Rückeroberung im Revier
Emscherkunst: Immer am Fluss entlang begleiten 24 Kunstwerke die „Transformation einer Landschaft“

Der Ausgangspunkt ist dem Münchener Künstler Benjamin Bergmann ganz klar: „Wenn man irgendwo etwas sieht, was da nicht hin­gehört, fängt man an zu denken.“ Über das Entstehen dieser Kombination, über den Grund für dieses Zusammentreffen, über Sinn und Verstand. Vor diesem Hintergrund hat sich der Münchener den Phoenix-See im Dortmunder Stadtteil Hörde vorgenommen. Der ist das Zentrum eines neuen Quartiers auf der Industrie­brache, die die Hermanns­hütte zur Jahrtausendwende hinterlassen hatte. Diesem ­typischen Stück Ruhrgebiet, das gleichermaßen von Niedergang und neuem Aufbruch erzählt, spendierte Bergmann etwas ganz Ausgefallenes: einen Kiosk. Weil der nicht ins Straßenbild des Ruhrgebietes, der Heimat von Büdchen und Trinkhallen, gehört?

Freitag, 03.06.2016, 15:06 Uhr

Wellenbrecher an der Emscher:Nevin Aladag hat die Arche Noah nachempfunden – so wie sie Pilot Ilhan Durupınar entdeckt haben will. Uwe Gebauer, Roman Mensing, Thorsten Ahrendt
Wellenbrecher an der Emscher:Nevin Aladag hat die Arche Noah nachempfunden – so wie sie Pilot Ilhan Durupınar entdeckt haben will. Uwe Gebauer, Roman Mensing, Thorsten Ahrendt

Bergmanns Kiosk fällt in der Tat auf. Er ist keine revier­typische „Bude“, sondern „il Chiosco“. Seine ersten 30 Jahre hat er als Souvenirpavillon in Venedig verbracht. Auch in Dortmund liegen nun vene­zianische Reiseführer in der Auslage, billige Sonnenbrillen und Strohhüte werden an­geboten, an der Markise hängen die Trikots italienischer Fußball-Helden zum Verkauf. Hinter dem Tresen steht Danilo Bastione, ein waschechter Venezianer, und verkauft auch noch Softdrinks.

Schon vor der Eröffnung war „il Chiosco“ einer der großen Höhepunkte der Emscherkunst 2016. Bergmann hat bereits Waren nachbestellen müssen: Trikots, Sonnen­brillen und der sonstige Schnickschnack kommen gut an in Dortmund.

Zum dritten Mal nach 2010 und 2013 zeigt die Emscherkunst zeitgenössische Kunst entlang der Ufer von Deutschlands größter Kloake. Wobei diese Flussbeschimpfung nur noch zum Teil korrekt ist. Das Jahrhundertprojekt Emscherrenatu­rierung ist auf gutem Weg. Von der Quellein Holzwickede bis Dortmund-Deusen wurde der Fluss schon reanimiert und führt mehr oder min­der klares Wasser. So ist die ­Emscherkunst – ein Projekt der Emschergenossenschaft , der Initiative Urbane Künste Ruhr und des Regional­verbands Ruhr – ein Versuch der Rück­eroberung. Was jahrzehntelang Stadtteile und Menschen so streng trennte wie anderswo Mauer und Stacheldraht, wird langsam wieder Lebensraum. In diesen Prozess fügen sich beispielsweise die Projekte „Zur kleinen Weile“ und „Kunstpause“ unweit der Kokerei Hansa in Dortmund.

Das „atelier le balto“ lädt mit Stegen durch einen Haselnusshain zur „Kunstpause“ ein. Der Hain wirke wie eine Kathedrale, befinden die Künstler aus Paris und Berlin, lasse die Zeit stillstehen und mache die ungehobelten Planken zu einem „Ort der Meditation“. Rechts fließt die Emscher , hinten und vorne rauschen Autos vorbei, und die Hochbrücken der Stadtautobahn beherrschen zu jeder Zeit und in jeder Blickrichtung die Szenerie. Echt urbane Meditation.

Ein Paar Meter weiter präsentiert das Berliner Raum­labor seine Skulptur „Zur kleinen Weile“: ein riesiges begeh-, beschau- und belauschbares Stück Kohle direkt neben dem Fluss – nachgebaut aus Spritzbeton. Erst am Dienstag hat der Prüfstatiker sein Okay gegeben.

Anderswo auf den 50 Kilometern Emscherkunst sind die Pro- und Objekte beliebiger und verlieren den konkreten Bezug zum Raum – obwohl sich viele auf den Dialog mit den Anwohnern, mit der „Community“, berufen. An mancher Stelle möchte der Betrachter wie im Märchen das Kind vor dem Kaiser rufen: „Aber der ist ja nackt.“

Aber immer, wenn die Kunst der Emscher wirklich auf den Leib rückt, erlebt der Betrachter starke Momente. Etwa am Hochwasserrück­haltebecken zwischen Men­gede und Ickern. Hier fließt die Emscher noch nahezu ­un­geklärt, also pottschwarz und stinkend, durch die Landschaft. Die Überflutungs­bereiche sehen geradezu idyllisch aus. Wenn es nur nicht so streng riechen würde . . .

Hier lädt Mark Dion mit seiner „Gesellschaft der Amateur-Ornithologen“ zur Vogelbeobachtung ein – im Stile eng­lischer Gentlemen und Forschungsreisender früherer Zeiten. Ein großer Stilbruch – der eine überraschende Vogelvielfalt offenbart.

Größer sind die Spuren, die Nevin Aladag hinterlässt. Die Berlinerin, die in der Türkei geboren ist, hat klassische Wellenbrecher zur Form der Arche Noah zwischen den Tümpeln zusammengesetzt. Jeder einzelne ist sechs Tonnen schwer, und doch wirken die Wellenbrecher gar nicht so monströs. Ein Symbol für die Auseinandersetzung zwischen Mensch und Natur? Mahnmal gegen den Klimawandel mit seinen steigenden Meeresspiegeln auf 58 Metern Seehöhe? In jedem Fall ein Kunstwerk, das Benjamin Bergmanns Forderung erfüllt und Erwartungen bricht.

Was wohl auch, wieder ein paar Meter weiter, für Mas­simo Bartolinis „Black Circle Square“ gelten wird. Neben dem Betriebsgebäude der ­Emschergenossenschaft baut er eine eierlegende Wollmilchsau: Ein Kunstwerk, das Swimming-Pool, Zen-Garten und Löschwasserspeicher zugleich ist. Strahlend weißer Beton umschließt einen kreisrunden, fast schwarzen Pool, in dem während der Ausstellungszeit immer wieder Synchronschwimmer auftauchen werden. Das Kunstwerk ist gleicher­maßen eine Hommage an „das Schwarze Qua­drat“ von Kasimir Sewerinowitsch Male­witsch wie ein „performatives Denkmal an die Emscher und ihren Reinigungsprozess“. Schade nur, dass die Bau­arbeiten leicht nachhinken und der „Black Circle Square“ wohl erst im August fertig­gestellt wird.

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