Vier Verfilmungen des Agatha-Christie-Krimis
„Mord im Orientexpress“: Mit Hercule Poirot im Luxuszug

Ein Mord ist geschehen, und alle Verdächtigen befinden sich in einem Raum: So sieht ein klassisches Krimi-Setting aus. Agatha Christie, die am 12. Januar 1976 gestorben ist, schuf eine besondere Variante dieser Situation: den „Mord im Orientexpress“.

Samstag, 12.01.2019, 09:36 Uhr aktualisiert: 14.01.2019, 07:58 Uhr
Kenneth Branaghhat als Regisseur aus dem bekannten Fall ein spektakuläres Schau-Stück gemacht – und sich selbst als prachtbärtigen Poirot besetzt. dpa
Kenneth Branaghhat als Regisseur aus dem bekannten Fall ein spektakuläres Schau-Stück gemacht – und sich selbst als prachtbärtigen Poirot besetzt. dpa

Den größten, einen geradezu gewaltigen Schnäuzer trägt natürlich Kenneth Branagh als Detektiv Hercule Poirot . Aber ist der Regie-führende Engländer auch der beste Ermittler und Kombinierer beim „Mord im Orient-Express“? Seine Verfilmung des Agatha-Christie-Romans kam vor gut einem Jahr heraus – und musste sich an diversen Vorgängern messen lassen. Man kann sich mit der Antwort auf diese Frage ein gemütlich winterliches Wochenende machen, denn alle vier Verfilmungen des skurrilen Agatha-Christie-Krimis sind als DVD preisgünstig verfügbar.

Dabei wird, wer mit dem Thema nicht vertraut ist, erstaunt feststellen: Peter Ustinov ist nicht dabei. Der populäre Schauspieler und Autor verkörperte den belgischen Schnurrbart-Schnüffler zwar in mehreren Filmen – aber den Poirot-Part in der ältesten Verfilmung von 1974 hatte der Brite Albert Finney übernommen.

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Albert-Finney war der Ur-Pioret im Zug. Foto: Kinowelt

Eitelkeit und Theatralik

Zum Glück, wie man im Rückblick sagen muss: Tausendsassa Ustinov ist in seinen Darstellungen nämlich vor allem – Ustinov, jovial und eher statuarisch. Finney hingegen gibt in Sidney Lumets Romanverfilmung eine ziemlich skurrile Figur ab, deren Pomade-Frisur wunderbar mit seiner ganzen Gestik, etwa seiner Handschuh-bewehrten Zeitungslektüre, harmoniert. Dass die Eitelkeit des kleinen, genialen Detektivs zu großer Theatralik führt, wenn Poirot vor versammeltem Publikum im Zug die Ergebnisse seiner Befragungen darlegt, passt bestens zu dieser Figur.

Ein gutes Vierteljahrhundert nach dieser Großtat, deren Besetzung mit Ingrid Bergman, Lauren Bacall und Sean Connery sich wie ein Who‘s who internationaler Filmstars liest, entstand eine US-Version, der man mit Fug und Recht das Etikett skurril anheften darf. Fritz Wepper spielt – nein, nicht Poirot, sondern jenen Bahndirektor, der den Detektiv immer mit Fragen und Mutmaßungen umschwirrt, ähnlich wie Harry seinen Derrick. 

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Alfred Molina ermittelte mit der Hilfe eines guten Fernseh-Bekannten: Fritz Wepper. Foto: Universal

Blasse Produktion und unfreiwilliger Humor

Die Hauptrolle hat der renommierte Alfred Molina übernommen, bleibt dabei aber vergleichsweise blass – wie die ganze Produktion, deren unfreiwilliger Humor in der Aktualisierung des Geschehens mit einer Videokassette und der Verwendung eines Laptops gipfelt. Das ist furchtbar gut gemeint – mehr leider nicht.

Agatha Christie

Rchtig nachzählen kann es heute ­natürlich keiner mehr, doch es hält sich hartnäckig das Gerücht,  dass Agatha Christie mit mehr als zwei Milliarden verkauften Büchern die erfolgreichste Krimiautorin der Literaturgeschichte ist. Aber wen wundert das schon groß, sind doch bis  heute viele Titel ihrer 66 Kriminalromane in aller Munde. „Tod auf dem Nil“, „16.50 Uhr ab Paddington“, „Der Wachs­blumenstrauß“ und nicht zuletzt der „Mord im Orient-Express“.

Geboren wurde sie am 15. September 1890 in Torquay an der englischen Riviera in Devon. Sie starb am 12. Januar 1976  an einem Schlaganfall. Fünf Jahre zuvor war sie von Königin Elizabeth II. in den Adelsstand erhoben worden. Eine echte „Lady of Crime“. 

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Dritter im Bunde der Kenneth-Branagh-Vorgänger ist David Suchet, der Dauer-Poirot des britischen Fernsehens. Man sollte ihn und die Verfilmung, in der er den Mordfall im Orientexpress löst, aber keinesfalls als bloßes Serien-Produkt unterschätzen.

Moralist und religiöser Grübler

Nicht allein, weil die sorgfältig gemachte Produktion nach alter Tradition mit interessanten Schauspielern in den anderen Rollen aufwartet, etwa der jungen Jessica Chastain, Barbara Hershey und Susanne Lothar. Sondern vor allem, weil Suchet den Helden zwingend als religiösen Grübler und Moralisten zeigt, den das Ergebnis seiner Ermittlungen an den Rand der Verzweiflung bringt.

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David Suchet ermittelt in den britischen Verfilmungen - hier ein nahezu perfektes Double von Torquay. Foto: Visit Britain

An diese Deutung, die dem heiteren Ausklang der Lumet-Verfilmung eine pessimistische Weltsicht entgegensetzt, knüpft Kenneth Branagh an. Bei Lumet wird Poirot, der die Mördergesellschaft entlarvt, ihr aber eine offizielle Alternativ-Version nahelegt, zum verschmitzen Verbündeten der Rächer, die einen Kidnapper und Mörder richteten.

Auch die Molina-Wepper-Version hat mit dieser Lösung kein Problem. Suchets Poirot hingegen ist ein Gerechtigkeitsfanatiker, dessen Existenz durch die erzwungene Lüge gefährdet wird. Branagh hat sich davon offenkundig inspirieren lassen – entschärft allerdings die Bereitschaft des Detektivs, für die Wahrheit das eigene Leben zu opfern, zugunsten eines dramatischen Gags: Seine Aufforderung an die Täter, auch ihn zu ermorden, verbindet er mit der Preisgabe einer leeren Schusswaffe. Ein Demaskierungs-Coup, aber kein Akt der Selbstaufgabe.

König der Züge

1883 fuhr der erste Orientexpress, seit 1890 gab es zwei durchgehende Strecken, eine ins rumänische Constanta, die andere eben nach Konstantinopel beziehungsweise Istanbul, wo Hercule Poirot im 1934 veröffentlichten Roman die Rückreise antrat. Er benutzte den Simplon-Orient-Express, der im System der Luxuszüge die wichtigsten Strecken befuhr. Für die unterschiedlichen Verbindungen gab es Kurswagen – der Poirot-Zug hat ja einen nach Calais.

Während der beiden Weltkriege wurde der Luxuszug-Verkehr eingestellt, nach dem  Zweiten Weltkrieg nahm er zwar wieder Fahrt auf, aber nicht mehr in der alten Form ausschließlich mit Schlaf- und Speisewagen: Jetzt dominierte der ordinäre Sitzwagen. Und mit der Urstrecke Paris – Istanbul war im Jahr 1977 Schluss. Bis 2009 gab es noch kürzere Verbindungen unter dem traditionsvollen Namen, doch wie im Lexikon nachzulesen ist, war der Fahrplanwechsel Dezember 2009 „nach 126 Jahren das Aus für den Orient-Express als fahrplanmäßiger Zug“.

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Branaghs Film setzt neben dem wiederum illustren, aber bisweilen unterforderten Ensemble (etwa Penélope Cruz) auf Schauwerte, die er hemmungslos ausstellt wie die ­Brücke, auf der der Zug strandet und die zu ungewohnten Action-Szenen führt – ein ähnlicher Auffrischungsversuch wie bei den Sherlock-Holmes-Filmen von Guy Ritchie. ­Sidney Lumets Version war dagegen Leinwand-Theater, das mit extremen Rückblenden starke Kino-Ästhetik bot. Attraktiv sind beide Versionen – und der Fernsehfilm mit David Suchet ist die tiefsinnigste Variante.

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