„Du hast das Leben vor Dir“ bei Netflix
Interkulturelle Annäherung im Kinderhort in Apulien

Elf Jahre war Sophia Loren nicht mehr im Kino zu sehen – jetzt hat ihr Sohn sie noch einmal vor die Kamera gelockt. In der Neuverfilmung eines Romain-Gary-Romans überzeugt sie als Ersatzmutter und Holocaust-Überlebende.

Donnerstag, 19.11.2020, 14:36 Uhr aktualisiert: 19.11.2020, 16:41 Uhr
Momò (
Momò ( Foto: Netflix

Sie ist Oscarpreisträgerin und seit 1950 im Geschäft, sie war einer der größten Filmstars der Sechzigerjahre und saß mal wegen Steuerhinterziehung im Knast. Sie ist eine lebende Kinolegende – und immer noch da. Inzwischen ist Sophia Loren 86, normalerweise genießt sie ihren Ruhestand am Genfer See, doch ihrem Sohn Edoardo Ponti gelang es, sie elf Jahre nach ihrer letzten Kinorolle (im Musical „Nine“) ein weiteres Mal vor die Kamera zu locken. Für eine Charakterrolle, die längst für die ganz großen Schauspielpreise im Gespräch ist.

Tatsächlich ist Lorens Auftritt der ausschlaggebende Grund, sich dieses ansonsten recht konventionelle Netflix-Drama anzuschauen: Sie spielt die betagte Ex-Prostituierte Madame Rosa, die sich um die Kinder ihrer ehemaligen Kolleginnen kümmert und eines Tages, auf Bitten eines Arztes, auch dem zwölfjährigen senegalesischen Flüchtlingsjungen Momò Obdach gewähren soll – obwohl der Knirps sie zuvor noch auszurauben gedachte.

Wie sich der muslimische Momò (einnehmend gespielt von Ibrahima Gueye) und die jüdische Rosa nach anfänglichen Reibereien aufeinander zubewegen, wie sie einander schließlich Vertrauen schenken, das erzählt Ponti unterhaltsam, allerdings auch sicher festgeschnallt ans bewährte Erzählgeländer all der anderen Filme, die die Mär solcher gegensätzlich-herzlichen Mentor-Kind-Beziehungen schon durchdekliniert haben. Das „Monsieur Ibrahim“-Schema lugt um jede süditalienische Ecke, Rosas Traumata als Holocaust-Überlebende bürden dem Plot fast schon zu viel Gewicht auf.

Der zugrundeliegende Roman von Romain Gary wird hier nicht zum ersten Mal verfilmt (die Version mit Simone Signoret gewann bereits im Jahre 1978 einen Oscar). Allzu viele Gründe dafür, warum diese Neufassung nötig war, liefert Ponti leider nicht. Seine größte Änderung besteht denn auch schon schon darin, das Geschehen von Paris ins apulische Bari zu verlegen. Doch da ist eben auch die Loren: Mit strähnigem Haar und ungeschminktem Gesicht zaubert sie eine kleine, feine Charakterstudie auf den Bildschirm, selbst dann, wenn das Drehbuch nur Behauptung liefert. Und siebzig Jahre Filmleben schwingen immer mit.

Bewertung: 3 von 5 Punkten

https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/7685318?categorypath=%2F2%2F84%2F61%2F197%2F201%2F1819671%2F
Nachrichten-Ticker