Zum 80. Geburtstag
Regisseur Adrian Lyne: «Die Leute erinnern nur den Sex»

Seine Filme begeisterten ein Millionenpublikum. Nach großen Kinoerfolgen war es zuletzt still um Regisseur Adrian Lyne geworden. Zu seinem runden Geburtstag meldet er sich in Hollywood zurück.

Donnerstag, 04.03.2021, 00:00 Uhr aktualisiert: 04.03.2021, 00:02 Uhr
Der britische Filmregisseur Adrian Lyne. Seine Filme begeisterten ein Millionenpublikum und provozierten mit aufsehenerregenden Sexszenen.
Der britische Filmregisseur Adrian Lyne. Seine Filme begeisterten ein Millionenpublikum und provozierten mit aufsehenerregenden Sexszenen. Foto: Ipol Spellman

London (dpa) - Nach seinen Anweisungen tanzte Jennifer Beals den «Flashdance», ließ sich Michael Douglas auf «Eine verhängnisvolle Affäre» mit Glenn Close ein, und Robert Redford machte Demi Moore «Ein unmoralisches Angebot».

Der britische Regisseur Adrian Lyne hatte in den 80er und 90er Jahren einige große Kinoerfolge. Besonders seine Thriller und Dramen über brisante Liebschaften sorgten für Aufsehen. Am 4. März wird der ehemalige Werbefilmer 80 Jahre alt.

«Ich mache gern diese Filme, die kontrovers sind», verriet Lyne im vergangenen Jahr dem «Forbes»-Magazin. «Die Sache ist, dass die Leute sich meistens nur an den Sex erinnern.» Sein erster Erotikthriller, die Romanverfilmung «9½ Wochen» mit Kim Basinger und Mickey Rourke, lag zwei Jahre auf dem Schneidetisch, weil er dem Verleih zu gewagt war. Zum Beispiel masturbierte Basinger in einer Szene - rund 30 Jahre vor «Fifty Shades Of Grey» ein kleiner Skandal. Die US-Fassung wurde gnadenlos gekürzt und floppte 1986 in Amerika. In Europa wurde der unzensierte Film über eine sadomasochistische Affäre ein Kinohit.

Der Durchbruch in Hollywood war Lyne drei Jahre vorher mit dem Tanzfilm «Flashdance» geglückt, der auch dank der Oscar-prämierten Musik von Giorgio Moroder («Flashdance ... What a Feeling») ein Kassenschlager war - trotz mieser Kritiken. Tatsächlich hätte die kitschige Story des Films kaum banaler sein können: Eine junge Fabrikarbeiterin, die nachts in Clubs tanzt, träumt von einer Karriere als Ballerina und kämpft sich schließlich durchs Casting.

Werbeprofi Lyne, der vorher Spots für Calvin Klein, Levi's und Pepsi gedreht hatte, inszenierte den Film als anderthalbstündigen Videoclip mit schönen Bildern und mitreißenden Tanzszenen. Damit traf der Brite im MTV-Zeitalter einen Nerv. Auch «9½ Wochen» verpasste er die Ästhetik eines Werbespots. Statt Produkten zeigte er Sex.

Lynes Filme wurden oft als provokant oder skandalös empfunden - wer sein Werk darauf reduziert, tut ihm Unrecht. Denn im Kern ging es um etwas anderes. «Ich hab schon immer Beziehungsgeschichten gemocht», sagte Lyne dem US-Magazin «People», «und Sexualität ist natürlich ein Teil davon.» In «Eine verhängnisvolle Affäre» (1987) wird für Michael Douglas aus einer heißen Nacht mit der äußerst freizügigen Glenn Close ein gefährlicher Alptraum. Der für sechs Oscars nominierte Psychothriller ist nach knapp 35 Jahren immer noch genauso packend.

1993 ließ Lyne Millionen von Kinozuschauerinnen abwägen, ob sie für eine Million eine Nacht mit Robert Redford verbringen würden - nicht wenige hätten das damals vermutlich bejaht -, und deren Männer, ob sie das okay fänden. «Ein unmoralisches Angebot» war ein schamlos kitschiges Drama. Der britische « Guardian » tat es als «nichts weiter als eine gekonnt organisierte und dekorierte Fantasie» ab. Doch sie funktionierte. Lyne hatte es wieder mal geschafft - viele Kritiker verrissen seinen Film, aber die Kasse klingelte.

Neben den schlagzeilenträchtigen Kinohits wird eines von Lynes besten Werken gelegentlich übersehen, der verstörende Psychothriller «Jacob's Ladder - In der Gewalt des Jenseits». Tim Robbins spielte darin 1990 einen schwer traumatisierten Vietnamkrieg-Veteranen, den Halluzinationen und schreckliche Visionen plagen. «Ich glaube, man musste den Film zweimal sehen, um ihn irgendwie zu verstehen», gab Lyne kürzlich zum 30-jährigen Jubiläum über seinen anspruchsvollsten Film zu. «Beim zweiten Mal genießt man ihn bestimmt mehr.»

Beeinflusst wurde der Kinoliebhaber als Jugendlicher von den großen Filmemachern der französischen Nouvelle Vague, von François Truffaut, Jean-Luc Godard und Claude Chabrol. Geboren am 4. März 1941 in Peterborough, nördlich von London, wuchs Lyne in der britischen Hauptstadt auf. Nach dem Studium in Oxford arbeitete er in einer Werbeagentur, bevor er seine eigene Firma gründete.

Damals erhielt er einen Anruf von Stanley Kubrick. «Er hatte eine Werbung von mir für Milch gesehen», erzählte Lyne dem «Guardian». «Er wollte wissen, welchen Filter ich genau verwendet hatte.» Kubrick bot ihm sogar einen Job als Second-Unit-Regisseur bei seinem Kostüm-Epos «Barry Lyndon» an. «Ich hätte das machen sollen, hab ich aber nicht», so Lyne. «Ich dachte mir, wenn ich gute Arbeit leiste, erntet er die Lorbeeren, und wenn es schlecht wird, bekomme ich die Schuld.»

Ende der 90er Jahre wagte sich der Brite an die Neuverfilmung eines Kubrik-Klassikers. Lynes Version von «Lolita» blieb enger an Vladimir Nabokovs Roman. Doch weil er lange keinen Verleih fand, geriet der Film zum finanziellen Fiasko. Danach widmete sich der Regisseur einem Remake von Chabrols «Die untreue Frau», das 2002 unter dem Titel «Untreu» ins Kino kam und für lange Zeit seine letzte Regiearbeit war.

Über Lynes Privatleben ist kaum mehr bekannt, als dass er verheiratet ist und mindestens eine Tochter hat. In Interviews beschränkt sich der Regisseur, Drehbuchautor und Produzent stets auf berufliche Fragen. Im Alter will es Adrian Lyne nun noch einmal wissen. Nach fast 20 Jahren hat er wieder bei einem Hollywood-Film Regie geführt. Im August soll «Deep Water» in die Kinos kommen. In dem Thriller mit Ben Affleck und Ana de Armas geht es - man hat es fast geahnt - um Beziehungen, Sex und riskante Affären.

© dpa-infocom, dpa:210303-99-664578/2

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