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30 Jahre Mauerfall

Der Mauerfall ist fast drei Jahrzehnte her. Joachim Gauck begibt sich auf Spurensuche. Er trifft einen Pegida-Gründer, streitet mit Frauke Petry und reist mit seinem Sohn nach Rostock. Auf dem Bahnhof hat er mal ganz cool getan - cooler, als er sich eigentlich gefühlt hat.

Dienstag, 09.04.2019, 00:01 Uhr aktualisiert: 09.04.2019, 00:04 Uhr
Der ehemalige Bundespräsident Joachim Gauck steht neben Überresten der Mauerin Berlin.
Der ehemalige Bundespräsident Joachim Gauck steht neben Überresten der Mauerin Berlin. Foto: Stephan Lamby

Berlin (dpa) - Joachim Gauck war Jugendpastor in Rostock, Leiter der Stasi-Unterlagen-Behörde und der erste ostdeutsche Bundespräsident. In der Biografie des 79-Jährigen spiegelt sich deutsch-deutsche Geschichte auf ungewöhnliche Weise.

Die Dokumentation «30 Jahre Mauerfall - Joachim Gaucks Suche nach der Einheit» von Stephan Lamby und Florian Huber setzt sich damit auseinander und fragt: Wie nah sind sich Ost und West - oder wie fern?

Es ist ein ausgesprochen gelungener Film geworden, der Gauck oft nachdenklich zeigt - und manchmal verärgert. Zu den Stärken der Dokumentation gehören die vielen Gespräche, in denen sich der Altbundespräsident auch mit jenen austauscht, die nicht so ticken wie er selbst. Im ZDF ist sie am Dienstag (9. April/20.15 Uhr) zu sehen, bei Phoenix am Donnerstag (11. April/21.00 Uhr).

Gauck geht darin auf Spurensuche. Er spricht mit Lothar de Maizière, dem letzten Regierungschef der DDR, über das Wendejahr 1989/90 und mit Wolfgang Schäuble, dem heutigen Bundestagspräsidenten und damaligen Innenminister der Bundesrepublik, über das wiedervereinigte Deutschland. Und er begegnet auch denen, die wenig Respekt für ihn erkennen lassen.

Im Oktober 2016 kam Gauck zur Feier der deutschen Einheit nach Dresden - die Filmaufnahmen von damals zeigen eine aufgebrachte Menge, die ihm «Volksverräter» entgegenruft - der harte Kern der Pegida-Demonstranten. Diesmal reist er ins sächsische Torgau, um René Jahn zu sprechen, einen der Pegida-Gründer.

Geschmacklos sei das gewesen, mit welchem Hass die höchsten Repräsentanten des Landes damals empfangen worden seien, sagt Gauck. Drei Viertel der Pegida-Demonstranten seien «ganz normale Leute, so wie Sie und ich», hält Jahn ihm entgegen. Und betont: «Ich bin jeden Montag immer noch bei Pegida

In Berlin ist Gauck mit Marianne Birthler verabredet, der DDR-Bürgerrechtlerin, die im Jahr 2000 seine Nachfolgerin an der Spitze der Stasi-Unterlagen-Behörde wurde. «Meine wichtigste Hoffnungen sind alle in Erfüllung gegangen», sagt sie. «Ich wollte Bürgerin eines freien Landes werden, in einem Rechtsstaat leben. Ich wollte selber aussuchen, was ich an Zeitungen lese. Ich wollte keine Angst haben um meine Enkelkinder, wenn sie ihre Meinung offen sagen. Und das alles ist gekommen.»

Kritisch sieht sie, dass die Menschen in Ost und West noch nicht überall die gleichen Chancen haben: «Wir dürfen uns nicht davon täuschen lassen, dass es mal einen ostdeutschen Bundespräsidenten gab, und wir eine ostdeutsche Kanzlerin haben. Insgesamt sind die Ostdeutschen auf der Ebene der Elite ganz, ganz gering vertreten.»

Mit Birthler weiß sich Gauck in vielem einig, anders als mit Frauke Petry , die in der AfD Karriere machte, bevor sie die Partei verließ. Gauck zeigt sein Unverständnis, wie es sein könne, dass eine Frau wie sie in so einer Retro-Gruppierung lande. Die AfD sei 2013/14 keine Retro-Bewegung gewesen, kontert Petry. Sie habe ein Vakuum gefüllt, das die Politik gelassen habe. Die Ohnmacht heute sei die gleiche wie damals in der DDR, kritisiert sie und bringt Gauck damit gegen sich auf. «Wir können Unternehmen gründen, unsere Kinder erziehen, wie wir wollen und die Regierung abwählen, selber Parteien gründen», widerspricht er ihr.

In Rostock, wo er in den 70er und 80er Jahren Pastor war, trifft sich Gauck am Bahnhof mit seinem Sohn Christian. Drei seiner vier Kinder haben die DDR verlassen, Christian im Jahr 1987 - mit einem Zug ab dem Bahnhof, wo die beiden nun noch einmal an den Gleisen stehen. «Im Moment des Abschieds wollte ich cool bleiben», erzählt der Vater - und sich nicht anmerken lassen, was er fühlte.

Gaucks Heimat ist das Ostseebad Wustrow. «Ich komm' hier nur auf Fischland rauf, und schon schlägt mein Herz höher», sagt er, nachdem er auf den Turm der evangelischen Kirche gestiegen ist. Von dort oben fällt der Blick auf die Ostsee und den Bodden, und Gauck erinnert sich, wie er als Kind oft in der Kirche war. «Dass dieser kleine Junge einmal Präsident des größten Landes von Europa werden würde, das war außerhalb der Vorstellungswelt der damaligen Menschen.» Gauck staunt darüber noch immer.

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