„Pelikanblut“: Fesselndes Adoptionsdrama mit Horroranleihen
Systemsprenger auf dem Pferdehof

Als sich ihre adoptierte Fünfjährige als Satansbraten erweist, greift eine Pferdetrainerin zu ungewöhnlichen Mitteln – und Hauptdarstellerin Nina Hoss kann wieder einmal zeigen, was sie kann.

Freitag, 25.09.2020, 09:46 Uhr
Wiebke (Nina Hoss) und ihre Adoptivkinder Nicolina (Adelia-Constance Ocleppo, l.) und Raya (Katerina Lipovska)
Wiebke (Nina Hoss) und ihre Adoptivkinder Nicolina (Adelia-Constance Ocleppo, l.) und Raya (Katerina Lipovska) Foto: Temelko Temelkov/DCM/dpa

Katrin Gebbes 2013 in Cannes gelaufener Debütfilm „Tore tanzt“ gilt als Highlight des deutschen Kinos der Zehnerjahre – allerdings als ziemlich krasses. Die Geschichte vom jungen Jesus-Fan, der Gewaltlosigkeit so sehr zum Prinzip seines Daseins erklärt, dass er sich von sadistischen Schrebergartenbewohnern zu Tode quälen lässt, brachte viele Zuschauer an den Rand des für sie Erträglichen.

In ihrem zweiten Film reißt Gebbe erneut die Grenze zwischen genau beobachtendem Drama und Horrorfilm ein, mit einer fantastischen Nina Hoss („Phoenix“) in der Hauptrolle. Sie spielt Wiebke, die auf dem Land einen Hof betreibt, auf dem Polizeipferde auf zukünftige Einsätze vorbereitet werden. Weil sie allein lebt, muss sie zur Adoption von Kindern nach Bulgarien ausweichen: Schon ihre neunjährige Tochter Nicolina holte sie von dort zu sich, nun folgt ihr mit Raya ein fünfjähriges Schwesterchen.

Anfänglich scheint Raya süß und lieb, bald aber provoziert sie durch Schreianfälle, erschreckt sie mit Tiertötungen und brutalen Doktorspielen: Ihr empathiebefreites Agieren, ihre gewalttätigen Ausfälle werden als „morphologische Störung“ diagnostiziert, als Folge frühkindlicher Traumatisierung. Freunde raten Wiebke, sich von Raya zu trennen. Doch Wiebke will sie domestizieren – koste es, was es wolle. Dafür ergreift sie immer sonderbarere Maßnahmen.

Man könnte „Pelikanblut“ teils als Gruselvariante des letztjährigen Hits „Systemsprenger“ bezeichnen: Viel düstere Tiersymbolik macht sich auf der Leinwand breit, Wiebke wagt sich in esoterische Gefilde vor, schließlich irritiert ein höchst diskutables Finale. Viele Fragen bleiben offen, doch genau das ist es, was im allzu oft fernsehgerecht durchformatierten deutschen Film sonst kaum mehr möglich ist. Das Gezeigte verdichtet sich so in der Summe zu mehr als einer bloßen Kreuzung aus Sozialdrama und „Das Omen“, Nina Hoss gibt mit der kleinen (im Wortsinn beängstigend gut spielenden) Katerina Lipovska als Raya zudem ein fesselndes Mutter-Tochter-Gespann ab. Sehenswert.

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