Kritik nach Sturm auf US-Kapitol
„Ein schwarzer Tag für ARD und ZDF“

Münster -

Ausgerechnet der frühere Leiter des Berliner ARD-Hauptstadtstudios hat angesichts der Berichterstattung über den Sturm auf das US-Kapitol scharfe Kritik auch an seinem früheren Arbeitgeber geäußert. „Das war ein schwarzer Tag für ARD und ZDF“, berichtet Ulrich Deppendorf auf Anfrage unserer Redaktion.

Donnerstag, 07.01.2021, 16:00 Uhr aktualisiert: 07.01.2021, 18:40 Uhr
Ulrich Deppendorf moniert, dass ARD und ZDF zu spät das Programm unterbrochen haben, um live nach Washington zu schalten.
Ulrich Deppendorf moniert, dass ARD und ZDF zu spät das Programm unterbrochen haben, um live nach Washington zu schalten. Foto: imago

Fünfeinhalb Jahre ist es schon her, dass Ulrich Deppendorf als damaliger Leiter des Berliner ARD-Hauptstadtstudios in den Ruhestand ging. Aber die Arbeit seiner Ex-Kollegen verfolgt der 70-Jährige weiterhin aufmerksam. Am frühen Mittwochabend platzte ihm der Kragen. Als er vom Sturm aufs US-Kapitol erfuhr, suchte er in der ARD und beim ZDF vergeblich nach Livebildern. „In Washington gibt es einen Anschlag auf die US-Demokratie und DAS ERSTE sendet Hans Albers ! Verstehen tue ich das nicht mehr“, teilte Deppendorf unmittelbar darauf bei Twitter mit.

Die ARD zeigte ab 20.15 Uhr den Film „Für immer Sommer 90“ und plante zu diesem Zeitpunkt im direkten Anschluss um 21.45 Uhr die Reportage „Die Liebe des Hans Albers“. Am Donnerstag legte Deppendorf auf Anfrage unserer Zeitung nach: „Das war gestern in Washington ein Jahrhundert-Ereignis. Und es war ein schwarzer Tag für die Hauptprogramme von ARD und ZDF.“

Tausende Menschen reagierten auf Deppendorfs Tweet. Die meisten davon teilten seine Kritik. Auch viele frühere Kollegen hätten sich bei ihm gemeldet und von einem „Versagen“ der ARD gesprochen. Die ARD wies auf Anfrage unserer Redaktion die Kritik zurück und wies darauf hin, dass „ab 21.14 Uhr“ ein „Breaking-News“-Fenster zu den Ereignissen eingeblendet worden sei – mit Hinweis auf die Internetseite „tagesschau.de“. Zudem hätten die Sender Tagesschau 24 und Phoenix „den ganzen Abend berichtet“, berichtet ARD-Sprecher Burchard Röver. Um 21.45 Uhr gab es dann ein zehnminütiges „Tagesthemen extra“.

Sturm auf das Kapitol in Washington

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  • Eskalation in Washington: Polizisten mit gezogenen Waffen beobachten, wie Demonstranten versuchen, in die Kammer des Repräsentantenhauses im US-Kapitol einzudringen.

    Foto: J. Scott Applewhite (dpa)
  • Während der Kongress sich darauf vorbereitet, den Sieg des gewählten Präsidenten Joe Biden zu bestätigen, haben sich Tausende von Menschen versammelt, um ihre Unterstützung für Präsident Donald Trump und seine Behauptungen über Wahlbetrug zu zeigen. Sicherheitskräfte versuchen, sie aufzuhalten.

    Foto: Andrew Harnik (dpa)
  • Die Polizei überwacht Demonstranten, die versucht haben, durch eine Polizeiabsperrung zu brechen am Kapitol in Washington.

    Foto: Julio Cortez (dpa)
  • Unterstützer des US-Präsidenten Trump versuchen eine Absperrung vor dem Kapitol zu durchbrechen.

    Foto: John Minchillo
  • Vor der Eskalation nahmen Tausende Menschen an einer Kundgebung zur Unterstützung des US-Präsidenten Trump teil.

    Foto: Jacquelyn Martin
  • Donald Trump, noch amtierender Präsident der USA, erneuerte seine haltlosen Behauptungen über Betrug bei der Abstimmung. Seinem Stellvertreter Mike Pence warf er wegen dessen Weigerung, die Bestätigung der Wahlergebnisse im Kongress zu verhindern, mangelnden Mut vor.

    Foto: Evan Vucci
  • Nach der Rede Trumps marschierten Hunderte seiner Unterstützer auf den Parlamentssitz zu.

    Foto: Julio Cortez
  • Einige lieferten sich dort Handgreiflichkeiten mit Einsatzkräften.

    Foto: Julio Cortez
  • Vizepräsident Mike Pence eröffnete als Präsident des Senats im Kapitol die Sitzung, um die Stimmen des Electoral College zu zählen, die bei der Wahl im November abgegeben wurden. Rechts steht die Sprecherin des Repräsentantenhauses Nancy Pelosi.

    Foto: Saul Loeb
  • Nach dem Sturm auf das Kapitol wurde das Parlamentsgebäude evakuiert. Die Abgeordneten wurden in Sicherheit gebracht.

    Foto: Greg Nash
  • Eindringlinge im US-Kapitol: Polizisten beobachten Demonstranten in einem Flur in der Nähe der Senatskammer.

    Foto: Manuel Balce Ceneta
  • Gezogene Waffen im Parlament: Polizisten mit gezogenen Waffen beobachten, wie Demonstranten versuchen, in die Kammer des Repräsentantenhauses im US-Kapitol einzudringen.

    Foto: J. Scott Applewhite
  • Foto: dpa
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  • Foto: dpa
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„Das reicht in keiner Weise. Das ist die Standard-Ausrede“, meint Deppendorf. Zudem moniert er, dass Moderator Claus Kleber beim ZDF-„heute journal“ auf die Berichterstattung des US-Nachrichtensenders CNN verwies. „Das ist die Kapitulation der öffentlich-rechtlichen Hauptprogramme vor CNN.“

Lob für Spartenkanal Phoenix

Nach dem „Tagesthemen-Extra“ um 21.45 Uhr hielt sich die ARD zunächst wieder ans alte Programmschema und sendete das Albers-Dokudrama – brach diesen Film aber schließlich um 23 Uhr frühzeitig für eine längere Tagesthemen-Sendung ab. „Wegen der unsicheren Situation vor Ort konnte eine Live-Schalte erst ab 23 Uhr angeboten werden“, begründet Röver.

„Der Hans-Albers-Film hätte früher abgebrochen werden müssen“, sagt Deppendorf. „Das ist an einem solch historischen Tag und bei einem solch historischen Ereignis Pflicht der öffentlich-rechtlichen Programme.“ Immerhin findet er auch lobende Worte – allerdings nicht für seinen Ex-Arbeitgeber: „Die Ehre von ARD und ZDF hat gestern gerade noch der Spartenkanal Phoenix gerettet.“

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