Handball-Hype im Fernsehen
Warum die WM Rekorde bricht

Köln/Münster -

Zehn Millionen Zuschauer! Die neue Handball-Begeisterung in Deutschland hat die Fernsehmacher überrascht. Heimlich, still und leise wurde die Programmplanung an einigen Stellen umgeworfen.

Mittwoch, 23.01.2019, 11:36 Uhr aktualisiert: 23.01.2019, 12:00 Uhr
Nicht nur in Köln jubeln die Fans – auch die TV-Zuschauer daheim reißt die deutsche Handball-Mannschaft mit.
Nicht nur in Köln jubeln die Fans – auch die TV-Zuschauer daheim reißt die deutsche Handball-Mannschaft mit. Foto: Witters

Vor einer Rekord-Kulisse hat die deutsche Mannschaft am Montag den Einzug in das Halbfinale der WM geschafft und dabei im Fernsehen erstmals die Zehn-Millionen-Marke geknackt. Die Live-Übertragungen des 22:21-Sieges der DHB-Auswahl gegen Kroatien sahen 10,02 Millionen Menschen im ZDF – der Marktanteil lag bei 30,4 Prozent. So viele Zuschauer gab es noch nie vor der K.o.-Runde einer WM.

Mit so einem Erfolg haben wir nicht gerechnet.

ZDF-Sportchef Thomas Fuhrmann

„Mit so einem Erfolg haben wir nicht gerechnet“, sagt ZDF-Sportchef Thomas Fuhrmann . „Dass Handball in Deutschland populär ist, wussten wir natürlich, aber so viele Zuschauer hätten wir nicht erwartet.“ Auch ARD-Sportkoordinator Axel Balkausky findet „das Interesse beeindruckend“. Selbst die TV-Fachleute sind verblüfft. „Es ist überraschend, dass die Zahlen schon so früh so eine Höhe erreicht haben“, gibt der ZDF-Sportchef zu. Ein Handball-Hype, dem auch die Fernseh-Sender bereits Rechnung tragen.

Krimis müssen weichen

So wurden die Hauptrundenspiele gegen Kroatien und Spanien (Mittwoch, 20.30 Uhr, ARD ), die ursprünglich für 18 Uhr terminiert waren, kurzfristig auf 20.30 Uhr verlegt. „Die Primetime ist eine Riesenchance“, sagte DHB-Vorstand Mark Schober. „Ich hoffe, die Zuschauer mit Karten haben dafür Verständnis.“ 

Handball-WM Deutschland-Kroatien 22:21

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  • Deutschland jubelt, Kroatien am Boden: Mit einem 22:21-Sieg hat die deutsche Handball-Nationalmannschaft den Einzug ins WM-Halbfinale perfekt gemacht. Kroatien dagegen hat keine Chance mehr auf den Titel.

    Foto: Marius Becker
  • Torwart Andreas Wolff (r.) umarmt Rückraumspieler Fabian Wiede, der zum Spieler des Spiels gewählt wurde.

    Foto: Marius Becker
  • 19.250 Zuschauer in der erneut vollen Lanxess Arena in Köln bejubeln – von den kroatischen Fans mal abgesehen – die deutsche Mannschaft.

    Foto: Federico Gambarini
  • Die Mannschaft von Trainer Christian Prokop ist durch den Sieg vorzeitig fürs WM-Halbfinale qualifiziert. Im letzten Hauptrunden-Spiel gegen Spanien (Mittwoch, 20.30 Uhr) können sie sich eine Niederlage erlauben.

    Foto: Marius Becker
  • Schockmoment: Früh im Spiel muss Deutschlands Spielmacher Martin Strobel verletzt raus.

    Foto: Federico Gambarini
  • Ohne große Gegnereinwirkung war der 32-Jährige umgeknickt und hat sich einen Kreuzbandriss und einen Innenbandriss im linken Knie zugezogen. Er fällt für den Rest des Turniers aus.

    Foto: Marius Becker
  • In der von Beginn an umkämpften Partie verdiente sich vor allem die erneut auf allerhöchstem Niveau agierende deutsche Defensive eine Bestnote.

    Foto: Federico Gambarini
  • Im Angriff haperte es dagegen. Deutschland leistete sich viele Fehlwürfe und scheiterte oft am starken kroatischen Torwart Marin Sego.

    Foto: Federico Gambarini
  • Das Spiel blieb lange Zeit ausgeglichen. Zur Pause stand es 11:11.

    Foto: Marius Becker
  • Dank zupackender Arbeit von Abwehrchef Patrick Wiencek und seinen Nebenmannen gelang es Deutschland, in der zweiten Halbzeit einen Vorsprung herauszuspielen.

    Foto: Federico Gambarini
  • Kroatiens Star Domagoj Duvnjak gelang gegen die starke deutsche Deckung nicht viel.

    Foto: Marius Becker
  • Auf der Gegenseite haperte es Mitte der zweiten Hälfte aber auch im deutschen Angriff.

    Foto: Federico Gambarini
  • Nach einer 18:15-Führung vergaben die Deutschen Chance um Chance.

    Foto: Marius Becker
  • Drei Minuten vor Schluss besorgte Igor Karacic die Führung für Kroatien: 20:19!

    Foto: Marius Becker
  • Doch Rückraum-Schütze Steffen Fäth glich postwendend aus.

    Foto: Federico Gambarini
  • Dann gelang Deutschlands Torwart Andreas Wolff eine seiner zahlreichen starken Paraden. Er leitete den Tempo-Gegenstoß ein, Hendrik Pekeler verwandelte:

    Foto: Marius Becker
  • Kroatiens Trainer Lino Cervar hadert mit einem Pfiff des Schiedsrichters: Der hatte ein Stürmerfoul der Kroaten gesehen, Ballbesitz Deutschland in der letzten Minute.

    Foto: Marius Becker
  • Und Uwe Gensheimer trifft zum 22:20 für Deutschland.

    Foto: Federico Gambarini
  • Kroatien gelingt noch der 21:22-Anschlusstreffer, doch dann ist Schluss.

    Foto: Marius Becker
  • Geschafft! Mit dem Sieg zieht Deutschland ins WM-Halbfinale ein.

    Foto: Federico Gambarini
  • Die Handballer genossen nach dem Sieg die Atmosphäre in der Kölner Arena. „Das war heute eine ganz harte Prüfung“, sagte Bundestrainer Prokop, „so eine Drucksituation zu bestehen, darauf bin ich unheimlich stolz.“

    Foto: Federico Gambarini
  • Das Halbfinale findet in Hamburg statt. Gegner am Freitag (20.30 Uhr, ARD) wird Dänemark, Schweden oder Norwegen sein.

    Foto: Federico Gambarini

Neben den Sendungen, die dafür von dem quotenträchtigsten Sendeplatz weichen mussten, hat der Handball-Hype auch für andere Formate Konsequenzen. So wurde am vergangenen Samstag im ZDF eine neue Folge des Samstagskrimis „Friesland“ heimlich, still und leise gegen eine bereits gesendete Episode ausgetauscht – weil im Ersten die deutschen Handballer gegen Island antraten, wie eine Sprecherin des ZDF auf Anfrage dieser Zeitung bestätigte. Frische, noch nicht in Quoten gemessene Filmware wird ungern einem übermächtigen Konkurrenten geopfert. Und ein solcher ist zurzeit die Handball-WM. Auch am Montag musste ein neuer ZDF-Krimi dem Sport weichen.

„Dieser große Erfolg hat uns überrascht und zeigt, dass die Rückkehr der Handball-WM in die öffentlich-rechtlichen Programme ein richtiger und wichtiger Schritt war“, erklärt ARD-Experte Balkausky. Bei den beiden vorherigen Weltmeisterschaften gab es nur Übertragungen im Bezahl-Fernsehen (2015) und im Internet (2017). Als zuletzt eine Handball-WM im frei zu empfangenden Fernsehen zu sehen war, fielen die Quoten bescheidener aus. Im Jahr 2013 kam selbst in der Hauptrunde keine Übertragung auf mehr als sieben Millionen Zuschauer.

Gründe für den Erfolg

Doch warum ist der Handball jetzt so erfolgreich? „Die Menschen finden unsere Handballer cool, weil sie eine hohe Bodenhaftung haben und nahbar sind. Das sind Idole zum Anfassen“, sagt Fuhrmann und hat einen kleinen Seitenhieb für den Fußball parat: „Andere Mannschaftssportarten können sich davon eine Scheibe abschneiden.“

„Die Dramatik des Spiels ist einfach zu verfolgen“, benennt der ZDF-Sportchef einen der Erfolgsfaktoren. „Es gibt viel Action und Athletik, und teilweise Akrobatik wie bei Andreas Wolff, wenn der die Beine bis auf Kopfhöhe schleudert.“ Und: „Es ist irre spannend.“

Handball-WM 2019: Ein Überblick

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  • Bereits zum siebten Mal ist die Handball-WM auf deutschem Boden: 1938 in Deutschland (Sieger: Deutschland); 1958 in der DDR (Sieger: Schweden); 1961 in der Bundesrepublik (Sieger: Rumänien); 1974 in der DDR (Rumänien); 1982 in der BRD (Sieger: Sowjetunion); 2007 in Deutschland (Sieger: Deutschland).

    Foto: Franz-Peter Tschauner
  • Der Start war nicht leicht: Mit seinem ersten Turnier erlitt Trainer Christian Prokop 2018 Schiffbruch. Das frühzeitige Aus bei der EM in Kroatien wurde begleitet von einigen Misstönen. Innerhalb der Mannschaft waren viele nicht mit dem Führungsstil des heute 40-Jährigen einverstanden. Oftmals ignorierten die Profis sogar Anweisungen. Viele erwarteten im Frühjahr seinen Rauswurf.

    Foto: Rolf Vennenbernd
  • Der DHB hielt an Prokop fest, der einräumte zu schnell zu viel gewollt und verändert zu haben. Seitdem ist Ruhe im Karton. Das Miteinander passt wieder. Aber der Druck auf Prokop ist immens. Das Halbfinale als Ziel auszugeben, war mutig, aber bei einer Heim-WM alternativlos. Verpasst Deutschland die Vorgabe knapp oder mit Pech, überzeugt aber insgesamt, wird ihm dieser Maßstab nicht um die Ohren fliegen. Ein Auftritt wie im Vorjahr dürfte aber sein Aus bedeuten.

    Foto: Axel Heimken
  • Ex-Bundestrainer Dagur Sigurdsson prägte vor drei Jahren den Begriff der „Bad Boys“. So nannte sich erst die deutsche Mannschaft selbst und nach dem EM-Titel in Breslau das ganze Land seine Helden. Der Name von damals ist abgehakt. Das Team von 2019 möchte eine eigene Erfolgsgeschichte schreiben.

    Foto: Jens Wolf
  • Ex-Weltmeister Oliver Roggisch ist Teammanager der Nationalmannschaft und nah an den Spielern dran. Seit Anfang des vergangenen Jahres sitzt er beim DHB auch auf der Trainerbank und nimmt dort vor allem koordinierende Aufgaben wahr. Gleichzeitig tritt er vor und nach den Spielen als gefragter Interview-Partner auf, bezieht Stellung und ist nach seiner aktiven Laufbahn eines der Gesichter der Nationalmannschaft geblieben.

    Foto: Fabian Stratenschulte
  • Die ersten drei jeder sechsköpfigen Vorrundengruppe kommen weiter und bilden mit den drei Teams der Parallel- eine Hauptrundengruppe, für die die beiden Ergebnisse gegen die ebenfalls qualifizierten Konkurrenten mitgenommen werden. Nach drei weiteren Partien für jeden stehen die beiden Erstplatzierten im Halbfinale. Für die jeweiligen Sieger ist der Pokal dann zum Greifen nah.

    Foto: Marius Becker
  • Sechs Arenen, vier in Deutschland, zwei in Dänemark, bilden den Rahmen für die WM. Die Vorrunde A mit ihren 15 Partien wird in der Mercedes-Benz-Arena in Berlin ausgetragen (13.000 Plätze), parallel spielt die Gruppe B in der Münchener Olympiahalle (12.463). Die Hauptrunde I wird in der Kölner Lanxess-Arena (19.500) ausgetragen, beide Halbfinals in der Hamburger Barclaycard-Arena (13.000).

    Foto: Oliver Berg
  • Auf dänischer Seite bietet die Royal Arena in Kopenhagen (14.500) den Spielort für die Vorrunde D und den Präsidenten-Cup sowie der Jyske Bank Boxen in Herning (15.000) die Stätte für die Gruppe C, die Hauptrunde II und die Finalspiele.

    Foto: Frank Rumpenhorst
  • Eine WM ist im Prinzip immer auch eine verkappte EM. Denn die Dominanz der europäischen Länder im Handball ist eklatant. Seit 1938 das erste globale Turnier ausgetragen wurde, standen mit einer einzigen Ausnahme immer Länder Europas auf dem Podium. Die französischen Handballer sind mit sechs Titeln Rekord-Gewinner. Viermal siegten Schweden und Rumänien. Deutschland feierte drei Titel (1938, 1978, 2007).

    Foto: Michel Euler
  • Top-Favorit der Handball-WM ist Titelverteidiger Frankreich. Ebenfalls stark eingestuft werden die Spaniern und Kroaten um Superstar Domagoj Duvnjak (Foto). Mit-Gastgeber Dänemark gehört ebenfalls zum Kreis der Favoriten. Kandidaten fürs Halbfinale sind Schweden und Norwegen.

    Foto: Toni Albir
  • Die Ex-Handball-Weltmeister Markus Baur (Foto) und Dominik Klein analysieren als Experten die Partien der deutschen Mannschaft im TV. ARD und ZDF zeigen alle Spiele der Deutschen live. Eurosport strahlt zudem 15 Begegnungen ohne DHB-Beteiligung aus. Alle Spiele gibt’s zudem im Netz bei sportdeutschland.tv – auch auf Abruf.

    Foto: A2931 Bernd Weißbrod

Handballer wollen „Abstand verkürzen“

Begeistert von den Rekord-Quoten sind nicht nur die Fernsehsender, sondern auch die Handballer. „Wir sind jetzt dort, wo wir hin wollten“, kommentiert DHB-Vizepräsident Bob Hanning und verweist ebenfalls auf den Fußball: „Das brauchen wir, um den Abstand zur Lieblingssportart der Deutschen zu verkürzen.“ Einen Schritt haben sie schon gemacht: Die Handball-Sendungen waren erfolgreicher als die Fußball-Bundesliga mit dem Bayern-Spiel gegen Hoffenheim am Freitag live im ZDF (6,69 Millionen). Selbst das bedeutungslose Vorrunden-Spiel der DHB-Auswahl gegen Serbien am vergangenen Donnerstag (6,76 Millionen) hatte mehr Zuschauer als der Bayern-Sieg.

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