TV-Tipp
Die Uhr tickt

Michel Barnier kennt die Brexit-Verhandlungen der EU mit Großbritannien wie kaum ein anderer. Monatelang war er zwischen Brüssel, Straßburg, Sofia, Kopenhagen und anderen Hauptstädten unterwegs. Eine neue Dokumentation stellt ihn vor.

Dienstag, 16.04.2019, 00:01 Uhr
Michel Barnier, EU-Verhandlungsführer für das Brexitabkommen.
Michel Barnier, EU-Verhandlungsführer für das Brexitabkommen. Foto: Stefan Rousseau

Berlin (dpa) - Es ist noch völlig offen, welche Rolle der Franzose Michel Barnier in den Geschichtsbüchern der Zukunft zugestanden wird. Vielleicht bleibt der EU-Verhandlungsführer für das Brexit-Abkommen eine Fußnote. Eine spannende Figur ist er in jedem Fall.

Das sieht auch Alain de Halleux so. Der aus Belgien stammende Filmemacher stellt Barnier in den Mittelpunkt seiner Dokumentation «The clock is ticking», die Arte am Dienstag (16. April) um 20.15 Uhr zeigt.

De Halleux hat Barnier 18 Monate lang begleitet - vom Beginn der Verhandlungen bis zum vorläufigen Scheitern seiner Bemühungen Mitte Januar, als das Parlament in London mit einem klaren Votum von 432 zu 202 Stimmen das zwischen Brüssel und London ausgehandelte Austrittsabkommen ablehnte. Seitdem ist noch viel passiert - aber weiterhin keine Lösung.

Ähnlich wie für Barnier waren es auch für de Halleux 18 stressige Monate. «Ich habe bereits einige sehr komplizierte Dokumentationen verwirklicht», sagte der Filmemacher im Interview mit Arte. «Ich habe bei minus 35 Grad in Nordkanada gedreht, ich war im Inneren des Sarkophags in Tschernobyl, und ich bin nach Fukushima gereist. Doch all diese Abenteuer muten im Vergleich zu diesem Film wie ein Spaziergang an.»

Schon Zugang zur Europäischen Kommission und vor allem zum fünften Stock des Berlaymont-Gebäudes zu bekommen, sei so schwierig gewesen wie ein Dreh im Pentagon. Dort, im fünften Stock des Brüsseler EU-Hochhauses, hat Barnier seine Taskforce versammelt - rund 50 Experten für die Brexit-Verhandlungen. Wahrscheinlich hat niemand von ihnen geahnt, auf was sie sich einlassen, als Barnier zu Beginn der Verhandlungen am 19. Juni 2017 vor die Presse trat. Er höre die Uhr ticken, sagte er damals - das Zitat hat dem Dokumentarfilm seinen Titel gegeben.

Barnier, ein hochgewachsener, älterer Herr mit ergrautem Haar, hat zwei Jahre Zeit, nachdem Theresa May am 29. März 2017 den Austrittsantrag Großbritanniens abgeschickt hat. De Halleux lässt sich von EU-Ratspräsident Donald Tusk den Brief zeigen, den May damals geschrieben hat.

Der Film beeindruckt nicht nur durch den enormen Aufwand, den der Filmemacher und sein Team dafür getrieben haben. Sie waren mit Barnier in Polen, Dänemark, Griechenland, Irland, Bulgarien, Großbritannien, in Straßburg und in Brüssel. Zu den starken Seiten des Doku-Projekts gehören die vielen Fernsehbilder von den Etappen der Brexit-Verhandlungen, die Geschichte geschrieben haben.

Es gibt daneben aber auch zahlreiche Aufnahmen, bei denen de Halleux die Kamera laufen lassen durfte, während Barnier sich hinter ansonsten verschlossenen Türen mit seinen Mitarbeitern beriet, die sonst nie öffentlich geworden wären. Und der Film macht noch einmal klar, wie hart um die Positionen gerungen wurde, ob nun um die Fischerei-Rechte oder die Grenze zwischen Irland und Nordirland.

De Halleux führte zahlreiche Interviews, etwa mit dem ehemaligen britischen Premierminister Tony Blair oder der britischen Abgeordneten Anna Soubry - die an die Naivität von Konservativen wie David Cameron erinnert, der den Brexit nicht wollte, ihm aber den Weg ebnete. «Wir machen das Referendum, gewinnen es, dann brauchen wir uns 30, 40 Jahre lang nicht mehr darum kümmern», das sei vor der Abstimmung über den EU-Ausstieg im Juni 2016 die (irrige) Annahme gewesen. Darunter leidet Europa noch heute.

Eine Schwäche hat die Dokumentation: Es geht dem Zuschauer damit wie mit einem Krimi, bei dem man alle Verdächtigen kennt und viele Hypothesen über den Tathergang - aber keine Auflösung des Falls. Man kann das dem Filmemacher kaum vorwerfen. Aber befriedigend ist es nicht, dass der Film aufhört, ohne dass sich absehen lässt, wie es weitergeht. Die Uhr tickt schließlich immer noch.

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