Drama
«Capernaum»: Oscarbeitrag aus dem Libanon

Ein Zwölfjähriger verklagt seine Eltern, ihn in diese furchtbare Welt gebracht zu haben - der Film wird zu einem erschütternden Porträt von gesellschaftlichen Außenseitern. Im Oscarrennen könnte «Capernaum» so zur Konkurrenz für den deutschen Beitrag «Werk ohne Autor» werden.

Montag, 14.01.2019, 11:10 Uhr aktualisiert: 14.01.2019, 11:16 Uhr
Zain (Zain Alrafeea, vorn) gehört zu den gesellschaftlichen Außenseitern. Er verklagt seine Eltern, ihn in diese furchtbare und menschenunwürdige Welt gebracht zu haben.
Zain (Zain Alrafeea, vorn) gehört zu den gesellschaftlichen Außenseitern. Er verklagt seine Eltern, ihn in diese furchtbare und menschenunwürdige Welt gebracht zu haben. Foto: -

Berlin (dpa) - Kinder können bekanntlich nichts dagegen tun, von ihren Eltern in die Welt gesetzt zu werden. Was aber, wenn sie lieber nie geboren worden wären?

Genau das denkt sich der junge Zain aus dem Libanon - und verklagt seine Eltern, ihn in diese furchtbare und menschenunwürdige Welt gebracht zu haben. Es ist der Auftakt für das bemerkenswerte Drama «Capernaum - Stadt der Hoffnung», das beim Filmfest Cannes bereits mit dem Preis der Jury ausgezeichnet wurde und als Libanons Beitrag ins Oscarrennen geht.

Das Herz des Films ist der kleine Zain. Er ist um die zwölf Jahre alt, aber nicht einmal seine Eltern wissen das genau. Sie treiben ihn und seine Geschwister auf die Straße, zum Klauen und Betteln. Das Zuhause ist eine verwahrloste Wohnung irgendwo in Beirut. Die umliegenden Straßen kennt Zain bestens; mit jeder Menge Charme und Witz schafft er immer wieder Essen und anderes Lebensnotwendige heran - denn auch wenn er für sein Alter viel zu klein und schmächtig wirkt, so ist er doch gleichzeitig auch viel zu reif.

Dann entscheiden sich die so überforderten wie aggressiven Eltern eines Tages, Zains Lieblingsschwester, die elfjährige Sahar, an einen deutlich älteren, dubiosen Mann zu verkaufen. Das wird nicht nur dramatisch enden, sondern lässt auch Zain endgültig verzweifeln. Er haut von zu Hause ab, muss sich allein durchschlagen und trifft die Äthiopierin Rahil und deren Säugling.

Regisseurin Nadine Labaki zeigt dabei eine Stadt, in der die Menschen ums Überleben kämpfen. Unzählige Flüchtlinge und Arme hausen unter schlimmsten Bedingungen in Slums, schlagen sich mit Gelegenheitsjobs durch und sind den Behörden und Kriminellen hilflos ausgeliefert. Die Flucht nach Europa ist für viele das ersehnte Ziel.

Diese Fülle an Themen macht «Capernaum» zu einem vielschichtigen, beklemmenden und bestürzenden Porträt der libanesischen Hauptstadt und ihrer Bewohner - überfrachtet das Drama aber zugleich. Regisseurin Labaki (die hier als Zains Anwältin auch selbst vor der Kamera zu sehen ist) will zu viel und wählt dafür einen manchmal zu sentimentalen Ton.

Statt auf Zain zu fokussieren, wird die Aufmerksamkeit des Publikums auf immer andere Probleme gelenkt. Der junge Hauptdarsteller Zain Al Rafeea trägt zwar mit seiner Energie auf eindrucksvolle Weise problemlos den ganzen Film. Dennoch verschwindet seine Figur immer wieder aus dem Mittelpunkt, so dass den Zuschauer sein Schicksal im Verlauf des Films emotional nicht mehr so packt wie noch zu Beginn.

Capernaum - Stadt der Hoffnung, Libanon/USA 2019, 126 Min., FSK ab 12, von Nadine Labaki, mit Zain Al Rafeea, Yordanos Shiferaw, Boluwatife Treasure Bankole

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