Kunst-Rückblick
Schreddern und Algorithmen: Events im Auktionssaal

In den großen Auktionshäusern halten medienwirksame Events Einzug. Der Kunstmarkt ist gierig, das Angebot begrenzt. Geld kann man inzwischen sogar mit Maschinen-Bildern machen.

Montag, 24.12.2018, 10:08 Uhr aktualisiert: 24.12.2018, 10:12 Uhr
Ein Banksy wird geschreddert.
Ein Banksy wird geschreddert. Foto: Banksy

Berlin (dpa) - Wo ist eigentlich der «Salvator Mundi» geblieben, das Bild von Leonardo da Vinci, das für legendäre 450 Millionen Dollar versteigert wurde?

Der absolute Auktions-Weltrekord ließ Ende 2017 den Kunstmarkt weltweit fast in Ekstase fallen. Ein Jahr danach hängt das Jesus-Gemälde immer noch nicht wie versprochen im Louvre Abu Dhabi, und Spekulationen über die Echtheit des Rekord-Bildes blühen.

2018 hat der Kunstmarkt sich wieder in Preisbereichen eingependelt, wo zumindest im Top-Segment Erlöse in zwei- bis dreistelliger Millionenhöhe inzwischen als normal gelten. Jahresspitzenreiter ist ein Aktgemälde von Amedeo Modigliani, das für 157 Millionen US-Dollar (etwa 132 Mio Euro) bei Sotheby's den Besitzer wechselte. Deutschlands teuerster lebender Maler Gerhard Richter rangiert mit 32 Millionen Dollar für eine abstraktes Bild immerhin noch auf Platz 30 der höchsten Auktionserlöse des Jahres 2018.

Doch weniger die Preisrekorde als spektakuläre Events in den Auktionssälen hielten die Branche in Atem. Da lief ein Bild des britischen Graffiti-Künstlers Banksy bei Sotheby's durch einen im Rahmen versteckten Schredder, kurz nachdem der Hammer bei umgerechnet 1,2 Millionen Euro gefallen war. Übrig blieben nur längliche Schnipsel. Ein PR-Coup für Sotheby's und Banksy gleichermaßen.

Fast ebenso medienwirksam war die Versteigerung eines von einem Algorithmus produzierten Porträts im Stil des 19. Jahrhunderts bei Christie's : Rund 430.000 Dollar brachte der verschwommene Mann. «Künstler» waren Studenten, die eine Maschine mit Daten gefüttert hatten. Über die Qualität des Computer-Porträts braucht man nicht zu streiten. Sie ist einfach schlecht. Aber der PR-Coup ging auf - und erbrachte darüber hinaus eine stattliche Summe.

Mit solchen «Gags» werde Geld gemacht, ärgert sich Hans Neuendorf, Gründer des Internetdienstleisters Artnet. «Das ist doch peinlich», sagt er. «Reden da auch noch welche über Kunst? Es wird nur noch über Preise geredet.»

Die Auktionshäuser jedenfalls geben sich mit ihrem Geschäft hoch zufrieden. Sotheby’s habe innerhalb einer Woche im November mit Auktionen in New York, Genf, London und Paris sowie online Objekte für mehr als eine Milliarde Dollar verkauft, sagt Bastienne Leuthe, Expertin für zeitgenössische Kunst bei Sotheby's Deutschland. Konkurrent Christie's erlöste allein bei der Versteigerung der Rockefeller-Sammlung 833 Millionen Dollar - es war die bisher teuerste versteigerte Privatkollektion.

«Das Interesse für Kunst ist allgegenwärtig, die Nachfrage für marktfrische Werke mit hervorragender Qualität hält an», sagt Leuthe. «Der Ausblick auf das kommende Jahr könnte nicht besser sein.» Auch die deutschen Auktionshäuser, deren Umsatz sich mit den großen Kunsthäusern Sotheby's und Christie's zwar nicht messen kann, zeigen sich optimistisch. Aber sie verhehlen auch den Kampf um das knappe Angebot nicht.

«Das Geschäft läuft bei uns entgegen manchem Trend extrem positiv», sagt Robert Ketterer vom gleichnamigen Auktionshaus in München. «Auf dem Kunstmarkt verschärft sich aber ein allgemeiner Trend: Die gefragten Objekte werden immer weniger und der Kampf um sie größer», so Ketterer. «Das führt am Ende dazu, dass das Geschäft auf immer weniger Häuser verteilt wird.»

Die Rekordpreise bei den großen Auktionen führen bei manchen Einlieferern inzwischen zu überzogenen Preisvorstellungen. Aber Sammler kaufen trotzdem nicht um jeden Preis. So gingen Objekte bei Auktionen auch reihenweise zurück. «Nur wenn es eine Top-Arbeit ist, ein exemplarisches Werk mit hoher Wiedererkennung, tadelloser Provenienz und einem attraktiven Preis, dann geht nichts schief», sagt Ketterer.

Sowohl Ketterer als auch Van Ham in Köln sehen einen Trend zur Kunst des 19. Jahrhunderts - die nicht so teuer ist. Markus Eisenbeis vom Kölner Auktionshaus Van Ham hat eine Erklärung dafür. Für 20.000 bis 50.000 Euro bekomme man inzwischen «tolle Werke» aus dem 19. Jahrhundert. Im 20. Jahrhundert werde man für solche Summen nicht mehr mehr fündig. Immer wichtiger für Geschäft würden auch die inzwischen alle zwei Wochen angesetzten Online-Auktionen. «Das darf aber keine Resterampe sein.»

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