Er ist wieder da
Schnurrbart unter Wutbürgern

Schnurrbart dran, Haare scheiteln, fertig ist der Hitler. Das funktioniert immer und verkauft sich bestens.

Donnerstag, 08.10.2015, 15:10 Uhr

„Der Führer“ in der Hauptstadt: Oliver Masucci als Hitler in Berlin.
„Der Führer“ in der Hauptstadt: Oliver Masucci als Hitler in Berlin. Foto: dpa

Manche sagen, Timur Vermes’ Roman „Er ist wieder da“ sei nur deshalb zum Millionenseller geworden, weil Schnauz und Scheitel sein Cover zierten. Der vielbeklagte Zwiespalt des Romans ist auch in David Wnendts Verfilmung noch da: Sie will sich über den unausrottbaren Hitler-Fetisch des deutschen Volkes lustig machen und bedient ihn zugleich. Sie bespöttelt die Banalität des Bösen und segelt doch hart an der Verharmlosung.

Eigentlich hat Wnendt (der aus Charlotte Roches „Feuchtgebieten“ einen erfreulich frischen Kinofilm destillierte) dabei zwei Filme in einem gedreht. Der erste ist eine lauwarme Mediensatire. Sie beschreibt den Aufstieg des in Berlin wiederauferstandenen GröFaZ (Burgschauspieler Oliver Masucci ) zum Star, der die Gunst des Publikums erst verliert, als ihm bei „Hart aber fair“ die Erschießung eines Hundes nachgewiesen wird. Große Entrüstung! Katja Riemann spielt die riefenstählerne Redakteurin eines Privatsenders, die den vermeintlichen Comedian groß rausbringen möchte, Christoph Maria Herbst amüsiert mit Bruno-Ganz-als-Hitler-Parodien. Vor allem aber soll man über den Kulturschock lachen, den Hitler erleidet – angesichts der „Hürriyet“ am Zeitungskiosk und anderer ungermanischer Zustände. Hihi, der Hitler! Eine bedenkliche Verniedlichungsstrategie.

Interessanter ist die zweite Ebene des Films, die sich abseits der Romanhandlung semi-dokumentarisch unters Volk mischt. Hitler reist mit einem erfolglosen Reporter (Fabian Busch) quer durch Deutschland, was als Mischung aus „Borat“, „Muxmäuschenstill“ und „Extra3“ daherkommt und angesichts begeistert um Selfies bittender Passanten und fraternisierender Stammtisch-Nationalisten beunruhigende Relevanz gewinnt – in Zeiten, in denen sich nicht nur auf Facebook immer häufiger unter Klarnamen der „Führer“ zurückgesehnt wird.

Am Ende bekommt man noch Bilder krakeelender Pegida-Jünger und angezündeter Flüchtlingsheime zu sehen. Hitlers Kommentar dazu: „Damit kann man arbeiten.“ Es ist erfrischend, dass sich das sonst so brave deutsche Kino traut, hier mal gezielt polemisch zu werden. Aus einer nur halb gelungenen Komödie wird so ein Film zur Zeit.

Läuft wo?

Trailer, Fotos und Spielorte gibt es hier .

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