Ranking in der Szene
Aktivisten fordern Kunstbetrieb heraus

Die Rangliste «Power 100» gilt als ein Gradmesser für die Machtverhältnisse in der globalen Kunstwelt. Dieses Jahr geht es vor allem um Protest gegen die Macht des Geldes. Aber das Ranking ist in der Szene auch durchaus umstritten.

Donnerstag, 14.11.2019, 14:56 Uhr aktualisiert: 14.11.2019, 14:58 Uhr
Nan Goldin ist laut Kunstranking «Power 100» auf Rang zwei der derzeit einflussreichsten Persönlichkeiten in der Kunstwelt.
Nan Goldin ist laut Kunstranking «Power 100» auf Rang zwei der derzeit einflussreichsten Persönlichkeiten in der Kunstwelt. Foto: Christophe Gateau

London/Berlin (dpa) - Proteste gegen Millionenspritzen umstrittener Pharmakonzerne, Debatten um geraubte Kolonialobjekte, Kritik am west- und männerzentrierten Blick auf die Kunstgeschichte - Proteste erschüttern den internationalen Kunstbetrieb.

Das Misstrauen gegen die Macht des Geldes und gegen eingefahrene Positionen wird größer. Das zeigt die neue «Power 100»-Rangliste 2019. Das Kunstranking listet die nach Meinung einer internationalen Jury wichtigsten Player und Debattenführer in der weltweiten Kunstszene auf.

Die Macht in der Kunst sei «nie weniger absolut und fluider» gewesen als zur Zeit, resümiert das britische Kunstmagazin «ArtReview». Museen, Galerien, Messen und Auktionshäuser würden «gestört durch laute, lebendige und insistierende andere Stimmen». Allerdings räumt «ArtReview» auch ein: «Das bedeutet nicht, dass alle alten Bastionen einstürzen und die Kunstwelt plötzlich ein Modell für Gleichberechtigung geworden ist.»

So steht auf Platz eins in diesem Jahr Glenn D. Lowry , Direktor des frisch sanierten Museums of Modern Art ( MoMA ) in New York. Lowry wagte in einem der wichtigsten Kunstmuseen der Welt das Experiment, eingefahrene Wege zu verlassen und nicht mehr in Ehrfurcht vor Picasso und Co. den Blick auf andere Kontinente zu vernachlässigen. Lowry wolle eine «globalere Repräsentation der Kunstgeschichte und der Diversität der Künstler», so «ArtReview».

Aber auch Lowry ist Teil der alten Kunst-Elite. Das MoMA ist auch nicht das erste Museum, das Kunst aus Afrika oder Asien sichtbar macht und die lineare Erzählung einer männlich und westlich geprägten Kunstgeschichte infrage stellt. Das MoMA sei weltweit aber trotzdem «eine eindeutige Referenz», sagt die in Berlin ansässige Galeristin Esther Schipper, die auf Platz 67 steht.

Wie Künstler mächtige Museen unter Druck setzen können, zeigt das Beispiel der US-amerikanischen Star-Fotografin Nan Goldin . Sie schnellte von Platz 19 auf Rang zwei hoch. Goldin gehört zur Speerspitze der Protestbewegung gegen die milliardenschwere Pharmaunternehmer-Familie Sackler. Als Mäzene pumpten die Sacklers Millionen in Museen, bis sie wegen der Herstellung eines stark abhängig machenden Schmerzmittels in Verruf gerieten. Auf Druck Goldins und ihrer Mitstreiter beendeten der Louvre in Paris und die Tate in London die Zusammenarbeit mit den Sacklers.

Auch die deutsch-japanische Video-Künstlerin Hito Steyerl, dieses Jahr wieder auf Platz vier, nutzt ihre Macht. Sie machte bei ihrer Schau in der Serpentine Gallery in London Front gegen die Sackler-Mäzene. Steyerl will den Einfluss von Unternehmen, die Kunstinstitutionen zur eigenen Imageverbesserung nutzen, zurückdrängen.

Aus dem Stand wurden Felwine Sarr und Bénédicte Savoy auf Platz sechs katapultiert. Der senegalesische Ökonom und die in Berlin lehrende französische Kunsthistorikerin fordern die umfassende Rückgabe afrikanischer Kulturgüter an die ehemaligen Kolonien. Damit haben sie in vielen Ländern, auch in Deutschland, die Debatte über die Öffnung der Museumsdepots eröffnet.

Galerien aber sitzen weiter an den Hebeln der Macht. Zu den Top Ten gehören wie immer Mega-Galerist David Zwirner (5) und die Schweizer Iwan und Manuela Wirth (3). Dass es die 90 Jahre alte Japanerin Yayoi Kusama mit ihrer grellbunten Kürbis- und Punkte-Kunst auf Platz acht schaffte, dürfte auch Zwirner zu verdanken sein. Eine Kusama-Schau in Zwirners Dependance in New York zog laut «ArtReview» rund 75 000 Besucher an.

Auffällig aber sei die Sprunghaftigkeit der «Power 100», findet der deutsch-britische Kunsthistoriker Felix Krämer, der das Düsseldorfer Museum Kunstpalast leitet. So stürzte die #MeToo-Bewegung gegen sexuelle Übergriffe, vergangenes Jahr noch auf Platz drei, auf Rang 21 ab. «#MeToo ist aber immer noch ein wahnsinnig wichtiges Thema und prägt gesellschaftlich auch nach wie vor die Kunstwelt», sagt Krämer. Außerdem sei die Liste doch sehr von einem amerikanischen Blick auf die Kunstwelt geprägt, findet er.

Unter den Top Ten 2019 sind außerdem nur vier aus dem vergangenen Jahr dabei. «Daran sieht man, wie sprunghaft diese Liste ist», sagt Krämer. «Wenn man sich daran orientieren wollte, müsste man sich jedes Jahr neu orientieren.» Ihm fehlt «ein bisschen das Fleisch am Knochen, um daraus wirklich etwas ableiten zu können».

Trotzdem wartet die Szene jedes Jahr gespannt darauf, wer in den «Power 100» drin ist und wer nicht. «Es werden sich alle darüber unterhalten», sagt Schipper. Auch Krämer sagt: «Jeder von uns guckt sich das gern an.»

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