Film
Nina Hoss über Lampenfieber und ihren neuen Film

Berlin (dpa) - Nina Hoss (39) spielt in ihrem neuen Film «Phoenix» die Holocaust-Überlebende Nelly. Schwer verletzt und seelisch traumatisiert kehrt Nelly nach Kriegsende in ihre Heimatstadt Berlin zurück - doch ihr Mann Johnny, gespielt von Ronald Zehrfeld, erkennt sie nicht.

Montag, 22.09.2014, 14:09 Uhr

«Nelly kennt sich selbst nicht mehr. Deshalb kann auch Johnny sie nicht erkennen», erklärt Schauspielerin Hoss im Interview der Nachrichtenagentur dpa ihre Rolle.

Frage: Manche Holocaustüberlebende sagen: Warum habe ich überlebt, ich wäre lieber auch tot wie all meine Verwandten. Diese Menschen haben die Nazi-Gräuel, die Konzentrationslager überlebt, kommen zurück und nichts kann mehr gut werden...

Antwort: Es ist nichts mehr gut. Und irgendwann ist Nelly an einem Punkt, an dem sie sich fragt: Habe ich das alles vielleicht gar nicht erlebt? Weil alle Menschen um sie herum das Thema derart verdrängen. Das Ziel der Konzentrationslager war es, die Menschen auszulöschen - sie ihrer Persönlichkeit zu berauben und in ihrem Willen zu brechen, bis sie nur noch funktionieren, wie Tiere. Sie fühlen sich gar nicht mehr als Menschen. Meine Hauptarbeit für diese Rolle war es herauszufinden, wie man dem Zustand so eines Menschen nahekommt. Was es für ihn heißt, wieder zurückzukommen - sowohl körperlich als auch mental. Nelly muss sich bewusst machen: Ja, ich habe das erlebt und muss darüber reden. Aber: Es gibt niemanden, der ihr zuhört. Das ist der nächste Schlag.

Frage: Warum will niemand Nellys Leidensgeschichte hören?

Antwort: Die Menschen wollen sich dem Ausmaß dessen, was dieses Land angerichtet hat, nicht stellen. Und man kann nicht unschuldig fragen. Deshalb hat Johnny schrecklicherweise recht, wenn er zu Nelly sagt: Dich wird niemand fragen.

Frage: Man sieht Nelly auch äußerlich an, was sie erlitten hat. Sie ist ein gebrochener Mensch. Wie wirken sich solche Erlebnisse auf die Körperlichkeit eines Menschen aus und wie haben Sie versucht, das darzustellen?

Antwort: Ich habe mir überlegt, dass man ja alle Weiblichkeit verliert. Die Frauen haben keine Haare mehr, keinen Hüftschwung. Sie wurden wie Vieh behandelt. Sie haben nicht mehr als Frau existiert. Man kann sich das nur im Ansatz vorstellen, wie sich das tatsächlich anfühlt, so gänzlich seiner Identität beraubt zu werden. Nelly hat eine Zähigkeit, die sie all das hat überleben lassen. Als sie gerettet wird, ist sie wie ein Gespenst, wie eine Untote. Wie spielt man das?

Frage: Warum erkennt Johnny seine eigene Frau nicht?

Antwort: Nelly kennt sich selbst nicht mehr. Deshalb kann auch Johnny sie nicht erkennen. Weil es sie nicht mehr gibt. Das zusätzlich Traumatische ist, dass er sie nicht erkennt, aber wieder herstellt - sie also noch einmal benutzt wird. Das muss man emotional erstmal auseinandernehmen. Sonst weiß man gar nicht, was man spielen soll vor lauter Trauma. Es gab Szenen, in denen ich dachte, ich, beziehungsweise Nelly, kann nur noch lachen, weil das Grauen so schrecklich ist. Das ist so eine Übersprunghandlung, weil man denkt: Das kann ich nicht mehr bewältigen. Dann lacht man leicht hysterisch. Es gibt nicht viele Berichte von Menschen, die direkt nach dem Überleben befragt wurden. In welchem Verdrängungszustand ist man da, wie können sich diese Menschen der Welt wieder stellen oder wollen sie nur noch verschwinden?

Frage: Auf der Kinoleinwand machen Sie mit Ihrer Darstellung die Nelly quasi unsichtbar - nutzen sie diese schauspielerische Fähigkeit auch dazu, sich im realen Leben mal unsichtbar zu machen und unbehelligt von Fans durch die Straßen laufen zu können?

Antwort: Ja, ich kann das ganz gut.

Frage: Nelly kommt schwer verletzt, mit zerstörtem Gesicht, aus dem Konzentrationslager Auschwitz. Im ersten Moment sind Sie im Film äußerlich gar nicht als Nina Hoss zu erkennen - wie wurden sie äußerlich für den Film verändert? Mit Hilfe der Maskenbildner?

Antwort: Ja, das ist geschminkt. Mit dunklen Furchen im Gesicht. Und ich trage eine Perücke in einer Art Nicht-Farbe, grau-braun wie eine Maus.

Frage: « Phoenix » ist bereits der sechste Film, den Sie gemeinsam mit Christian Petzold drehen. Warum sind Sie so ein erfolgreiches künstlerisches Paar? Warum drehen Sie immer wieder zusammen?

Antwort: Christian Petzold ist einfach ein phänomenaler Drehbuchautor. Seine Geschichten setzen sich mit dem Zustand Deutschlands auseinander. Das interessiert mich. Weil er so genau hinguckt. Wenn ich eine Figur von Petzold spiele, erzähle ich immer zwei Dinge gleichzeitig: Etwas über Deutschland und ganz konkret über die Figur. Das gibt es ganz selten. Es gibt immer eine zweite Ebene.

Frage: Sie stehen nicht nur vor der Filmkamera, sondern spielen auch Theater - haben Sie nach all den Jahren und Erfolgen noch Lampenfieber ?

Antwort: Je erfahrener man ist, desto besser weiß man, was alles schief gehen kann. Deswegen wird das Lampenfieber größer. Aber ich kann Lampenfieber mittlerweile ganz gut verschieben. Also, einen Tag vorher muss ich noch nicht nervös sein. Die ganze große Aufregung ist auch nur bei der Theaterpremiere. Weil man weiß, dass die ganzen Kritiker im Publikum sitzen. Ich versuche, das mit Humor und Leichtigkeit zu nehmen - es ist ja dann doch auch nur Theater! Man darf sich nicht verkrampfen.

ZUR PERSON: Die gebürtige Stuttgarterin Nina Hoss stand schon mit 14 Jahren auf der Bühne. Noch während des Schauspielstudiums wurde sie 1996 als «Das Mädchen Rosemarie» in dem von Bernd Eichinger inszenierten TV-Remake des Kinoklassikers aus dem Jahr 1958 deutschlandweit bekannt. Sie spielte Hauptrollen in Filmen wie «Die weiße Massai» und «Anonyma - Eine Frau in Berlin». Für ihre Rolle in Christian Petzolds «Yella» wurde sie 2007 mit dem Silbernen Bären der Berlinale als beste Schauspielerin geehrt. Das Deutsche Theater Berlin war für Hoss fast anderthalb Jahrzehnte Zentrum ihrer Arbeit. In der Spielzeit 2013/2014 wechselte sie an die Berliner Schaubühne.

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