Steine und Blutwischer
Ein Rundgang über die Biennale in Venedig

Die Masse an Kunst droht einen zu erschlagen. Nicht umsonst vergleicht der diesjährige Kurator die Biennale in Venedig mit einem zehnstündigen Film. Und mindestens bei einem Objekt ist nicht allen klar, ob es Kunst ist.

Freitag, 10.05.2019, 16:51 Uhr aktualisiert: 10.05.2019, 16:54 Uhr
Die Arbeit «Can't Help Myself» der beiden chinesischen Künstler Sun Yuan und Peng Yu in Venedig.
Die Arbeit «Can't Help Myself» der beiden chinesischen Künstler Sun Yuan und Peng Yu in Venedig. Foto: Felix Hörhager

Venedig (dpa) - Auf der Kunst-Biennale in Venedig herrscht buntes Treiben. Vor Großbritannien: eine Schlange. Vor Frankreich: eine noch längere Schlange. Vor dem deutschen Pavillon direkt nebenan wirkt es dagegen verwaist. Das Hauptportal: dicht. Nur durch Seiteneingänge gelangt man in Räume, die heruntergekommen sind. Nur wenig Tageslicht fällt hinein. Sehr große Steine liegen auf dem Boden. Eine Wand, gebaut wie ein Staudamm, zieht sich bis knapp unter die hohe Decke. Dahinter schwirren Klänge durch den Raum: elektronische Beats, der Ton von Trillerpfeifen.

Es geht hier um Migration, Zusammenleben und vielleicht auch um ein Deutschland, das durch seine Zuwanderungspolitik geworden ist wie der Pavillon: weniger einladend. Die Künstlerin hat ihren Kopf in einer steinartigen Skulptur versteckt und ihren Namen angepasst, eingedeutscht könnte man meinen. Natascha Süder Happelmann. Sie treibt ein Spiel mit Identitäten. Kategorien und Zuschreibungen, die unser Leben bestimmen, werden infrage gestellt. Doch all das bleibt dem Betrachter verborgen. Erklärt wird - abgesehen vom ausliegenden Katalog - nichts. Und wer an diesem Freitag nicht bei der Einweihung des Pavillons ist, wird die Figur mit dem Steinkopf nur schwer zu sehen bekommen.

Der deutsche Beitrag passt aber zu dem Motto, mit dem die 58. Ausgabe des Mega-Kunstevents überschrieben ist: «May You Live In Interesting Times». Kurator Ralph Rugoff hat darauf verzichtet, ein festes Thema zu wählen. Biennale-Präsident Paolo Baratta hatte betont, die Ausstellung müsse «offen und grenzenlos» bleiben. Damit haben die Künstler viel Raum bekommen. Auch für schwierige Themen.

Die Größe und Komplexität der Biennale ist nicht nur für den Besucher eine echte Herausforderung. «Es ist, als würde man einen zehnstündigen Film statt einen zweistündigen machen, denn die Kunst-Biennale ist fünfmal größer als jede andere normale Ausstellung», sagte Kurator Rugoff kürzlich in einem Interview. Für die zwei Teile der Hauptausstellung hat der US-Amerikaner und Leiter der Londoner Hayward Gallery rund 80 Künstlerinnen und Künstler aus aller Welt eingeladen, ihre Werke in den Gärten Giardini della Biennale und dem alten Industrie- und Werftgelände Arsenale zu präsentieren. Hinzu kommen Beiträge von etwa 90 Nationen.

Für Gesprächsstoff, gar Protest sorgte vor dem offiziellen Start der Biennale an diesem Samstag ein Objekt. Besser gesagt: ein Wrack. Es ist das blau-braune Boot, mit dem im April 2015 Hunderte Flüchtlinge von Libyen aus nach Europa gelangen wollten. Doch schätzungsweise starben 800 Menschen, möglicherweise sogar noch mehr. Gegenüber von kaffeetrinkenden Besuchern steht das Boot wie ein Mahnmal am Wasser. Der Schweizer Künstler Christoph Büchel hat es unter dem Namen «Barca Nostra», «Unser Boot», ausgestellt. Kritik kam von Italiens rechter Regierungspartei Lega. Der verstörende Anblick verfolgt einen Besucher bis in den Bus auf dem Lido. «Ist das Kunst?», fragt er sein Gegenüber. Die Frau entgegnet, auf der Biennale erreiche es eben die größte Öffentlichkeit.

Damit sollte sie recht behalten. Schon für die Vorbesichtigungstage sind neben den Künstlern Massen an Journalisten, Sammler, Kunst- und Partybegeisterte in die italienische Lagunenstadt gekommen, um sich die Kunstschau anzusehen, die bis zum 24. November läuft. So viel Kunst auf einmal droht einen zu erschlagen. Einige Werke lassen den Betrachter ratlos zurück. Andere sind womöglich zu eindeutig, um Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen.

Aus der Masse sticht ein schwarzer Industrie-Roboter hervor, der in einer Art Glaskäfig sein Werk verrichtet. Es sieht aus wie Blut, das da gegen die Scheibe klatscht, sobald der Roboter mit einer Art Wischer am Ende seines Arms wieder ein bisschen der roten Suppe in die Mitte des Raums kehrt. Aber selbst das programmierte Gerät schafft es nicht, die Flüssigkeit unter Kontrolle zu halten. «Can't Help Myself» haben die chinesischen Künstler Suan Yuan und Peng Yu das Werk genannt, für das sie dem Roboter insgesamt 32 Bewegungen beigebracht haben. Sie haben etwas überraschend graziles, fast menschliches.

Videokunst gibt es zum Beispiel von der deutschen Künstlerin Hito Steyerl zu sehen. Auf Stegen, wie sie auch in Venedig bei Hochwasser eingesetzt werden, wandelt man zwischen digitalen Blumen eines in der Zukunft verlorenen Gartens. Videos laufen auf verschiedenen Projektionsflächen ab. Es geht um Zukunftsvorhersagen durch künstliche Intelligenz, um ihre Gefahr und Unzuverlässigkeit. «Weil die Zukunft vorhersehbar wurde, ist die Gegenwart unvorhersehbar geworden», sagt eine Stimme an einer Stelle, dann kommen deutsche Rechtsextreme ins Bild. Warum niemand den Brexit habe kommen sehen, wird an anderer Stelle gefragt.

Zu sehen bekommt man auf der Mega-Schau auch ein zersägtes Motorrad von der deutschen Künstlerin Alexandra Birckel. Die australischen Zwillingsschwestern Christine und Margaret Wertheim werfen mit ihren aus kleinen Perlen geknüpften Korallen ein Schlaglicht auf die Gefährdung von Ökosystemen wie Korallenriffen durch die globale Erwärmung und Plastikmüll.

Neben dem Klimawandel werden sowohl in der Hauptausstellung als auch in den Länderbeiträgen immer wieder Identität, Herkunft und Tradition thematisiert. Im kanadischen Pavillon gibt das Kollektiv Isuma Einblick in das Leben der Volksgruppe der Inuit, im finnischen Pavillon wird Kunst des Volks der Samen gezeigt. Für den brasilianischen Beitrag haben sich die Künstler Bárbara Wagner and Benjamin de Burca mit dem Tanzstil Swingueira und der Lebenswirklichkeit ihrer Tänzer auseinandergesetzt.

Die Frage nach der Zugehörigkeit sei die Frage unserer Zeit, sagt der aus Kamerun stammende und in Berlin lebende Kurator und Kunstkritiker Bonaventure Soh Bejeng Ndikung. Und es sei die Aufgabe der Kunst und Künstler, «andere Modelle des Zusammenseins und Zusammenlebens» zu präsentieren.

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