Musik
Vergesst die Schwerkraft: Tocotronic und die Liebe

Gesellschaftskritik und feinsinnige Parolen: Tocotronic gilt als Band für klugen Diskursrock. Auf ihrem neuen Album widmen sich die vier Musiker nun der Liebe. Herausgekommen ist ein wunderbares Popalbum.

Donnerstag, 30.04.2015, 11:04 Uhr

Berlin (dpa) - «Was könnte das Ereignis sein?», fragen Tocotronic seit ein paar Wochen. Als erste Single des neuen Albums veröffentlichte die Band im Februar den zarten Popsong «Prolog». Und der liefert die Antwort gleich mit: «Liebe wird das Ereignis sein.»

Tatsächlich ist dieser Ausblick auf «Das rote Album» von Sänger Dirk  von Lowtzow , Bassist Jan Müller , Gitarrist Rick McPhail und Schlagzeuger Arne Zank wörtlich zu nehmen. Zwölf Songs erzählen vom Urthema des Pops. Aber kann man ein ganzes Album über Liebe machen und dabei noch was Neues sagen? Ja. 

Natürlich geht es auch hier um die ganze Palette der menschlichen Zweisamkeit: verliebte Teenies, großer Kummer, große Hoffnung, öde Langzeitpaare. Doch die Band erzählt die Geschichten, die wir alle kennen mit besonders feinen Worten - und nicht immer in den herkömmlichen Bildern. 

Wenn Dirk von Lowtzow (44) etwa über die singt, die am längsten zusammen sind, verwendet er das Wort Liebe nicht, sondern spricht von Haft. In dem gleichnamigen Song heißt es: «Wir sind uns fremd, doch gibt es nichts, was uns trennt. Wir haben nie gelebt, doch sind wir miteinander verklebt.» In einem anderen Lied ist die langweilige Langzeitverbändelung schlicht mit «verwohnter Liebe» beschrieben.

Auch für die Hoffnung, die eine neue Liebe immer wieder mit sich bringt, finden Tocotronic schöne Worte - Schwerkraft und Zeit werden außer Kraft gesetzt, wenn zwei sich aufeinander einlassen: «Wir entkommen zu zweit der Unsichtbarkeit.»

Neben aufkeimender Liebe, Beziehungschaos oder Erinnerungen, die quälen, drehen sich die Songs auch immer um die Suche nach einem Platz im Leben - und das muss gar nicht unbedingt der richtige sein. Wie man sich nur allzu oft von eben dort wegwünscht, beschreibt «Diese Nacht»: Man träumt sich aus dem Alltag in irgendein Abenteuer und weiß am nächsten Morgen um die Vergeblichkeit - «Pädagogisch wertlos ist das Ergebnis dieser Nacht.»

All das klingt poppiger als auf den zehn Alben zuvor, auch wenn manche Stücke immer noch den wütenden Gitarrensound bieten. Immer wieder sind Streicher- und Chorarrangements zu hören, die die treibenden Songs mal erhaben, mal zart wirken lassen.

So wirkt die Band - die seit über 20 Jahren die deutsche Musikszene prägt und Parolen wie «Samstag ist Selbstmord», «Sag alles ab» oder «Kapitulation» rief - milder als sonst. Das letzte Album hieß noch «Wie wir leben wollen», jetzt also Poesie statt Schlachtruf. Sänger von Lowtzow sagte dazu der Deutschen Presse-Agentur: «Wir haben wirklich sehr viel nachgedacht über dieses Thema Liebe und wenn man sehr viel nachdenkt, ist man nicht mehr so wütend.»

Live zu hören sind die zwölf Songs in verschiedenen deutschen Clubs. Utner anderem am Erscheinungstag des Albums, dem 1. Mai in Berlin. Dann wollen Tocotronic im SO36 in Kreuzberg auftreten. Während sich draußen also linke Demonstranten und Polizisten beharken, singen Tocotronic drinnen von Liebe? Von Lowtzow sagt, das passe: Liebe sei revolutionär und bringe irgendwie auch immer Schaden. 

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