Manchester by the Sea
Seelenlandschaft mit Möwen

Wuchtiges Familiendrama mit Casey Affleck

Donnerstag, 19.01.2017, 16:01 Uhr

Zeit, sich in die Augen zu blicken: Lee (Casey Affleck, r.) trifft auch seine Ex-Freundin Randi (Michelle Williams) wieder.
Zeit, sich in die Augen zu blicken: Lee (Casey Affleck, r.) trifft auch seine Ex-Freundin Randi (Michelle Williams) wieder. Foto: dpa

Mit Manchester im Titel ist nicht die englische Universitätsstadt, sondern das an der amerikanischen Ostküste liegende Küstenstädtchen Manchester (auch: Manchester-by-the-Sea) gemeint. Dorthin kehrt der im Bostoner Wohnblock als Hausmeister arbeitende Lee Chandler ( Casey Affleck ) zurück, als sein Bruder plötzlich stirbt und Lee sich um dessen 16-jährigen Sohn Patrick kümmern soll.

Die Zeit der Rückkehr in den Heimatort wird im Familiendrama „Manchester by the Sea“ von Kenneth Lonergan („You Can Count on Me“) für Lee, den der jüngere Affleck-Bruder Casey („Die Ermordung des Jesse James durch den Feigling Robert Ford“) als schweigsamen Einzelgänger mit feinster Nuancierung in Gestik und Mimik spielt, zur Zeit der Einsicht. Er übernimmt für den unbekannten Neffen Verantwortung und tritt in einer Reihe von Rückblenden seiner teils erzählten, teils angedeuteten Vergangenheit gegenüber. Sie tritt mit Wucht und Wirkung auf.

Wucht bedeutet hier keine große dramatische Unruhe oder Emotion, sondern die innere Einkehr, die Lee braucht, um zu sich zu finden, sich seiner selbst sicher zu sein und an die Zukunft zu denken. So in den im Städtchen unvermeidlichen Begegnungen mit Ex-Freundin Randi (Michelle Williams, „My Week With Marilyn“, leider nur in wenigen Szenen zu sehen), von der er sich nach chaotischen Auseinandersetzungen trennte, obwohl das Paar eigentlich glücklich lebte.

Eine Wucht anderer Art ist Neffe Patrick (Lucas Hedges. „Grand Budapest Hotel“), der kein Klischee-Teenie ist, sondern es als fast Erwachsener handfest mit gleich zwei Freundinnen, die nichts voneinander wissen dürfen, nicht nur hinter den Ohren hat. Da winken schöne Portionen trockenen Humors.

So kämpft sich Lee mit dem Schmerz von Tod, Trauer, Schuld, Erinnerungen und Erwartungen auf dem Buckel durch den Ort, der mit Möwen, rauer Küste und wortkargen Menschen, auch eine prächtige Seelenlandschaft abgibt. Sehenswert und ein Favorit im gegenwärtigen Oscar-Rennen. Den Golden Globe hat Affleck schon kassiert.

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