Kunstmarkt
Corona befeuert Online-Auktionen

Astronomische Summen für Kunst blieben im Corona-Jahr auf dem Auktionsmarkt aus. Dennoch haben sich die Auktionshäuser als erstaunlich krisenresistent erwiesen. Kunstversteigerer in Deutschland sorgten sogar für Überraschungen.

Dienstag, 15.12.2020, 13:53 Uhr aktualisiert: 15.12.2020, 13:56 Uhr
Francis Bacons Triptychon «Inspired by the Oresteia of Aeschylus» von 1981 erzielte bei Sotheby's New York 84,6 Millionen US-Dollar (ca. 75 Millionen Euro).
Francis Bacons Triptychon «Inspired by the Oresteia of Aeschylus» von 1981 erzielte bei Sotheby's New York 84,6 Millionen US-Dollar (ca. 75 Millionen Euro). Foto: Luciana Guerra

New York/Düsseldorf (dpa) - Die Corona-Pandemie hat auch den Kunstauktionsmarkt weltweit durcheinandergewirbelt. Die großen New Yorker Auktionshäuser mussten ihre normalerweise rekordträchtigen Präsenzauktionen im Mai und November immer weiter nach hinten schieben und schließlich weitgehend ins Internet verlegen.

Auktionsrekorde in dreistelliger Millionenhöhe wie etwa noch 2019, als ein Monet-Gemälde für 110 Millionen Dollar den Besitzer wechselte, blieben im Corona-Jahr 2020 aus. Den höchsten Erlös erbrachte 2020 ein Triptychon von Francis Bacon bei Sotheby's mit rund 85 Millionen Dollar - immerhin deutlich mehr als zuvor erwartet.

Das Gesamtvolumen der gehandelten Werke sei 2020 stark gesunken, sagt Johannes Vogt , Leiter der Abteilung Zeitgenössische Kunst beim Kunstmarkt-Internetdienstleister Artnet. «Aber der Markt ist da, und er ist unglaublich resistent gewesen in der Krise.» Das sei der große Unterschied zur Finanzkrise 2008, als auch der Kunstmarkt in den Keller ging.

«Das Interesse und die Kaufkraft ist da, es ist nur insgesamt global das Volumen heruntergegangen», sagt Vogt. Zwischen April und Herbst hätten die Verkäufer ihre hochpreisigen Werke wegen der übergreifenden Unsicherheit zurückgehalten. Ein großer Teil des Geschäfts der großen Auktionshäuser werde inzwischen aber ohnehin über private Verkäufe erledigt. Sogenannte «Private Sales» seien extrem angestiegen. «Der Trend besteht aber schon seit Jahren und hat nichts mit Corona zu tun.»

Corona war vor allem ein Katalysator für Online-Auktionen. Erstmals seien auch Werke im Millionenbereich nur online angeboten worden, sagt Vogt. Sotheby's etwa verkaufte auf einer «Online-Only»-Auktion ein Werk des russischen Romantik-Malers Iwan Aiwasowski für den Rekordpreis von 2,8 Millionen Dollar.

Auch Artnet habe bei ein «absolutes Rekordjahr erlebt», sagt Vogt. Das Haus ist nach eigenen Angaben das bislang einzige «Online-Only»-Auktionshaus, das nur im Internet versteigert. «Unser Geschäft ist seit April durch die Decke gegangen.»

Die Pandemie habe im Auktionsmarkt und in der Kunstbranche «einen enormen Wandel ausgelöst», sagt Bastienne Leuthe, Senior Director für zeitgenössische Kunst bei Sotheby's Deutschland. «Für Sotheby’s bedeutete das eine Beschleunigung der Digitalisierung in einem noch nicht dagewesenen Ausmaß.» Mit 362 Online-Auktionen in allen Kategorien habe Sotheby's 522 Millionen Dollar erzielt. Wöchentlich werden jetzt bei Sotheby's auch Juwelen oder Armbanduhren online versteigert. Ein Paar Sneaker Nike Air Jordans wurden für 560 000 Dollar verkauft.

Ob Designer-Handtaschen, Edelsteine, teure Weine oder Sneakers - auch Christie's ist auf diesem Gebiet schon länger aktiv und versteigerte in diesem Jahr beispielsweise ebenfalls ein Paar von Basketball-Star Michael Jordan getragene Sportschuhe für den Rekordpreis von 615 000 Dollar. Sotheby's bot beispielsweise eine Plastik-Krone des Rappers Notorious B.I.G. (1972-1997) an, die fast 600 000 Dollar einbrachte. «40 Prozent der Kunden in unseren Online-Verkäufen sind Neukunden, und mehr als ein Viertel der Onlinekäufer ist unter 40 Jahren», sagt Leuthe.

Eine Überraschung bieten im Corona-Jahr deutsche Auktionshäuser: Trotz Krise erzielten Ketterer Kunst in München und Van Ham in Köln Rekordergebnisse. Mit rund 60 Millionen Euro erreichte der Jahresumsatz bei Ketterer Kunst 2020 fast das Niveau von 2019 (62 Mio. Euro). Drei Werke knackten die für deutsche Häuser magische Millionen-Marke. Das Bild «Christiane und Kerstin» von Gerhard Richter erzielte mehr als 2,6 Millionen Euro, zwei Werke von Ernst Ludwig Kirchner kamen auf fast 1,7 Millionen und gut eine Million Euro.

«Wir sind fast Profiteure von Corona», sagt Inhaber Robert Ketterer. «Wir haben im Juni unsere beste Frühjahrsauktion in der Geschichte gemacht.» Die Umstellung auf online ist bei Ketterer nicht schwer gefallen. Schon vor Corona kamen bei den Münchnern fast 90 Prozent aller Gebote von außerhalb des Auktionssaals - also telefonisch, schriftlich oder online. «Unsere Online-Auktionen sind durch die Decke gegangen», sagt Ketterer. «Die haben wir verfünffacht.» 2020 hat Ketterer 16 reine Online-Auktionen veranstaltet. «Corona ist wirklich ein Katalysator für die Digitalisierung, auch bei der Kunst.»

Van Ham in Köln erzielte mit fast 40 Millionen Euro sogar das beste Gesamtjahresergebnis in der Geschichte des Hauses. Allein 34 «Online-Only»-Auktionen gab es bei Van Ham mit einem Gesamtumsatz von rund 3,4 Millionen Euro. Geschäftsführer Markus Eisenbeis hat früh auf technologische Unabhängigkeit im sensiblen Online-Auktionsbereich gesetzt. Schon vor Corona ließ er eine eigene Internetplattform entwickeln, um unabhängig zu sein von Technologie-Anbietern. Auch Kundendaten seien dadurch gesichert, sagt Eisenbeis.

Allein rund 4000 Objekte versteigerte Van Ham bei reinen Online-Auktionen. Ein großes Depot vor den Toren Kölns dient inzwischen als Logistikzentrum. Eisenbeis beobachtet einen Trend: «Seit Jahren werden die Säle immer leerer.» Online zu bieten, sei auch bei Live-Auktionen schon lange Usus. «Die Leute mussten sich gar nicht groß umstellen.»

© dpa-infocom, dpa:201215-99-697603/3

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