Interview mit den Scorpions
Plötzlich Millionen Facebook-Fans

Münster -

Pünktlich zur Weihnachtszeit veröffentlichen die Scorpions ein neues Album. Keine Best-of-Kompilation im üblichen Sinn, sondern eine Sammlung ihrer Balladen. Unser Redakteur Carsten Vogel hat mit Gitarrist Rudolf Schenker gesprochen.

Donnerstag, 14.12.2017, 13:12 Uhr

Die Scorpions sind Hannovers Antwort auf Hardrock: Rudolf Schenker (2.v.r.) wird im kommenden Jahr bereits 70 Jahre alt.
Die Scorpions sind Hannovers Antwort auf Hardrock: Rudolf Schenker (2.v.r.) wird im kommenden Jahr bereits 70 Jahre alt. Foto: Jovan Nenadic

2012 waren die Scorpions vermeintlich auf Abschiedstour. Aber Sie scheinen mir weit weg von der Rente zu sein.

Rudolf Schenker : Nach unserem Album „Sting in the Tail“ (2010) waren wir uns sicher, dass wir so ein gutes Album nicht wiederholen würden. Außerdem wollten wir uns auf der Bühne nicht wie alte Herren bewegen und uns lächerlich machen. Aber dann kamen viele Sachen zusammen.

Was ist passiert?

Schenker: Am 10. Januar 2013 kam ein Anruf, ob wir bei MTV-Unplugged spielen würden. Das stand bei uns immer schon auf dem Zettel. Wir haben es dann als Konzert vor 4000 Leuten im Lycabettus-Theater in Athen gespielt.

Sehr erfolgreich...

Schenker: Ja, die Nachfrage war enorm. Dazu hatten wir plötzlich Millionen Follower auf Facebook. Anfangs waren wir bei einer Million Facebook-Fans, jetzt sind es bereits sieben Millionen. Dieser Zuspruch vieler Fans – und wir haben festgestellt haben, dass der Großteil unserer Facebook-Freunde im Alter zwischen 16 und 28 Jahren sind – hat uns noch zusätzlichen Ansporn gegeben. Ein letzter Punkt war, dass unser Manager vor zwei Jahren meinte, dass wir 50 Jahre Scorpions doch auf keinen Fall an uns vorbeiziehen lassen dürften.

Apropos Facebook: Ihr Sohn ist zweieinhalb Jahre alt. Kann der auch schon ein Smartphone bedienen?

Schenker: Mit dem Handy wusste er ganz schnell umzugehen. Aber er hat Gitarren lieber. Nachdem er mit ungefähr einem Jahr die ersten Konzerte für ein paar Minuten am Arm seiner Mutter und mit Ohrschützern gesehen miterlebt hat, greift er sich irgendwelche Gitarren, ahmt meine Posen nach und ruft „Rock You Like a Hurricane“ (lacht). Wenn ich nach Hause komme, ist es immer das erste, was ich machen muss: Gitarre spielen und „Rock You Like a Hurricane“ singen.

Und jetzt sind die Scorpions aber gekommen, um zu bleiben?

Schenker: Ja, es hat sich alles geändert. Wir machen jetzt solange weiter, wie wir Spaß haben. Dazu kommt, dass Mikkey Dee von Motörhead zu uns gestoßen ist: Er wirkt wie Tuning mit einer unglaublichen Vitalität.

Der Facebook-Post wird geladen

Dieses Jahr haben Sie im ausverkauften Madison Square Garden gespielt. Haben Sie eigentlich noch Ziele?

Schenker: Weil sich die Welt so schnell ändert, bekommt man nie alles durch. Wenn Leute rückblickend uns fragen: Hättet ihr mal gedacht, dass ihr dieses oder jenes machen, da oder dort spielen? Dann können wir antworten, dass, wer mutig bleibt, letztlich auch belohnt wird. Im Moment sehen wie noch ein paar spannende Sachen, die uns interessieren: Mal sehen, ob die sich positiv entwickeln.

Sie haben auch „Winds of Change“ in New York gespielt. Der Song war nicht immer im Programm. Merkt man als Musiker, wenn die Fans einen Song nicht mehr hören wollen?

Schenker: Genau so ist das. Ein Großteil unser Fans kam damals aus dem „Hardrock-Lager“. Als das Lied 1990 erschien, wurden die Scorpions plötzlich von allen Generationen, querbeet, gehört. Die „Ultra-Heavys“ haben sich daraufhin vielleicht verraten gefühlt. Jetzt, Jahre später, hat sich die Situation verändert, auch die Hartgesottenen sind emotionaler geworden . Und weil man nicht weiß, was als nächstes auf der Welt schlimmes passieren wird, singen gerade auch die Amerikaner aus vollem Herzen „Wind of Change“ mit und hoffen auf Veränderung. Nicht umsonst haben wir unsere Tour „Crazy World“ getauft (lacht).

Mehr zum Thema

50 Jahre Scorpions - und kein Ende in Sicht

...

Vielleicht wollen die Amerikaner auch nur etwas wieder loswerden, was sie sich selbst eingebrockt haben.

Schenker: Vielleicht. Und wie man weiß, kann Musik vieles verändern.

Ihr aktuelles Album bündelt die Balladen. Wie kam es zu dieser Idee?

Schenker: Die Plattenfirma kam auf die Idee und wir haben gesagt: Fantastisch. Es war jetzt an der Zeit für die Umsetzung eines Balladenalbums. Damit wurde unsere Kreativität angeregt. Klaus (Meine, Sänger der Band), Matthias (Jabs, Gitarrist) und ich hatten Ideen für neue Songs. Und Balladen passen einfach gut in die Vorweihnachtszeit.

Ihre Fans sind milder geworden. Sie werden kommendes Jahr 70 Jahre alt. Sind Sie auch ruhiger geworden oder wird ihr kommendes Album eher härter?

Schenker: Das kann man nicht planen: Rock‘n‘Roll ist eine in der Luft freischwebende Kraft. Metallica kommen ja auch schon in gefährliche Nähe zur 70 (lacht) und ihr aktuelles Album ist toll und sehr hart. Die Stones sind noch älter und machen fantastische Bühnenshows. Wir machen nach unserem Fernsehauftritt bei „Ein Herz für Kinder“ erstmal eine Kreativpause. Und danach gucken wir, wie wir ein Riff nach dem anderen hinlegen.

Anzeige
http://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/5357700?categorypath=%2F2%2F84%2F61%2F197%2F201%2F1819525%2F
Nachrichten-Ticker