Kunst
Norbert Bisky: «Besondere Verantwortung in Israel»

Ein deutscher Künstler in Israel: Auch 50 Jahre nach der Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen beiden Ländern ist das keine Selbstverständlichkeit. Norbert Bisky erzählt.

Mittwoch, 07.10.2015, 16:04 Uhr
Veröffentlicht: Mittwoch, 07.10.2015, 16:00 Uhr
Zuletzt bearbeitet: Mittwoch, 07.10.2015, 16:04 Uhr
Norbert Bisky in seinem Berliner Atelier. Das Gemälde ist für die Ausstellung in Tel Aviv bestimmt.
Norbert Bisky in seinem Berliner Atelier. Das Gemälde ist für die Ausstellung in Tel Aviv bestimmt. Foto: Klaus-Dietmar Gabbert

Berlin (dpa) - Norbert Bisky (44), einer der wichtigsten deutschen Gegenwartskünstler, eröffnet am Donnerstag (8.10.) eine Ausstellung in der renommierten Givon Art Gallery in Tel Aviv (bis 10.11.).

Zwei Wochen später (22.10.) beginnt in Jerusalem die Schau «Dämmerung über Berlin» mit 50 Meisterwerken aus der Neuen Nationalgalerie, die die Aufnahme der diplomatischen Beziehungen zwischen Israel und Deutschland vor 50 Jahren würdigen soll.

Bei einem Besuch in seinem Berliner Atelier erzählt Bisky der Deutschen Presse-Agentur , wie er Israel bei einem Arbeitsaufenthalt erlebt hat. Und welche besondere Verantwortung ein deutscher Künstler dort hat.

Frage: Wie kam es zu der Ausstellung?

Antwort: Ich hatte Anfang des Jahres für drei Monate das Atelier mit dem israelischen Maler Erez Israeli getauscht. Die Bilder, die dort entstanden sind, habe ich kürzlich im Bötzow Berlin gezeigt. Jetzt geht es um Bilder, die ich als nachträgliche Reflexion auf meine Zeit in Tel Aviv gemalt habe. Dabei habe ich mich bewusst entschieden, mich auf meinen Alltag in Israel zu beziehen.

Frage: Was heißt das?

Antwort: Ich wollte nicht wie ein Besserwisser von außen kommen und sagen, ich habe jetzt auch mal ne Meinung zu Euren Konflikten. Sondern ich beziehe mich auf die Bilder, die ich mir selbst mit eigenen Augen gemacht habe. Das ist die Kraft von Kunst, die ich nutzen möchte. Und deshalb heißt die Ausstellung Levinsky Street. Das ist eine sehr lebendige, bunte Straße in Tel Aviv, die ich jeden Tag mindestens zwei Mal langgelaufen bin, nämlich zum Atelier hin und vom Atelier wieder zurück.

Frage: Was haben Sie da gesehen?

Antwort: In meinen Bildern geht es zum Beispiel um den Wahlkampf, der dort in dieser Zeit sehr hart geführt wurde. Oder es geht um die Vielschichtigkeit des Landes, aber auch um die angespannte soziale Situation und natürlich auch um den Konflikt mit den Palästinensern. Im Schaufenster eines Geschäfts habe ich zwei Landkarten ganz selbstverständlich nebeneinander hängen sehen - einmal Israel mit und einmal ohne die Westbank, als wären das zwei gleichberechtigte Möglichkeiten. Das habe ich gemalt.

Frage: Was bedeutet es, als deutscher Künstler in Israel auszustellen?

Antwort: Selbstverständlich hat man eine besondere Verantwortung. Ein Großteil der Menschen, die Israel gegründet haben, sind die, die es geschafft haben, dem industriellen Killen unserer Vorfahren zu entfliehen. Deshalb ist es immer eine besondere und aufgeladene Situation - kein neutraler Ort. Das wird noch sehr lange so bleiben, dafür ist einfach viel zu schrecklich, was geschehen ist.

Frage: Haben Sie als Deutscher Vorbehalte gespürt?

Antwort: Ich glaube, es gibt eine sehr große Offenheit der Israelis uns gegenüber. Das Problem ist eher, dass viele Leute in Deutschland mit großen Vorbehalten nach Israel schauen. Keiner der Menschen, mit denen ich dort zu tun hatte, war nicht in irgendeiner Weise mit seiner Familie vom Holocaust betroffen, das ist ein präsentes Thema. Aber es ist nicht so, dass man deshalb als Deutscher anders aufgenommen wird.

Frage: Ist für Sie der Holocaust auch künstlerisch ein Thema?

Antwort: Im Moment nicht. Ich glaube nicht, dass Malerei dazu da ist, sich über Dinge zu äußern, mit denen man sich noch nicht genug beschäftigt hat. Nicht alles kann ich einfach so hinmalen. Das wäre verantwortungslos. Im Moment brauche ich noch Zeit dafür.

Frage: Hat sich durch Ihren Aufenthalt in Israel Ihr Blick auf die Probleme des Landes verändert?

Antwort: Ja. Ich habe gelernt, dass die Situation wesentlich komplizierter ist, als ein paar Schlagworte sagen. Einerseits gibt es sehr viel mehr Alltag und Austausch zwischen arabischen Israelis, Palästinensern und jüdischen Israelis, als ich dachte. Andererseits ist die Situation extrem aufgeheizt, weil radikale Gruppen auf beiden Seiten versuchen, jeden friedlichen Zustand zu boykottieren.

Frage: Also bleibt es aussichtslos?

Antwort: Ich habe in meiner Generation nicht einen einzigen gesprochen, der nicht einfach in Frieden und Ruhe leben will - auf beiden Seiten. Aber es gibt eben die Hamas, diese Terror-Organisation, die würden auch mich sofort am Strand steinigen und verbrennen - das ist das, was sie mit Schwulen machen. Und es gibt natürlich auch sehr radikale Israelis, die komplett gegen die Zweistaatenlösung sind.

Frage: Anderes Thema ... wir feiern gerade 25 Jahre deutsche Einheit. Was bedeutet das für Sie?

Antwort: Das ist kein Thema, das mich derzeit beschäftigt. Ich habe mich ja eine Zeitlang so intensiv damit auseinandergesetzt, dass ich mir die DDR von der Seele gemalt habe. Ich glaube, dass im Augenblick die Gegenwart ganz große Fragen stellt und sich unser Land sehr verändert - eine wirklich spannende Zeit. Aber wenn es mit dem Mauerfall gelungen ist, Deutschland wieder zusammenzubringen, dann sollte es jetzt ja vielleicht auch gelingen, mit den aktuellen Konflikten klarzukommen.

ZUR PERSON: Norbert Bisky, 1970 in Leipzig geboren, gilt als einer der wichtigsten deutschen Gegenwartskünstler. Er ist der Sohn des verstorbenen Linken-Politikers Lothar Bisky. Von 1994 bis 1999 studierte er an der Universität der Künste Berlin bei Georg Baselitz. Zwei Jahre lehrte er als Gastprofessor an der Kunstakademie in Genf. Bisky lebt und arbeitet in Berlin.

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