Konstantin Wecker im Interview
Mehr als nur ein Mosaiksteinchen in der Kultur

Münster -

Sänger, Vollblutmusiker und absolutes Energiebündel auf der Bühne: Konstantin Wecker ist einer der bekanntesten Liedermacher des Landes. Seit Jahrzehnten kämpft der Münchner gegen aufkeimenden Rechtsruck. Die Ballade, des von einem Rechtsradikalen erschlagenen fiktiven Freundes „Willy“, ist deutsches Kulturgut. Nach den Vorfällen in Chemnitz hat Wecker jetzt ein neues Album veröffentlicht, das seine antifaschistischen Lieder bündelt. 

Samstag, 29.12.2018, 10:00 Uhr
Ton für Ton, Wort für Wort lässt Konstantin Wecker Ängste und Resignation gegen den bedrohlichen Nazi-Wahnsinn anklingen.
Ton für Ton, Wort für Wort lässt Konstantin Wecker Ängste und Resignation gegen den bedrohlichen Nazi-Wahnsinn anklingen. Foto: Dominick Beckmann

Vor ein paar Wochen habe ich im Bayrischen Rundfunk einen Beitrag über Hans Söllner mit dem Titel gesehen: „Der letzte wirkliche Liedermacher aus Bayern“. Da dachte ich, ich wüsste jemanden, der jetzt den Finger heben müsste.

Konstantin Wecker : Merkwürdig eigentlich. Vielleicht, weil Söllner mehr Dialekt singt?

Das könnte sein. Ist der Begriff Liedermacher für Sie per se politisch konnotiert?

Wecker: Ich finde schon. Der Begriff ist in einer Zeit entstanden, als man entweder deutschen Schlager gemacht hat oder Liedermacher war. In den 70er Jahren waren die Texte meistens politisch. Es ging los mit Degenhardt („Spiel nicht mit den Schmuddelkindern“) . . .

Ihr Idol?

Wecker: Unser aller Vorbild. Aber als ich 18 oder 19 Jahre alt war und noch Gitarre gespielt habe, habe ich mal Georg Kreisler gehört und gedacht, wow, das geht auch mit dem Klavier. Ich war immer ein besserer Pianist als Gitarrist. Aber zurück zu Ihrer Frage. Ich glaube, dass der Begriff Liedermacher kein besonders poetisches Wort ist (lacht), aber er stammt wohl daher, dass man eben Lieder bewusst gemacht hat, und diese bewusste Konnotation gab es deswegen auch. Ich wollte damals nicht als politischer Sänger gelten. Das sehe ich heute zwar anders, aber damals gab es eine solche Schwemme an politischen Songs, da habe ich trotzig gesagt, ich will eigentlich Liebeslieder schreiben.

Haben Sie ja unter anderem auch.

Wecker: Sehr viele sogar (lacht). Mir kam aber immer wieder die Wut dazwischen und heute kommt mir sogar sehr viel Wut dazwischen.

Sie haben mal gesagt, dass Ihre Musik, die Welt besser gemacht habe. Mit Blick auf die vergangenen zwei Jahre: Würden Sie das noch so unterschreiben?

Wecker: Ja - und man darf das nicht als einen größenwahnsinnigen Ausspruch verstehen -, sondern ich will damit sagen, dass man als Mosaiksteinchen in der Kultur natürlich etwas bewirken kann. Auf die Frage nach der Ungerechtigkeit in der Gesellschaft und dass wir nichts bewirkt hätten, hat Hannes Wader mal geantwortet, dass die Frage unfair gestellt sei und entgegnet, wie die Welt wohl aussähe, wenn es uns Mosaiksteinchen nicht gäbe. Und so sehe ich das auch. Die Kultur hat in den letzten zwei Jahrtausenden ganz bestimmt immer wieder die Welt davor bewahrt, nicht noch unmenschlicher zu werden.

Absolut, Kultur ist immens wichtig.

Wecker: Mit Kultur und der Hilfe engagierter Menschen - und das müssen keine Prominenten sein, das ist überhaupt nicht wichtig, das können aufrechte Journalisten genauso wie Flüchtlingshelfer sein - werden wir den drohenden Faschismus überwinden.

Ärgert es Sie trotzdem, dass sich zu wenig Künstler politisch positionieren?

Wecker: Manche haben vielleicht Angst davor, jetzt politische Lieder schreiben zu müssen. Aber das ist ja gar nicht notwendig. Diejenigen, die in der Gesellschaft eine Funktion und damit sich auch einen Namen gemacht haben, die sollten sich deutlicher positionieren. Das finde ich schon notwendig. Die meisten Politiker versagen doch, weil sie anstatt die Themen der AfD ins Leere laufen zu lassen, sie diese auch noch aufgreifen.

In einer der Versionen von „Willy“ - ich glaube, das war „Die Ballade von Antonio Amadeu Kiowa“ - haben Sie darüber mal gesungen: „Als Antwort auf diese Schweinereien haben sie versprochen, das Asylproblem in den Griff zu bekommen - dem Mob recht geben, nur um an der Macht zu bleiben und die nächsten Wahlen zu gewinnen, pfui Deife“. Das ist ja genau das, was die CSU im bayrischen Wahlkampf gemacht hat.

Wecker: Ganz genau.

Wie sehr freut Sie das Wahlergebnis?

Wecker: Das hat mich gefreut. Überhaupt keine Frage. Das ist für einen Bayern, der über Jahrzehnte unter der Alleinherrschaftsknute einer Partei leiden musste, die er nie mochte und nie wählen würde, eine satte Befriedigung. Es gab im Wahlkampf wirklich große Demonstrationen in München. Und die Reaktion von Herrn Söder darauf, was schon 70.000 Leute im Vergleich zu Millionen Bayern sind, finde ich einfach unverschämt. Er hat das kein bisschen Ernst genommen, und das ist eines Politikers nicht würdig.

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Ihr Song „Willy“ ist ein bisschen wie eine Kefir-Kultur, oder? Die kann man immer wieder neu ansetzen.

Wecker: (lacht) Ich würde es einfacher formulieren. Dadurch, dass der „Willy“ ein Talking Blues ist, kann ich in dieser Form frei von der Leber weg erzählen. Es war ja nie eine Kunstform, sondern ein Gespräch, das es mir erlaubt, wenn ich mich aufrege, ihn durch das symbolische Ansprechen zu adressieren. Aus dem Bauch heraus.

In einem anderen Beitrag beim BR hat die Gerichtsreporterin der Süddeutschen Zeitung nach dem NSU-Prozess gesagt, dass der Verfassungsschutz den Rechtsextremismus extrem vernachlässigt habe, weil man sich zu sehr mit den Linksradikalen und den Islamisten beschäftigt habe. Ist das ein Grund für das Wiedererstarken der Nationalisten in diesem Land?

Wecker: Das mag mit eine Rolle spielen, aber ich fürchte, dass es latent einfach immer noch vorhanden war. Man hat es nur nicht gemerkt, weil der Konsens eher ein linksliberaler war. Ich hätte vor ein paar Jahren nie gedacht, dass es bis in die Mitte der Gesellschaft hinein nicht nur konservativ ist, sondern viele darüber hinaus das Völkische sogar vermisst haben. Ein entscheidender Satz im neuen „Willy“ lautet: „Wer seine Identität nicht in seinem tiefsten Selbst wahrnehmen kann, sucht sich Identität bei ‚Identitären‘. In etwas Größerem, ‚Hehren‘ - in Volk, Nation und Vaterland“.

Also Zwiespalt und Zweifel?

Wecker: Die einen sind verunsichert, durch den Neoliberalismus, durch den Finanzkapitalismus, sie haben Angst, überhaupt noch sozial aufgefangen zu werden. Und die anderen, die bürgerliche Mitte, will keine Experimente und fühlt sich von allem bedroht, was nach links geht. Es ist erschreckend für mich zu sehen, dass ich selbst gedacht oder geglaubt habe, dass der Großteil wirklich aufrichtig demokratisch gesinnt sei und die Aufarbeitung der schrecklichen Vergangenheit etwas bewirkt habe. Anscheinend ist es doch nicht so.

Würden Sie denn die Aussage von Emmanuel Macron unterschreiben, dass Patriotismus das Gegenteil von Nationalismus ist.

Wecker: Nein, überhaupt nicht. Der Macron soll sich mal meine Texte anhören (lacht). Das ist beides genau das Gleiche. Damit will man doch nur denen recht geben, die nach Heimat schreien. Wir brauchen diese Ismen überhaupt nicht. In dem zweiten „Vaterland“-Lied, das ich geschrieben habe und das jetzt auf der neuen CD wiederveröffentlicht wird (das aber nicht so bekannt wurde, wie das erste, in dem es um einen Neonazi ging, der seinen Vater anklagt, weil er unter Hitler Sozialist war), habe ich 2004 bereits von Heimat geschrieben. Natürlich habe ich Gefühle für Bayern, das ist ein schönes Land, keine Frage. Auch an der Nordsee kann es wunderschön sein, und ich verstehe jeden, der da immer wieder hinfährt. Aber das hat doch nichts mit Patriotismus zu tun. Da, wo man sich selbst begegnet, da ist wirkliche Heimat.

Sie geben Konzerte, die mitunter drei Stunden dauern. Sie singen: „Man muss weiterkämpfen auch wenn die ganze Welt den Arsch offen hat.“ Woher nehmen Sie diese Energie?

Wecker: Erstens von der Musik. Sein Leben lang einen Beruf ausüben zu dürfen, der einem wirklich Freude macht, das ist schon ein unglaubliches Geschenk. Man wird im Alter übrigens immer dankbarer. Wie viele Leute gehen täglich lustlos zur Arbeit? Für mich ist die Musik etwas, in das ich abtauchen kann, mein Ego und auch meine Sorgen beim Musizieren vergessen kann. Und zweitens schöpfe ich eine unglaubliche Kraft durch mein Publikum. Ich lasse immer etwas Licht an, um mein Publikum zu sehen, weil ich nicht in eine dunkle Masse spielen, sondern sehen und spüren möchte, wie man das Publikum auf die eigene Reise mitnehmen kann. Der große Cellist Pablo Casals hat das am schönsten ausgedrückt, als er sagte, nicht der Applaus des Publikums ehre den Künstler, sondern die Stille.

Ihre Fans in Münster würden das bestimmt auch noch mal miterleben wollen.

Wecker: Münster liegt mir wirklich am Herzen, weil ich als 21- oder 22-Jähriger ein paar Wochen in der Halle Münsterland den Hohepriester von „Jesus Christ Superstar“ geprobt habe. Die erste deutsche Tournee damals mit Reiner Schöne als Jesus. Da musste ich immer mit betrügerischen Veranstaltern um meine Gage kämpfen (lacht).

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