert, gibt es zwei Vorpremieren in NRW. Die erste findet am 3. November (Samstag) um 20 Uhr im Theater im Depot in Dortmund statt. Die zweite ist am 4. November (Sonntag) im Rahmen der Literaturveranstaltung "Mord am Hellweg" in Erwitte. Beginn von Lesung und Gespräch ist um 18 Uhr in der Festhalle. Weitere Infos gibt es hier.

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