TV-Tipp
Putin für die Ewigkeit

Vor 20 Jahren wurde Wladimir Putin erstmals russischer Präsident. Und gerade greift der Kremlchef mit der größten Verfassungsänderung der russischen Geschichte nach der ewigen Macht. Dazu passend bringt Arte nun einen großen Themenabend über den «Zaren».

Dienstag, 17.03.2020, 00:01 Uhr aktualisiert: 17.03.2020, 05:03 Uhr
Szene aus der Dokumentation ««Propaganda 3.0 - Putin und der Westen».
Szene aus der Dokumentation ««Propaganda 3.0 - Putin und der Westen». Foto: -

Moskau (dpa) – Bei seinen Plänen für die Zukunft kann sich Kremlchef Wladimir Putin glücklich schätzen, dass das russische Fernsehen niemals einen Themenabend wie diesen bei Arte bringen würde.

Zum 20. Jahrestag seiner ersten Wahl zum Präsidenten der Atommacht bringt der Sender am Dienstag (17. März) drei Dokumentationen am Stück. Je länger der TV-Abend «20 Jahre Putin» (Start 20.15 Uhr) dauert, desto spannender – für manch einen auch gruseliger – wird er.

Es geht um Putins Anfänge in bisher unveröffentlichten Filmaufnahmen, um Russlands Informationskrieg mit Trollen und Staatsmedien gegen den Westen und um das schwierige Verhältnis zu den USA. Undenkbar, dass Moskaus Staatsmedien so facettenreich – und kritisch – über Putin berichten würden. Dabei könnte der Doku-Reigen kaum besser in die russische Aktualität passen.

Gerade zieht der 67-Jährige die größte Verfassungsänderung der russischen Geschichte durch. Auf diese Weise kann Putin über das Jahr 2024 hinaus an der Macht bleiben. Laut aktueller Verfassung hätte er bei der Präsidentenwahl in vier Jahren nicht wieder antreten dürfen. Das von ihm kontrollierte Parlament machte nun aber den Weg dafür frei, dass er womöglich noch bis 2036 im Amt bleiben könnte. Noch 16 Jahre also. Dann wäre er 83 Jahre alt.

Diese politische Entwicklung in Russland ist zu frisch, als dass sie der Arte-Abend einfangen könnte. Aber Vitaly Manskys (Witali Manski) Reportage «Putins Zeugen» (23.25 Uhr) passt trotzdem punktgenau. Mansky kam 2000 Putin im Kreml so nah, wie seither wohl niemand mehr. Gegen Ende der fesselnden Doku erzählt Putin bei einer Autofahrt in Moskau, dass er sich irgendwann wieder auf das Leben eines einfachen Bürgers freue. Diese Zeiten sind aber längst vorbei.

Mansky zeigt eindringlich, wie Putin im Zuge von Terroranschlägen auf Moskauer Wohnhäuser an die Macht kam, seine Gegner los wurde und sich etwa das Fernsehen als Machtinstrument unterwarf. Das Fazit ist düster. Die Menschen hätten sich «zu Geißeln eines Mannes gemacht, der uns eine helle Zukunft verhieß, die sehr stark an die finstere Vergangenheit erinnert». Der prominente Filmemacher leitete in Moskau einst ein weltweit beachtetes Doku-Festival. Nun lebt er wie viele, für die es in Russland lebensgefährlich ist, im Exil.

Wie effektiv Putins Staatsmedien-Apparat heute arbeitet, zeigt der Franzose Paul Moreira in seiner packenden Reportage «Propaganda 3.0 – Putin und der Westen» (21.45 Uhr). Er führt Hacker und Trolle und den Staatssender Russia Today – RT - vor. Er spricht mit Augenzeugen einer Trollfabrik in St. Petersburg und mit der scharfzüngigen RT-Chefredakteurin Margarita Simonjan.

Nichtfilmischer Exkurs: Aktuell steht Putins prominenteste Propagandistin in unabhängigen Medien in der Kritik. Nach Recherchen des Anti-Korruptions-Netzwerks um den Kremlgegner Alexej Nawalny soll sie auf Kosten russischer Steuerzahler Millionen gescheffelt haben.

Akribisch zeichnet der investigative Report nach, wie Putin nicht nur durch einen Handschlag mit der französischen Politikerin Marine Le Pen radikal-nationalistische Populisten unterstützt. Moreira trifft zudem Rechte in Deutschland und den erzkonservativen Oligarchen Konstantin Malofejew, der Putins Gedanken breit in Europa streut. Zu Wort kommt auch der einflussreiche Internet-Troll Konstantin Rykow. Wer bisher noch Zweifel hatte, dass kremltreue Kräfte Europa spalten wollen, dem gehen hier Augen und Ohren auf.

Ganz am Anfang des Abends steht die Doku «Erzfreunde Trump und Putin» von Maarten van der Duin. Der Streifen könnte in der Stoßrichtung, wenn auch nicht mit allen Akteuren, wohl so im russischen Fernsehen laufen. Der sehr um Ausgewogenheit bemühte Film zeichnet das besondere Verhältnis von Putin und US-Präsident Donald Trump nach. Es ist eine Zeitreise, die mit euphorischer Hoffnung auf eine Besserung der russisch-amerikanischen Beziehungen begann - und mit Ernüchterung und Enttäuschung endete.

Der erstmals überhaupt ausgestrahlte Film dreht sich um die bis heute nicht restlos geklärte Frage einer Einmischung Russlands in den US-Wahlkampf. Trumps Sieg wurde in Moskau gefeiert. Thema ist aber vor allem das Wechselspiel zwischen Putin und Trump - etwa auch im Krieg in Syrien und bei der atomaren Abrüstung. Experten aus Russland und den USA kommentieren nicht zuletzt die russische Annexion der ukrainischen Schwarzmeer-Halbinsel Krim - als Zeichen eines neuen Großmachtstrebens Russlands in der Tradition des Sowjetimperiums.

Dabei geht nie die Balance verloren zwischen Putin-Getreuen und den unabhängigen Beobachtern. Der Film schafft etwas, was es heute im russischen Fernsehen kaum noch gibt: ein Kaleidoskop unterschiedlicher Sichtweisen - ganz ohne den in Moskau üblichen propagandistischen Anstrich, bei dem am Ende ausnahmslos Putin der Sieger sein muss.

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