Kulturbetrieb
Museen nach der Zwangspause: Frischer Wind oder Dauerflaute?

Server stürzen ab, weil nach der Corona-Zwangspause so viele Menschen ins Museum wollen. Das deutet auf eine neue Sehnsucht nach Kultur hin. Experten sehen die Sache allerdings weniger rosig.

Sonntag, 14.03.2021, 10:37 Uhr aktualisiert: 14.03.2021, 10:40 Uhr
Christian Saehrendt befürchtet eine Verhaltensänderung beim Kulturkonsum.
Christian Saehrendt befürchtet eine Verhaltensänderung beim Kulturkonsum. Foto: Helena Saehrendt

Köln/Basel (dpa) - Hungert das Volk nach Kultur? Die Frage kann man sich stellen, nachdem in der vergangenen Woche die Server von zwei Museen wegen starker Nachfrage nach Ausstellungstickets abgestürzt sind.

In Köln war es die Andy-Warhol-Ausstellung, die den Ansturm auslöste, in Karlsruhe provozierte die Retrospektive eines in Deutschland weitgehend unbekannten französischen Hofmalers den massiven Zugriff der Kunstinteressierten.

Dennoch lässt sich daraus nicht ohne weiteres ableiten, dass jetzt überall der große Ansturm auf die Museen einsetzt. «Auf der einen Seite treffe ich viele Leute, die sagen, dass sie sich danach sehnen, dass der kulturelle Betrieb wieder losgeht», sagt Stephan Berg , Direktor des Kunstmuseums Bonn.

Das Bedürfnis nach Kultur sei auf jeden Fall da. Aber ob es sich auch gleich in einem Run auf die Museen niederschlage, sei eine andere Frage. «Wir stellen uns eher auf einen etwas zögerlichen Beginn ein und hoffen dann, dass es in den nächsten Monaten Fahrt aufnimmt. Das wäre in etwa analog zum ersten Lockdown.»

Der in der Schweiz lebende Kunsthistoriker und Bestsellerautor Christian Saehrendt («Das kann ich auch!») sieht es ähnlich. «Die Meldungen von Server-Zusammenbrüchen sind natürlich auch Eigen-PR der betreffenden Institutionen», vermutet er. «Wenn ein Dutzend Leute gleichzeitig versuchen, ein Zeitfenster-Ticket zu buchen, dann kann das schon mal zu Problemen führen, und das kann man dann den Medien verkaufen als Ansturm auf den Server.»

Saehrendt befürchtet, dass die Corona-Pandemie eine mittelfristige Verhaltensänderung beim Kulturkonsum hervorrufen wird. «Zum Beispiel habe ich die Befürchtung, dass das Kunstpublikum, das ja zum größten Teil aus sogenannten Risikogruppen besteht, nicht im vollen Umfang in die Museen und Kultureinrichtungen zurückkehrt, weil eine Restangst vor Ansteckung bleibt.»

Aber auch das junge Publikum könnte betroffen sein, weil es seine Freizeit am liebsten spontan gestaltet und sich deshalb mit der Buchung von Zeitfenstern schwer tut. «Da sind die Kultureinrichtungen also quasi doppelt bedroht.»

Schon vor der Pandemie hatten die Museen Probleme. Saehrendt bringt es so auf den Punkt: «Das Publikum galt als zu alt, zu gebildet und zu biodeutsch.» Um das zu ändern, haben sich die Museen manches einfallen lassen. Sie setzten zum Beispiel auf Veranstaltungen mit Eventcharakter wie die «lange Nacht der Museen». Prosecco, Schnittchen, Partystimmung - und die Kunst als «Kompetenz-Tapete» im Selfie-Hintergrund, wie Saehrendt es ausdrückt.

Die soziale Komponente wurde sehr wichtig. Aber das fällt in der Pandemie weg und könnte auch danach nicht mehr richtig zurückkommen. «Ich weiß nicht, ob Sie sich auf der Art Basel noch mal mit 30.000 Personen zeitgleich in den Messehallen aufhalten werden», gibt Saehrendt zu bedenken. So könnte sich der Spaßfaktor des ganzen Kunstbetriebs deutlich reduzieren.

In der Pandemie setzten die Museen verstärkt auf den Online-Bereich. Zumindest für die 20- bis 40-Jährigen hätten Untersuchungen auch tatsächlich gezeigt, dass sie die Viewing Rooms der Museen besuchten, sagt Saehrendt. Allerdings sieht er auch hier ein Risiko: «Wenn der Museumsrundgang vom Sofa aus immer besser wird, dann werden sich die Digital Natives irgendwann fragen: 'Ich hab hier doch alles in super Qualität, warum soll ich jetzt noch in die Innenstadt fahren und mir da im Museum die Hacken ablaufen?'» Insofern ist die Digitalisierung einerseits eine Chance für die Kunst, das Publikum zu vergrößern, könnte aber auch den gegenteiligen Effekt haben, dass das Vorort-Publikum stark verkleinert wird.

Natürlich ist da immer noch die Aura des Originals. So sagte der Direktor der Tate Britain, Nicholas Serota, nachdem er sich einmal Gerhard Richters Gemälde «Ema (Akt auf einer Treppe)» im Kölner Museum Ludwig angesehen hatte: «Im Original wirkt das Bild natürlich ganz anders als auf einer Abbildung.» Viele werden bestätigen, dass es allein aufgrund seiner Größe eine viel direktere Wirkung hat, als dies auf einem Computerschirm je der Fall sein kann.

Das gilt erst recht für Skulpturen und Rauminstallationen, die man durchwandern muss, um sie wahrnehmen zu können. Es stellt sich allerdings die Frage, ob hier nicht mittlerweile eine Entwöhnung eingesetzt hat. «Man könnte sogar sagen, wenn es so weitergeht mit der Pandemiesituation und der Kunstbetrieb immer digitaler wird, wird es natürlich einen Trend geben hin zu Kunstwerken, die man digital auch gut abbilden kann», glaubt Saehrendt. «Das wird das Leben für Bildhauer natürlich schwer machen.»

Wie es wirklich kommt, müssen die nächsten Monate zeigen. Dass aber alles einfach wieder so wird wie vor der Pandemie, kann man sich nicht richtig vorstellen.

© dpa-infocom, dpa:210314-99-814774/4

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