Ein Glücksteller zum 60. Geburtstag
Verführung zum ewigen Leben

Münster -

Pflückt eine Frau einen Apfel vom Baum und bietet die Frucht einem Manne an, kann das gefährlich werden. Die Älteren erinnern sich. Eine folgenreiche biblische Geschichte. Bis vor nicht allzu langer Zeit sogar als historische Tatsache verstanden. Mit dem Sündenfall kam die Sterblichkeit. Ganz anders in Asien: Dort verschenkt eine Frau Früchte, die ewiges Leben schenken: Pfirsiche.

Freitag, 11.01.2019, 17:06 Uhr
Den Wunsch nach Glück und langem Leben drückt dieser Teller aus – im Mittelpunkt: der Pfirsich.
Den Wunsch nach Glück und langem Leben drückt dieser Teller aus – im Mittelpunkt: der Pfirsich. Foto: Museum für Lackkunst

Im fernen sagenhaften Kūnlún-Gebirge steht im umfriedeten Garten der Königinmutter des Westens Xiwangmu (Inbegriff der Weiblichkeit, des Yin vom Yin und Yang) ein wundersamer Baum. Der trägt nach einer halben Ewigkeit (die einen raunen alle tausend, die anderen alle dreitausend Jahre) wunderwirkende Früchte. Zu jenem besonderen Tage lädt die Göttin alle Unsterblichen zum Schmausen ein, um deren ewiges Leben „aufzufrischen“. Unsterblichkeit scheint in Asien also keine sichere Bank zu sein; wer unsterblich bleiben will, muss schon pünktlich sein. Immerhin schmuggelte sich auch mal ein Affe namens Sun unter die Festgesellschaft, naschte vom Spezial-Pfirsich und: Fortan lebte der Schelm ewig. Deshalb findet sich in Asien oft das Motiv „Affe mit Pfirsich“. Wer hoffte nicht, ein kleiner pfiffiger Affe zu sein, der dem Tod ein Schnippchen schlägt.

Der Teller aus dem Lackkunstmuseum zeigt in seinem Spiegel jenen sagenhaften Pfirsichbaum, wie er sich aus dem Gebirge, das sich aus dem Glücksmeer erhebt, emporwindet und dabei wie nebenbei das Schriftzeichen „fu“ für Glück formt. Schließlich ist langes Leben allein nicht alles, auch gut soll es sein. Und der Baum trägt neun Früchte, die höchste einstellige Zahl, eine Vollkommenheit, die dem Kaiser vorbehalten war. Auf der Fahne des Tellers umkreisen Drachenboote in einem Wettrennen das Glück und das ewige Leben. Solche Wettfahrten fanden am fünften Tag des fünften Monats des traditionellen chinesischen Kalenders statt. Daher nimmt die scheidende Museumsleiterin Monika Kopplin an, „dass dieser Teller mit Sicherheit ein Geschenk des Kaisers war“, für jemanden, der im fünften Monat 60 Jahre alt geworden ist. Denn dieser Geburtstag war ein großer Einschnitt im Leben eines Chinesen. Man galt nun als alt und weise. Und hatte in dem Alter natürlich Wünsche für ein langes und gutes Leben besonders nötig . . .

Der dekorative Teller aus der Zeit des elften Kaisers der Ming-Dynastie, Chia-Chin (1522-1566), ist mit feinster Gravur versehen. In den Lack sind feine Spuren ausgehoben und mit Gold-Pulver gefüllt.

Diese Lackkunstarbeit lädt zum Kulturvergleich ein. Denn Baum, Frucht und Leben kreisen in der fernöstlichen und der christlichen Welt symbolisch um ähnliche Themen, vermitteln aber unterschiedliche Botschaften. Die grundlegende asiatische Legende präsentiert den Baum als Quelle des Lebens, der Freude. In der Genesis droht vom Baum und seiner Frucht Gefahr. Der asiatischen Göttin ist am körperlichen Wohlergehen gelegen, der Schöpfer um das Seelenheil besorgt. Zur Ehrenrettung sei gesagt, dass der biblische Gott zwei Bäume im Garten Eden geschaffen hat. Einer war der Baum des Lebens. Vielleicht ein Pfirsichbaum? Von dem ist dann aber weiter nicht mehr die Rede, sondern von Schlange und Verführbarkeit mit Folgen wie Reflexionsvermögen, Freiheit und Leid.

Dass es der Apfel geworden ist, liegt nicht an den biblischen Autoren. Die Wörter „mālum“ und „malum“, der Apfel und das Böse, klingen im Lateinischen eben sehr ähnlich, was dem Apfel zum symbolischen Verhängnis wurde. Glück für den Pfirsich. Hier allerdings hatten die Chinesen Pech, wird die Frucht doch von Botanikern etwas unglücklich „Prunus persica“ genannt. Die Zucht stammt nämlich nicht aus Persien, sondern wurde vor mindestens 6000 Jahren in China begonnen. Und noch heute produziert die Volksrepublik (laut Wikipedia) mit über 14 Tonnen mehr als die Hälfte der Pfirsiche in der Welt. Kein Wunder, dass sich Legenden mit dem Pfirsich und seiner angenehm samtweichen Haut verbinden.

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Nach über 20 Jahren verlässt Prof. Dr. Monika Kopplin das Museum für Lackkunst. Diese Zeitung hat sich aus diesem Anlass von ihr anhand ausgewählter Objekte aus der Sammlung einige der spannendsten Geschichten erzählen lassen.   | Wird fortgesetzt

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