Kunst
Tate Modern zeigt Scherenschnitte von Matisse

London (dpa) - Schere, Papier und Heftzwecken waren das Werkzeug, mit dem Henri Matisse (1869-1954) in seiner letzten Schaffensphase einzigartige Scherenschnitte schuf.

Mittwoch, 16.04.2014, 12:04 Uhr

In Sekundenschnelle fuhr er mit der Schneiderschere durch das eingefärbte Papier: Bienenschwärme, Schwalben, Blumen und anziehende Frauenkörper in leuchtenden Farben und tanzenden Formen traten hervor.

Mit der Ausstellung « Henri Matisse : The Cut-Outs» präsentiert die Tate Modern in London mit rund 130 Werken die bisher größte Schau der Papierschnitte, die Matisse noch in hohem Alter in den letzten 17 Jahren seines Lebens schuf. «Malen mit der Schere» nannte er diese Art zu arbeiten.

Nach Einschätzung von Tate-Direkor Nicholas Serota , der sich bei der Schau selbst als Kurator betätigte, muss Matisse heute als unumstrittener Erfinder der Kunstform des Scherenschnitts auf diesem hohen künstlerischen Niveau gelten. Während er als jüngerer Künstler Papierausschnitte von Früchten, Vasen oder Blumen als Vorlagen für Gemälde nutzte, wurde der Scherenschnitt später zu einer eigenständigen Kunstform. «Er nutzte sie, um die engen Grenzen der Malerei zu sprengen und neue Felder zu erschließen», sagte Serota.

Der Hauptgrund für die Zuwendung des Künstlers zum Scherenschnitt war allerdings seine durch Alter und Krankheit eingeschränkte Mobilität. Um so erstaunlicher ist es, so wird in der Schau deutlich, dass die noch weitgehend im Rollstuhl angefertigten Arbeiten nie an Bewegung, Farbkraft, Humor und Lebensfreude verloren. «Matisse befreite sich von der Plage von Krankheit und hohem Alter und kreierte eine neue Kunstform», schrieb der « Guardian » zu den Werken. Die Zeitung pries die Ausstellung als «umwerfend, fröhlich und faszinierend».

Die chronologisch angeordnete Ausstellung zeigt über 14 Räume die Entwicklung des Scherenschnitts von Experimentiermaterial über das Künstleralbum «Jazz» bis hin zu den großformatigen Werken, die Matisse noch in seinen letzten Lebensjahren schuf. Erstmals werden außerhalb Frankreichs die Originalentwürfe von «Jazz» mit dem gedruckten fertigen Album gemeinsam ausgestellt. Fotografien von Atelier und Wohnung zeigen, wie der Künstler seine eigenen vier Wände mit den Werken dekorierte.

Seinen Auftrag, im südfranzösischen Vence eine Kapelle für einen dominikanischen Orden zu entwerfen, nahm er so ernst, dass er sein Studio - und später auch sein Schlafzimmer - in eine Kirche umfunktionierte. Von den Buntglasfenstern mit fliegenden Bienenschwärmen bis zu den Messgewändern schnipselte, heftete und klebte er seine Entwürfe auf Papier.

Zu sehen sind in London auch alle vier Gouacheschnitte aus der Serie «Blauer Akt», die weibliche Akte sitzend oder stehend in abstrakter Form zeigt. Das 7,6 x 3,3 Meter große Werk «Der Papagei und die Meerjungfrau» (1952), die Scherencollage «Ozeanien» und der ebenfalls riesige Papierschnitt «Die Schnecke» - aus dem Besitz der Tate - gehören dazu.

Die Ausstellung ist in enger Zusammenarbeit mit dem Museum of Modern Art (MoMA) in New York sowie mit führenden französischen Museen und Institutionen entstanden. Sie läuft vom 17. April bis zum 7. September in London und wird ab Oktober 2014 im MoMA gezeigt. Dem Beispiel anderer Kulturinstitutionen folgend, will die Tate erstmals Anfang Juni die Matisse-Ausstellung in 200 Kinos in Großbritannien und Irland übertragen.

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